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Oldtimer sorgt immer wieder für Überraschung

06.12.1999  00:00 Uhr

-PharmazieGovi-VerlagASPIRIN-AWARD

Oldtimer sorgt immer wieder für Überraschung

von Ulrike Wagner, Leverkusen

Hundert Jahre alt und längst nicht vollständig erforscht: Acetylsalicylsäure. Etwa 3500 Artikel veröffentlichen Forscher pro Jahr über die Substanz und ihre Wirkmechanismen – Tendenz steigend. Drei der Wissenschaftler, die sich intensiv mit dem Arzneistoff beschäftigt haben, hat eine internationale unabhängige Jury erneut mit dem "International Aspirin® Award" ausgezeichnet. Gestiftet wurde der Preis die Firma Bayer.

Stefanie Oberle von der Martin-Luther-Universität Halle teilt sich mit Dr. Min-Jean Yin von Sugen, San Francisco, den "Young Researchers´ Aspirin® Award 1999", der insgesamt mit 20 000 DM dotiert ist. 24 Forscher aus neun Ländern hatten sich um den Preis beworben. Mit dem "International Aspirin® Senior Award" hat die Jury in diesem Jahr Professor Dr. Charles Hennekens ausgezeichnet. Er erhielt 50 000 DM.

Stefanie Oberle ist eine der jüngsten Preisträgerinnen und die erste Wissenschaftlerin aus einer deutschen Forschergruppe, deren Arbeit mit dem "International Aspirin Award" prämiert wurde. Während ihrer Doktorarbeit bei Professor Dr. Henning Schröder im Institut für Pharmakologie und Toxikologie am Fachbereich Pharmazie der Universität Halle hat sie einen neuen antioxidativen Wirkmechanismus der Acetylsalicylsäure aufgeklärt. Die Biologin entdeckte zusammen mit Tobias Polte, Aida Abate und Hans-Peter Podhaisky, dass Aspirin die Ferritinsynthese in endothelialen Zellen ankurbelt und dadurch Endothelzellen vor oxidativem Stress schützt. Das Wissenschaftsmagazin "Circulation Research" veröffentlichte 1998 die Ergebnisse (S. Oberle, T. Polte, A. Abate, H.-P. Podhaisky, H. Schröder: "Aspirin increases ferritin synthesis in endothelial cells: A novel antioxidant pathway", Circulation Research 82: 1016-1020, 1998)

Sauerstoffradikale stehen am Anfang der Atherosklerose indem sie die Endothelzellen schädigen, erklärte Oberle. Freie Eisenionen katalysieren die Entstehung dieser Radikale. Ferritin kann als Eisenspeicherprotein die Eisenionen wegfangen und damit die Schädigung des Endothels verhindern.

Die Ferritinkonzentration in Endothelzellen stieg nach Zugabe von Acetylsalicylsäure um das Fünffache, erklärte Oberle. Selbst wenn sie den Wirkstoff in therapeutisch relevanten Dosen einsetzte. Der Effekt war dosis- und zeitabhängig. Im Gegensatz zur Acetylsalicylsäure beeinflussten weder Salicylat noch Indomethacin oder Diclofenac die Ferritinmenge in den Zellen.

Nicht mit Eisenionen beladenenes Ferritin, das zusätzlich zum zelleigenen Ferritin zu den Zellen gegeben wurde, hatte einen ähnlichen Effekt auf gestresste Endothelzellen wie Acetylsalicylsäure. Dass Eisenionen tatsächlich an dem Vorgang beteiligt sind, zeigte sich, als die Wissenschaftler zusätzlich zur Acetylsalicylsäure einen Eisenchelatbildner zu den Zellen gaben, der die Eisenionen wegfing. Die Ferritinmenge blieb konstant.

Dass geringe Eisenspiegel vor Herzinfarkt und anderen Komplikationen der Atherosklerose schützen können, hatten zuvor bereits andere Forschergruppen vermutet. Sie hatten zum Beispiel beobachtet, dass Menschen, die regelmäßig Blut spenden, seltener Myokardinfarkte erlitten. Klinische Studien hatten außerdem gezeigt, dass erhöhte zelluläre Eisenspiegel Atherosklerose fördern und die Inzidenz von Herzinfarkten erhöhen können, berichtete Professor Dr. Karsten Schrör von der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf in seiner Laudatio.

Die zweite Preisträgerin, Dr. Min-Jean Yin, hatte zusammen mit Yumi Yamamoto und Richard Gaynor von der Universität Texas, Dallas, USA, herausgefunden, dass Acetylsalicylsäure und Salicylate die Ik B-Kinase-b (IKK-b ) hemmen und dadurch antiinflammatorisch wirken. Die Ik B-Kinase-b phosphoryliert in entzündetem Gewebe das Protein Ik B. Ik B wird danach abgebaut und setzt NF-k B frei, das in den Kern gelangt. Dort aktiviert es entzündungsspezifische Gene wie TNF-alfa und Interleukin-1. Yin und ihre Mitarbeiter hatten herausgefunden, dass Acetylsalicylsäure und Salicylate die Aktivierung der Entzündungsmediatoren verhindern, indem sie die Ik B-Kinase-b hemmen. Auch hier hatten sich die Effekte bei sehr niedrigen Konzentrationen der Wirkstoffe gezeigt, entsprechend etwa den Mengen, die Patienten prophylaktisch einnehmen.

Professor Dr. Charles Hennekens, der viele Jahre als Epidemiologe an der Harvard Medical School in Boston, USA, lehrte, erhielt den Preis für sein Lebenswerk, in dessen Zentrum die Acetylsalicylsäure stand. Er wies nach, dass bereits eine geringe Dosis des Wirkstoffs, regelmäßig eingenommen, das Herzinfarktrisiko um 44 Prozent senken kann. Seine Arbeiten etablierten den Einsatz von Acetylsalicylsäure bei akuten Symptomen und in der primären und sekundären Prophylaxe des Herzinfarkts.  Top

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