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Gasbildende Cremes und essbare Hautschutzmittel

11.03.2002  00:00 Uhr

DERMATOPHARMAZIE

Gasbildende Cremes und essbare Hautschutzmittel

von Christina Hohmann, Halle

Berufsdermatosen nehmen immer stärker zu und kosten durch Umschulungen und Arbeitsausfälle den Staat jedes Jahr Unsummen. Auch Bäcker sind gefährdet. Sie können ihre Hände und Arme aber nicht schützen, da sie die Hautschutzpräparate innerhalb kürzester Zeit in den Teig eingearbeitet hätten. Lebensmitteltaugliche, also "essbare" Präparate könnten eine Lösung sein.

Durch die gute medizinische Versorgung wird der Anteil der älteren Menschen an der Gesellschaft immer weiter steigen. Damit nehmen auch geriatrische Hautprobleme wie Melanome, Photokarzinome oder Onychomykosen stark zu, prognostizierte Professor Dr. Peter Elsner von der Friedrich-Schiller-Universität in Jena auf der Tagung "Trends der Dermatopharmazie" am 1. und 2. März in Halle . Die Veränderung der Alterspyramide werde die Dermatopharmazie erheblich beeinflussen. Auch Sekundärkomplikationen des Diabetes mellitus wie schlechte Wundheilung und Dekubitus belasten vor allem ältere Menschen. Außerdem kann die Multimorbidität der Patienten die Therapiemöglichkeiten zum Teil erheblich einschränken. In der geriatrischen Dermatopharmazie ist daher intensive Forschung gefragt, um neue Alternativen zur Prävention und Therapie anbieten zu können. Die Haut von älteren Patienten ist besonders pflegebedürftig, denn "die Zeit ist ein guter Arzt, aber ein schlechter Kosmetiker", erklärte Elsner mit den Worten William Somerset Maughams.

Die Tagung "Trends der Dermatopharmazie" veranstaltete das Institut für Angewandte Dermatopharmazie an der Universität Halle zu Ehren von Professor Dr. Wolfgang A. Wohlrab, anlässlich seines 65. Geburtstages. "Die fruchtbringende Verknüpfung der Pharmazie und Dermatologie in Halle geht auf ihn zurück", würdigte Professor Dr. Christian Marsch von der Universität Jena und Präsident der Tagung die Verdienste seines Kollegen. Er ist sein Leben lang der Stadt Halle und seiner Universität treu geblieben. Seit über 40 Jahren Bürger dieser Stadt, begann der Jubilar sein Studium an der Martin-Luther-Universität und trat bereits 1961 in die Hautklinik ein, deren Leitung er später übernahm. Ende März wird Wohlrab offiziell ausscheiden, aber dem aktiven Forscherleben nicht völlig entsagen, erklärte Marsch.

Vorbeugen ist besser als pflegen

Die Prävention von Hauterkrankungen am Arbeitsplatz nimmt einen immer größeren Stellenwert ein, erklärte Elsner den rund 250 Teilnehmern der Tagung. Gefährdete sind zum Beispiel Bäcker, die ständig mit Mehl und nassen Materialien arbeiten müssen. Aber ein Schutzpräparat würde nicht lange auf der Haut bleiben, sondern ins Essen gelangen: "Hautschutz auf der Haut ist gut - im Brötchen weniger", gab der Referent zu bedenken. Elsner forscht daher in seinem Institut an nahrungsmittelverträglichen Alternativen zu herkömmlichen Präventionsprodukten. Hierfür bieten sich Pflanzenfette wie etwa das Kokosfett an. Einen besonders protektiven Effekt zeigen kurzkettige Moleküle (C16 oder C18) wie zum Beispiel die Palmfette. Bisher hat der Forscher die unbearbeiteten reinen Fette untersucht, aus denen er als nächstes lebensmitteltaugliche Produkte entwickeln möchte. Diese "essbaren Hautschutzpräparate" sollten ausschließlich Konservierungsstoffe aus dem Lebensmittelbereich enthalten.

Um berufsbedingte Dermatosen zu vermeiden, ist es besonders wichtig, die Penetration der schädlichen Stoffe zu verhindern. Wie wiederholte Irritationstest, so genannte tandem-repeated irritation tests, ergaben, hat ein präexpositioneller Schutz die größte protektive Wirkung. Postexpositionelle Reinigung und Pflege haben zwar zusätzlich einen positiven Effekt, können aber entstehende Irritationen allein nicht verhindern.

Die Barriere schützen

Einige Konzepte für eine moderne Pflegetherapie bei chronischen Hauterkrankungen stellte Privatdozent Dr. Johannes Wohlrab aus Halle vor. Die regelmäßige Anwendung von Pflegepräparaten in den symptomfreien Intervallen soll den Therapieerfolg bei Psoriasis-Patienten oder Neurodermitikern konservieren und Rückfälle verhindern. Dabei muss vor allem die Barrierefunktion der Haut im Mittelpunkt stehen, für die hauptsächlich die interzellulären Lipide im Stratum corneum verantwortlich sind. Diese Lipide umgeben die verhornten Epithelzellen - die Keratinozyten - wie Mörtel die Ziegelsteine. Bei Psoriasis-Patienten und Neurodermitikern ist diese Barriere geschädigt, was zu einem ständigen transepidermalen Wasserverlust und somit zum Austrocknen der Haut führt. Ein neuer Ansatz, den Feuchtigkeitsverlust auszugleichen, ist, Enzyme zu aktivieren, die endogene Moisturizer synthetisieren. So setzt zum Beispiel das Enzym Arginase die Aminosäure L-Arginin zu Harnstoff um, einem in vielen Pflegeprodukten verwendeten Feuchthaltefaktor. Die Applikation von L-Arginin steigert die Aktivität der Arginase deutlich, wodurch in der Haut selbst Moisturizer entstehen. Die Aminosäure hat laut Wohlrab ein geringes Irritationspotenzial und ist galenisch gut zu verarbeiten.

Der Insulinsensitizer Troglitazon könnte sich in der Behandlung von Psoriasis bewähren, erste Daten sind sehr viel versprechend. Die Substanz bindet und aktiviert den nucleären Hormonrezeptor PPARg (peroxisome proliferator-activated receptor g), der eine Signalkaskade auslöst, die schließlich einen antiproliferativen Effekt hat.

Eine konsequente Basistherapie bei Patienten mit chronischen Hauterkrankungen mit beispielsweise harnstoffhaltigen Präparaten, können erhebliche Folgekosten sparen, erläuterte Professor Dr. Dietrich Abeck aus München. Rund 84 Prozent der Neurodermitiker könnten allein mit Basistherapeutika erfolgreich behandelt werden. Diese bräuchten die Pflegeprodukte allerdings "kiloweise". Daher hält es der Referent für einen Skandal, dass solche Präparate nicht von den Krankenkassen übernommen werden.

Gas in unserer Haut

Der gasförmige sekundäre Botenstoff Stickstoffmonoxid (NO) ist auch in der Haut an einigen wichtigen physiologischen Prozessen beteiligt. So reguliert er zum Beispiel durch Vasodilatation die Durchblutung, beeinflusst die neuronale Signaltransduktion sowie die Differenzierung der verschiedenen Hautzellen. Eine geringe Erhöhung der NO-Konzentration wirkt proinflammatorisch und proliferativ, erklärte Privatdozent Dr. Johannes Wohlrab.

Das Gas entsteht im Körper auf zwei verschiedene Arten: Entweder auf nichtenzymatischem Weg durch Reduktion von anorganischen Nitriten oder durch ein kompliziertes Enzymsystem, das die Aminosäure L-Arginin zu Citrullin und NO umsetzt. Es gibt eine Reihe von experimentellen Therapieansätzen, die in den NO-Metabolismus eingreifen und nun auch zum Teil wissenschaftlich untersucht werden. Zum einen könnte man die NO-Synthese durch Applikation von Argininanaloga blockieren. Dieser Ansatz hat bisher allerdings keinerlei praktische Relevanz. Zum anderen lässt sich auch die Stickstoffmonoxidkonzentration erhöhen, indem man das Gas direkt appliziert oder seine Synthese in der Haut steigert, um seinen proinflammatorischen Effekt zu nutzen. Erste Untersuchungen mit einer NO-freisetzenden Creme aus Na-Nitrit und Ascorbinsäure in einem amphiphilen System haben gute Ergebnisse geliefert. Eine ein- bis zweimal tägliche Anwendung der "blubbernden" Creme war äußerst erfolgreich in der Behandlung von Dellwarzen (Mollusca contagiosa). Auch die Applikation von L-Arginin kann die NO-Synthese steigern. Eine Mikroemulsionen mit dieser Aminosäure könnte sich in der Behandlung von Dellwarzen oder in der Therapie von Leishmaniose, Tinea pedis (Fußpilz) oder Vitiligo (Weißfleckenkrankheit) bewähren, vermutete der Referent.

Viel versprechende Vehikel

Ein weiterer Schwerpunkt der Tagung waren moderne Vehikelsysteme. Martin Albrecht aus Leichlingen berichtete von neuartigen, an der Lipidstruktur der Haut orientierten Formulierungen, die sowohl in ihrer Lipidzusammensetzung als auch in ihrer lamellaren Struktur den Hautlipiden ähneln. Dadurch ziehen die Cremes besonders gut ein, integrieren sich in die interzellulären Lipidstrukturen und regenerieren somit die gestörte Barrierefunktion. Sie sind besonders zur Pflege trockener Haut und für Psoriasis- und Neurodermitis-Patienten geeignet, erklärte der Referent. Solche DMS- (Derma Membran Struktur)-Cremes sind in Form von Physiogel® (Stiefel) und Optolind® (Hermes) bereits auf dem Markt. Eine Wirksamkeitsstudie zeigte, dass DMS-Cremes die Hautfeuchtigkeit langfristig erhöhen und auch noch 72 Stunden nach Applikation einen Pflegeeffekt besitzen. Die hautähnliche Grundlage allein verbessert bereits die Barrierefunktion. Nun wird daran geforscht, Wirkstoffe in die Lipid-Doppelschichten, die Lamellen, zu integrieren und sie so ins Stratum corneum zu transportieren.

Ein weiteres modernes Arzneistoff-Trägersystem sind Mikroemulsionen. Sie enthalten eine wässrige und eine ölige Komponente sowie Tenside und Cotensiden. Je nach Verhältnis können sie hydro- oder lipophile Eigenschaften besitzen. Mikroemulsionen sind thermodynamisch stabil, einfach herzustellen und besitzen eine geringe Oberflächenspannung. Allerdings wirkt sich ihr hoher Tensidgehalt nachteilig aus, da er zu Irritationen führen kann. Allgemein anerkannt ist jedoch, dass sich schlecht lösliche Wirkstoffe besser in Mikroemulsionen lösen und gegenüber anderen Trägersystemen ein höheres Permeationsvermögen besitzen.

Einen interessanten Erklärungsansatz, wie man sich die verbesserte Permeation durch die Haut vorstellen kann, lieferte Professor Dr. Bernd W. Müller von der Christian-Albrechts-Universität in Kiel: Mikroemulsionen als übersättigte Systeme. Wenn eine Mikroemulsion in die Haut eindringt und dort Wasser aufnimmt, verändert sich ihre Zusammensetzung sowie ihre Eigenschaften. Die Löslichkeit für den Wirkstoff nimmt ab, weshalb die Mikroemulsion temporär übersättigt ist, die Substanz "ausfällt" und in die Haut eindringen kann.

Informationsaustausch

Im Vorfeld der Tagung trafen sich Vertreter pharmazeutischer Institute, um ihre Forschungsgebiete Vertretern der Industrie vorzustellen. Eine Fachgruppe der Arbeitsgemeinschaft für Pharmazeutische Verfahrenstechnik (APV) hatte dieses Treffen angeregt, "damit die Industrie weiß, was in Richtung Dermatopharmazie in deutschen Hochschulen alles passiert", erklärte Professor Dr. Reinhard H. H. Neubert von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, einer der Tagungsleiter. Professor Dr. Claudia Leopold von der Universität Leipzig berichtete von Methoden, um Vehikelsysteme bewerten zu können. Besonders bewährt hat sich ein Modell, dass das Kälteempfinden nach topischer Lokalanästhetikagabe misst. Je schneller der Proband die Kälte nicht mehr spürt, desto effizienter ist das untersuchte Arzneistoff-Trägersystem.

Professor Dr. Christel Müller-Goymann von der Technischen Universität Braunschweig stellte Hautkonstrukte vor, die ihre Arbeitsgruppe vom Institut für Pharmazeutische Technologie züchtet und für die Charakterisierung von Drug Delivery Systemen einsetzt. In ein Kollagengel geben die Forscher isolierte Fibroblasten, die Botenstoffe freisetzen und das Gel in dermisartige Strukturen ordnen. Auf dieses Dermisäquivalent säen die Wissenschaftler Keratinozyten aus, die zu einer mehrschichtigen Struktur heranwachsen, die der Epidermis ähnelt. An diesen Hautkonstrukten kann man prüfen, wie gut verschiedene Formulierungen in die Haut eindringen können. Die Untersuchungsergebnisse haben sehr geringe Standardabweichungen, da die künstliche Haut keine interindividuellen Unterschiede zeigen wie beispielsweise freipräparierte Humanhaut. "Diese Konstrukte sind zwar kein Ersatz für Humanhaut, dafür liefern sie allerdings sehr viel rascher Ergebnisse", erklärte Müller-Goymann. Top

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