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Pillenpanik mit negativen Langzeitfolgen?

24.02.1997  00:00 Uhr

-Pharmazie

  Govi-Verlag

Pillenpanik mit negativen Langzeitfolgen?

  Als alarmierend bezeichnete Ann Furedi, London, bei einer Pressekonferenz der Organon GmbH am 6. Februar 1997 in der Hansestadt die Langzeitfolgen der Pillenpanik. Die Direktorin des Birth Control Trust beklagte das sinkende Image der oralen Kontrazeptiva. Die Zahl der Frauen, die die Pille als Verhütungsmittel nicht in Erwägung ziehen, sei in England von 25 Prozent im Jahr 1993 auf über 30 Prozent im Jahr 1996 angestiegen.

Furedi sprach nicht nur von negativen Auswirkungen auf das Vertrauen der Frauen durch unnötige Panikmache, sondern auch von unwillkommenen Auswirkungen auf die medizinische Berufsausübung. Viele englische Ärzte praktizierten heute bereits eine defensive Medizin als Folge von Erfahrungen aus den USA, wo medizinische Probleme immer häufiger im Gerichtssaal entschieden werden. Die Angst vor einem Rechtsstreit habe zur Folge, daß es für Frauen praktisch unmöglich sei, ein Intrauterinpessar zu erhalten. Sie müssen ein 30seitiges Formular unterzeichnen, in dem sie auf Strafverfolgung verzichten.

Es sei festzustellen, daß die Wahlmöglichkeiten bei der Empfängnisverhütung immer geringer werden, monierte Furedi. Während es vor zehn Jahren weltweit neun Firmen gab, die Verhütungsmittel herstellten, erforschten und entwickelten, seien es heute nur noch vier. Dies sei hauptsächlich auf die Haftungsproblematik in den Vereinigten Staaten zurückzuführen.

Verunsicherung durch Fehlinterpretationen?

Die Verunsicherung junger Frauen und Mädchen und die Zunahme der Abtreibungen als Folge der Diskussion um das erhöhte Thromboserisiko durch orale Kontrazeptiva der dritten Generation mit den Wirkstoffen Desogestrel beklagte auch Dr. Iris Grützmacher, Bielefeld. Ihre Erfahrung sei, daß Frauen und Mädchen, die eingehend über die Entscheidung ihres Arztes für ein Kontrazeptivum der dritten Generation informiert waren, nicht zu vorschnellen Reaktionen neigten.

Wichtigste Voraussetzung für die Empfehlung eines Verhütungsmittels sei die Anamnese und das Ausschließen von Risikofaktoren, zum Beispiel Rauchen oder thromboembolische Ereignisse in der Familie. Es müsse selbstverständliche Aufgabe des Frauenarztes sein, die Patientin umfassend zu informieren. Auf dieser Grundlage könne diese dann ihre Entscheidung treffen.

Die Daten der epidemiologischen Studien, die das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte in Berlin bewogen haben, an den Anwendungsbeschränkungen für orale Kontrazeptiva der dritten Generation festzuhalten, seien "mit äußerster Vorsicht zu behandeln", so Dr. Kenn MacRae, London. Man habe es mit einem klassischen Beispiel dafür zu tun, wie epidemiologische Daten fehlinterpretiert werden können.

MacRae kritisierte systematische Fehler, Zufalls- und Störfaktoren. Es gebe keine Kausalzusammenhänge, die die Schlüsse rechtfertigten. Unter anderem sei zu registrieren, daß orale Kontrazeptiva der dritten Generation vorrangig an Frauen verordnet worden seien, die für Thrombosen anfälliger erschienen. Die Zahl der Fälle, in denen eine Thrombose beobachtet wurde, habe ganz offensichtlich zunehmen müssen. Der Beweis für eine Verzerrung durch das Verordnungsverhalten der Ärzte liege vor.

PZ-Artikel von Christiane Berg, Hamburg    

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