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Expertenkommission fordert Umdenken

10.01.2005
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Demenz

Expertenkommission fordert Umdenken

von Marion Hofmann-Aßmus, Bonn

Demenzkranke können besser behandelt werden. Die Therapie demenzbedingter Verhaltensstörungen mit konventionellen Neuroleptika ist überholt, vielmehr ist hier Risperidon Mittel der Wahl. So das Fazit eines Expertengesprächs.

„Die Verschreibung von konventionellen Neuroleptika bei demenzbedingten Verhaltensstörungen entspricht nicht mehr dem heutigen medizinischen Standard“, betonte Professor Dr. Ingo Füsgen, Geriatrische Kliniken der Kliniken St. Antonius in Wuppertal, bei einem Presse-Roundtable zum Konsensusgespräch "Neuroleptikatherapie bei demenzbedingten Verhaltensstörungen“. Trotz ihrer schwerwiegenden Nebenwirkungen würden diese Medikamente noch immer verordnet. Hoch potente Neuroleptika könnten jedoch extrapyramidalmotorische Störungen hervorrufen, nieder potente wie Melperon hätten neben peripheren anticholinergen Wirkungen wie Mundtrockenheit und Obstipation zudem stark sedierende Nebeneffekte. Des Weiteren könnten sie kognitive Einschränkungen oder Verwirrtheit hervorrufen, die zu einer zusätzlichen Verschlechterung des Krankheitsbilds beitrügen und das Sturzrisiko erhöhten. Auch Benzodiazepine seien laut Füsgen bei Alterspatienten zu vermeiden, da sie ähnliche unerwünschte Wirkungen aufwiesen und überdies zur Abhängigkeit führten.

Risperidon als Mittel der Wahl

Etwa 90 Prozent aller Demenzpatienten entwickeln im Verlauf ihrer Krankheit eine demenzbedingte Verhaltensstörung. Gerade diese Störungen wie Reizbarkeit, Aggressivität, Halluzinationen oder Wahn erforderten dringend eine adäquate Behandlung. Sie stellen nämlich eine enorme Belastung für die Angehörigen dar, denen häufig die häusliche Pflege der Kranken obliegt. Verhaltensstörungen sind denn auch der häufigste Grund für Heimeinweisungen.

Wenn Demenzpatienten schwere chronische Aggressivität mit Selbst- und Fremdgefährdung sowie beeinträchtigende psychotische Symptome zeigten, sei Risperidon (Risperdal®) Mittel der Wahl. Zum einem verfüge die Substanz über eine entsprechende Zulassung. Zum anderen lägen für sie zahlreiche doppelblinde und offene Studien an über 7000 Demenzkranken vor, die eine signifikante Verbesserung der Verhaltensstörungen belegen. Bereits 14 Tage nach Behandlungsbeginn stelle sich eine Verringerung der Reizbarkeit und anderer Verhaltensstörungen ein, berichtete Füsgen. Die Therapie zeige somit direkte Auswirkungen auf die Alltagskompetenz und -aktivitäten der Patienten. Der rückläufige Zeitaufwand für Pflege und Aufsicht führe zu einer Entlastung der Angehörigen beziehungsweise des Pflegepersonals.

Eine offene Vergleichsstudie mit Melperon belegte eindeutige Wirkungsunterschiede: Unter Risperidon verringerten sich nächtliches Aufstehen und Unruhe, aber auch Halluzinationen oder Wahn signifikant. Weniger Schwindel und Gangunsicherheit auf Grund fehlender anticholinerger Nebenwirkungen führten zu vierfach geringerem Sturzrisiko im Vergleich zu einer Behandlung mit Melperon.

Umstellung problemlos möglich

Eine Umstellung von konventionellen nieder potenten Neuroleptika auf Risperidon sei unproblematisch. Füsgen empfahl eine einschleichende Behandlung mit anfänglichen 0,5 mg Risperidon in Tablettenform. Eine anschließende Aufdosierung auf 1 mg pro Tag entspricht dem Konsens. Bei dieser Dosierung kämen extrapyramidale Störungen praktisch nicht vor. Anstatt der früher üblichen heftigen Einstiegsdosen werde nun zurückhaltender dosiert. Bei erfolgreicher Behandlung sei auch durchaus daran zu denken, die Medikamente vorübergehend abzusetzen, um den Patienten zu entlasten, sagte Professor Dr. Rolf Dieter Hirsch, Rheinische Kliniken Bonn.

Voraussetzung für die Behandlung mit Neuroleptika sei immer eine strenge Indikationsstellung und eine regelmäßige klinische Überprüfung des Patienten, betonte Hirsch. So sei eine eindeutige Indikation gegeben, wenn beeinträchtigende psychotische Symptome oder schwere chronische Aggressivität mit Selbst- und Fremdgefährdung vorlägen. Als mögliche Indikation gelten Verhaltensstörungen ohne Wahnanteile. Dabei sollte der Schweregrad der Symptome und insbesondere das subjektive Leiden der Patienten sowie der Pflegenden beachtet werden. Eine frühzeitige Behandlung sei angeraten, wenn damit eine "Verelendung der Familie" verhindert werden könne.

Hirsch verwies auf die Multimorbidität der älteren Demenzpatienten, die meist eine Multimedikation zur Folge hat: Mögliche Wechselwirkungen sollten genau abgewogen beziehungsweise vermieden werden. Als Basistherapie der Demenz bestätigten die Experten die bisher üblichen Acetylcholinesterasehemmer wie Galantamin.

Multimodales Therapiekonzept

Große Bedeutung wird im Konsensuspapier der Demenztherapie als "multimodalem Konzept" eingeräumt. Darunter versteht Hirsch die Einbindung von Arzt, Pflegepersonal und Patient sowie dessen Angehörigen oder Pflegenden in das Therapiekonzept. Dieses solle eine individuell zugeschnittene und stadiengerechte Behandlung ermöglichen. Gerade zu Beginn der Krankheit sollte der behandelnde Arzt alle Möglichkeiten in sein Behandlungsrepertoir aufnehmen, also neben der medikamentösen Therapie auch nicht medikamentöse Therapieformen wie Verhaltenstherapie, kognitives Training, psychosoziale Maßnahmen oder Angehörigenarbeit – selbst wenn diese nicht die Kriterien der evidenzbasierten Medizin erfüllen. Denn das Ziel des multimodalen Konzepts ist eine "Minimierung des subjektiven Leids aller Beteiligten und die Maximierung der Lebensqualität von Patienten und Angehörigen". Top

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