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Pharmazie steht im Zentrum der Life Sciences

10.09.2001  00:00 Uhr
INTERVIEW

Pharmazie steht im Zentrum der Life Sciences

von Brigitte M. Gensthaler, München

Im Juni 1999 ist die Fakultät für Chemie und Pharmazie aus der Münchner Innenstadt nach Großhadern umgezogen. Zugleich wurde die Fakultät in zwei Departments gegliedert: das Zentrum für Pharmaforschung und das Department Chemie. Was hat der Umzug für die Hochschullehrer und Pharmaziestudenten gebracht? Die PZ fragte Professor Dr. Angelika Vollmar, Lehrstuhlinhaberin Pharmazeutische Biologie und Vorstand des Departments für Pharmazie.

PZ: Bei der Einweihung der Neubauten sprach der bayerische Wissenschaftsminister Hans Zehetmair von einem "Standort der Superlative". Bis man den Campus der kurzen Wege erreicht, muss man allerdings einen langen Weg aus der Innenstadt zurücklegen. Ist die Lage tatsächlich super?

Vollmar: Der Standort ist extrem gut für uns. Wir arbeiten hier räumlich eng benachbart zu erstklassigen biomedizinischen Institutionen, zum Beispiel dem Klinikum Großhadern mit seinen Forschungseinrichtungen, der Gesellschaft für Strahlenforschung, den Max-Planck-Instituten und dem Genzentrum. Dieser Campus bietet für die Pharmazie wirklich eine große Chance. Wir pflegen einen regen Austausch bei wissenschaftlichen Projekten, aber auch in Fragen der Forschungsmethodik.

PZ: Der Umzug der Institute wurde als Meilenstein auf dem Weg zu einem interdisziplinären Forschungsverbund gerühmt. Konnten Sie bereits neue Kooperationen aufbauen?

Vollmar: Erfreulicherweise entsteht in der Tat ein enges Netz der Kooperation. So sind wir vom Lehrstuhl Pharmazeutische Biologie mit zwei Forschungsprojekten ein wesentlicher Teil einer DFG-Forschergruppe, die Strategien zur Prävention von Ischämie-Reperfusionsschäden erforscht; diese spielen besonders bei Organtransplantationen eine Rolle. Nach zweijähriger Vorarbeit hat uns die Deutsche Forschungsgemeinschaft kürzlich die Förderung bewilligt. Darauf sind wir sehr stolz. Die Gruppe rekrutiert sich aus Chirurgen, Anästhesisten, Kardiologen, Pathologen, Hepatologen und Pharmazeuten. Unser Part ist es, die molekularen Mechanismen von neuen Therapeutika aufzuklären, die in Studien eingesetzt werden. Nur ein Beispiel, wie positiv sich räumliche Nähe auswirken kann: Meine Doktoranden, die am Projekt mitarbeiten, dürfen auch mal bei einer Lebertransplantation im OP dabei sein. Das stärkt die Motivation.

Außerdem sind wir eingebunden in einen Sonderforschungsbereich (SFB) zu molekularen und bioorganischen Grundlagen des Sekundärstoffwechsels. Der SFB ist in der Biologie verankert. Wir untersuchen Naturstoffe auf neue Apoptose-Mechanismen und kooperieren mit einem amerikanischen Krebsforschungsinstitut, das uns äußerst interessante Substanzen zur Analyse schickt. Dieser Ansatz ist wissenschaftlich hochinteressant.

Natürlich pflegen wir auch eine enge Vernetzung mit naturwissenschaftlichen Grundlagenfächern wie der Chemie. Mit den anderen pharmazeutischen Fächern Chemie, Pharmakologie und Technologie besteht ein reger Erfahrungsaustausch, der eine optimale Nutzung nicht zuletzt der technischen Ressourcen des Department möglich macht.

PZ: Im Herbst wird der Grundstein für die Fakultät für Biologie in Martinsried gelegt. Welche Synergien erwarten Sie hier?

Vollmar: Die moderne Arzneimittelforschung wird immer mehr durch biologische Fragestellungen geprägt. Die räumliche Nähe der Biologie bringt uns, ganz banal ausgedrückt, das "biologische Denken" näher. Der Gedankenaustausch wird durch gemeinsame Vorträge und Seminare wesentlich einfacher. Für die Pharmazeutische Biologie wird natürlich insbesondere die Botanik, aber auch die Genetik und die Mikrobiologie von großem Nutzen sein. Forschungsprojekte aus diesen Fächern sind übrigens auch in dem erwähnten SFB vertreten. Dieser Forschungszusammenschluss ist für unsere Arbeiten sehr wichtig und fruchtbar.

PZ: Life Sciences sollten ein Schwerpunkt des neu gebildeten Departments werden. Was trägt die Pharmazie dazu bei?

Vollmar: Life Science bedeutet Wissenschaft für ein besseres, in unserem Sinn krankheitsfreies Leben. Die Pharmazie mit dem Arzneimittel steht hier mitten im Zentrum. Jedes pharmazeutische Fach liefert seinen spezifischen Beitrag zur Arzneistoff- und Arzneimittelentwicklung.

PZ: Die Campus-Struktur werde sich sehr positiv auf hochqualifizierte Wissenschaftler auswirken, erwartete Minister Zehetmair 1999. Können Sie jetzt leichter Post-Docs als Mitarbeiter gewinnen?

Vollmar: Wir haben generell ein Problem in Deutschland, Post-Docs zu finden. Die Hochschulkarriere ist wenig attraktiv und die akademische Laufbahn zu unsicher. Zudem sind die Anforderungen im Vergleich zur Bezahlung überragend. Die Forschungsfreiheit wird immer mehr von Verwaltungsaufgaben beschnitten. Dazu kommt natürlich insbesondere in der Pharmazie ein intensive Lehrtätigkeit.

Es ist auch nicht ganz leicht, entsprechende Drittmittel einzuwerben, um seinen Mitarbeitern produktive Forschung zu gewährleisten. Diese Aufgaben sind nach meiner Erfahrung aus Gesprächen mit Doktoranden für viele Nachwuchswissenschaftler zu wenig lukrativ und attraktiv. Allerdings möchte ich persönlich anmerken, dass die Kombination von Forschung und Lehre und dabei vor allem der Umgang mit jungen aufstrebenden Leuten einen sehr befriedigenden und erfüllenden Beruf darstellt, der durch etwas unbürokratischere und freiere Rahmenbedingungen durchaus für die heranwachsenden "hellen" Köpfe attraktiver gemacht werden kann und muss.

PZ: Eine Hochschule lebt von und mit ihren Studenten. Können sie in ihrer Ausbildung vom neuen Campus profitieren?

Vollmar: Das Department ist für die Ausbildung prima ausgestattet. Die Professoren arbeiten auch in der Lehre zusammen. Wir haben schöne Laboratorien und moderne Geräte. Leider sind die Pharmaziestudenten häufig so eingebunden in ihre Curricula, dass sie kaum die Zeit haben, über den Tellerrand zu blicken. Die Fülle von Vorträgen und Fortbildungsmöglichkeiten, die hier und in den umliegenden Instituten angeboten werden, nutzen eher die Doktoranden. Für unsere Doktoranden ist der Standort ein Eldorado.

Der Kontakt zu Studenten anderer Fächer ist bislang eher mäßig ausgeprägt. Das muss wachsen. Fächer wie Klinische Pharmazie, wenn sie kompetent vermittelt wird, könnten Berührungspunkte bilden. Wünschenswert wäre natürlich, wenn sich medizinische und naturwissenschaftliche Studiengänge mehr verzahnen würden.

PZ: Können Sie die Studenten höherer Semester in Ihre Forschungsarbeit einbeziehen? Wissen die Studenten überhaupt, woran ihre Professoren forschen?

Vollmar: Wir laden die Studenten ein, in unsere Laboratorien zu kommen, und in den Praktika arbeiten Studenten nicht selten auch in unseren Forschungslabors. Die Wahlpflichtfächer, die nach der neuen Approbationsordnung im achten Semester angesiedelt sind, werden wir eng mit der Forschung verbinden. Wir denken dabei an ein Forschungs-Wahlpflichtfach. Die Studenten bearbeiten dann keine konstruierten Aufgaben, sondern ein Thema aus unserer Forschung.

PZ: Stichwort Klinische Pharmazie: Wie werden Sie das neue Prüfungsfach in die Ausbildung integrieren? Gibt es derzeit schon Angebote für die Studenten?

Vollmar: Das große Problem ist, das Fach exakt zu definieren. Jeder versteht darunter etwas anderes, deshalb wird die Diskussion so schnell emotional. An unserem Department unterstützen wir nicht den ausschließlich praxisorientierten Ansatz des Faches. Dieser ist wichtig, gehört aber nicht in die Hochschulausbildung. Das mag für den dritten Ausbildungsabschnitt angemessen sein.

Nach unserem Verständnis muss die Klinische Pharmazie in allen Fächern der universitären Pharmazie wissenschaftlich verankert sein. Bestimmte Inhalte des Gegenstandskatalogs kann ein Pharmazeut aber nicht guten Gewissens lehren. Dazu werden wir externe Fachleute, zum Beispiel aus der Epidemiologie, Ökologie oder Psychologie, einladen. Unser Ziel ist es, ein Niveau zu gewährleisten, das einer Universitätsausbildung angemessen ist. Keinesfalls darf die Ausbildung in Klinischer Pharmazie verwässert werden. Eine Universität muss den Anspruch haben, jedes Fach auf aktuellem wissenschaftlichen Niveau zu vermitteln.

PZ: Frau Professor Dr. Vollmar, Sie haben als Mutter eines kleinen Sohnes den Sprung auf der Karriereleiter ganz nach oben geschafft. Ihre Professorenkollegen sind Männer. Fühlen Sie sich als Einzelkämpferin?

Vollmar: Ich bin in der Tat die einzige Frau mit einer C-Professur an der Münchner Fakultät für Chemie und Pharmazie, was ich außerordentlich bedauere. Als Einzelkämpferin fühle ich mich aber nicht. Allerdings bin ich ganz entschieden der Meinung, dass Frauen auch in anspruchsvolle wissenschaftliche Positionen kommen müssen, weil sie Aufgaben und Fragen anders angehen und behandeln, anders diskutieren und sich austauschen. Darauf können wir langfristig nicht verzichten.

PZ: Wie können Frauen ermutigt werden, eine Hochschullaufbahn einzuschlagen? Wie stellen Sie sich effektive Frauenförderung vor?

Vollmar: Es ist sicher nicht damit getan, dass Frauenbeauftragte Berufungslisten mit erstellen. Das ist dann schon zu spät. Viele Studentinnen haben Interesse an der Forschung, aber sie sehen Konflikte mit einer Familiengründung. Wissenschaftliche Laufbahn und Kinder werden als Widerspruch empfunden, und dies deckt sich mit meiner eigenen Erfahrung. Die normale Karriere bis zur Hochschullehrerin, bei der die volle wissenschaftliche Leistung gefordert wird, ist als Mutter kaum zu bewältigen.

Dies liegt vor allem an der Versorgungsnot der Kinder. Was Frauen und Mütter brauchen, sind Ganztages-Kinderkrippen direkt am Arbeitsplatz. Studentinnen und Doktorandinnen müssen erleben, dass Kinder und Karriere vereinbar sind. Ich finde es bedenklich, wenn Familie und Karriere als einander ausschließende Lebenspläne gesehen werden. Damit geht ein hohes Potenzial an qualifizierten Köpfen verloren.

PZ: Sind Stipendien für Frauen hilfreich?

Vollmar: Ja natürlich. Eine meiner beiden Habilitandinnen hat den bayerischen Habilitationsförderpreis bekommen, was ihr ermöglicht, frei zu forschen und sich auch Forschungsstätten außerhalb meines Arbeitskreises zu suchen; mit Kind wäre das trotzdem schwierig.

PZ: Arzneistoff-Forschung soll den Menschen dienen. Kennen die Münchner Bürger das Zentrum für Pharmaforschung?

Vollmar: Wir laden ein zum Tag der offenen Tür und zu Schülertagen, an denen wir über die Ausbildung informieren. Ich glaube aber nicht, dass dies reicht. In der Öffentlichkeit muss die Pharmazie als Hochschul-Department stärker präsent sein und zeigen, was wissenschaftliche Pharmazie leistet. Wir stellen uns ganz bewusst dieser Aufgabe.

PZ: Wo sehen Sie die Zukunft der Pharmazie?

Vollmar: Die Pharmazie muss deutlicher ein biomedizinisches Fach sein, das vernetzt ist mit Nachbardisziplinen. Und sie muss wissenschaftlich orientiert sein und bleiben.

Ich finde es faszinierend, dass die Pharmazie als Wissenschaft vom Arzneimittel im Zentrum der gegenwärtigen Entwicklungen stehen könnte. Mehr denn je muss die Pharmazie heute gepuscht werden. Der handwerklich-praktische Ansatz führt an der Uni in die falsche Richtung. Der Apotheker muss sachlich aufklären können und verunsicherten Menschen als Ansprechpartner zur Verfügung stehen. Dazu muss er sehr gut Bescheid wissen über moderne Entwicklungen und sein Wissen auf verschiedenen Ebenen an den Mann und die Frau bringen können. Der heutige Auftrag an den Arzneimittelfachmann erfordert eine fundierte naturwissenschaftliche Ausbildung an der Universität.

 

  Forschung am Department Die Neubauten in Großhadern beherbergen seit Sommer 1999 die gesamte Fakultät für Chemie und Pharmazie. Fünf Gebäude gruppieren sich um einen zentralen Innenhof; verbunden über gläserne Brücken und gemeinsame unterirdische Versorgungsbereiche. Etwa 1400 Studentinnen und Studenten sind an der Fakultät immatrikuliert. 764 studieren Pharmazie für das Staatsexamen und 56 promovieren in diesem Fach; betreut werden sie von sieben Professoren (Stand: Sommersemester 2001). Mit der Neugliederung in zwei Departments - Zentrum für Pharmaforschung und Department Chemie - fallen die klassischen Institutsgrenzen weg. Dies fördert die Verzahnung der pharmazeutischen Forschung.

Die pharmazeutische Chemie befasst sich traditionell mit Synthese, Analyse und Optimierung von pharmakologisch aktiven Stoffen. Der Arbeitskreis von Professor Dr. Franz Bracher konzentriert sich auf Totalsynthesen von Naturstoffen mit zytostatischer und antimikrobieller Wirksamkeit aus tropischen Pflanzen und marinen Organismen. Ein neues Gebiet sind Hemmstoffe der Ergosterolbiosynthese von Pilzen (Antimykotika). Isolierte Naturstoffe aus Pflanzen werden in Kooperation mit Hochschul- und Forschungsinstituten sowie der Pharmaindustrie auf ihre biologische Aktivität getestet.

Leitstrukturen und Liganden für den NMDA- und GABAA-Rezeptor entwickelt, synthetisiert und modifiziert die Arbeitsgruppe von Professor Dr. Klaus Wanner. Da Ligand-Rezeptor-Interaktionen hochspezifisch und abhängig von der Stereochemie ablaufen, widmen sich die Forscher besonderes den Enantiomeren-reinen Verbindungen und entwickeln neue Verfahren der asymmetrischen Synthese. Radioligand-Bindungsstudien führen zu Struktur-Wirkungs-Beziehungen und 3D-Bindungsmodellen, die als Basis für die weitere Optimierung dienen.

Professor Dr. Martin Biel, Fachmann für molekularen Pharmakologie, erforscht neuronale Signaltransduktionswege, die beispielsweise rhythmische Prozesse kontrollieren oder Photorezeptoren und olfaktorische Neuronen beeinflussen. Die Arbeitsgruppe untersucht ferner Schrittmacherkanäle in Neuronen und am Herzen und analysiert Nukleotid-gesteuerte Kationenkanäle in sensorischen und nicht-sensorischen Zellen. Biel ist beteiligt im SFB 391 "Mechanismen der schnellen Zellaktivierung".

Der Technologe Professor Dr. Gerhard Winter hat sich auf Proteinarzneistoffe spezialisiert und entwickelt Methoden der Formulierung und Stabilisierung dieser labilen Stoffe. Innovative Methoden der Gefriertrocknung, topische Drug-delivery-Systeme und parenterale Applikationsformen stehen ebenso auf seinem Forschungsplan wie neue Liposomenformulierungen.

Ein Protein, das Atriale Natriuretische Peptid, und dessen gefäß- beziehungsweise gewebeschützenden Eigenschaften stehen im Arbeitskreis um Professor Dr. Angelika Vollmar im Mittelpunkt. Weitere Schwerpunkte der Pharmazeutischen Biologin sind die Steuerung der Apoptose und Endothelschutz durch Naturstoffe. Vollmar ist mit ihrer Arbeitsgruppe beteiligt am SFB 369 "Molekulare und bioorganische Grundlagen des Sekundärstoffwechsels" sowie an einem EU-Projekt mit dem Titel "Garlic and Health" und der DFG-Forschergruppe "Prävention von Ischämie-Reperfusionsschäden".

Ganz neu im Department ist Professor Dr. Ernst Wagner aus Wien, dessen Forschungsarbeiten zwischen Technologie und Biologie angesiedelt sind. Wagner arbeitet auf diesem Gebiet in zahlreichen internationalen Kooperationen, unter anderem im Rahmen eines EU-Projektes für Tumorforschung. Er entwickelt nicht virale Genfähren, die Nukleinsäuren ins Zytoplasma und den Zellkern einschleusen sollen, sowie Tumorvakzinen auf DNA-Basis und entwickelt Methoden der Gentherapie.

 

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