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Körpereigenes Protein lindert Rückenschmerz

30.08.2004  00:00 Uhr
Orthokin

Körpereigenes Protein lindert Rückenschmerz

von Dagmar Knopf, Limburg

Bei eingeklemmten und entzündeten Nerven lindert Kortison die Schmerzen, allerdings nicht dauerhaft. Eine Orthokin-Therapie soll ebenso gut wie die derzeitige Standardtherapie mit Kortison wirken und darüber hinaus sogar länger anhalten.

Millionen Deutsche leiden unter Rückenschmerzen. Ist die Ursache ein eingeklemmter oder entzündeter Nerv, kommt es in erster Linie darauf an, den Schmerz zu lindern. Nur so kann sich die Muskulatur entspannen und die vorgefallene Bandscheibe hat eine Chance, sich selbst zurückzuziehen. Die bisherige Standardtherapie mit Kortison hat jedoch ihre Tücken. Sie lindert zwar den Schmerz und unterdrückt die Entzündung, doch die Wirkung hält meist nicht länger als sechs Wochen an. Eine zu häufige Wiederholung der Kortisongaben kann zu schwer wiegenden Nebenwirkungen führen, etwa zu einer Schwächung des Immunsystems, zu Osteoporose und zur Verschlechterung der Blutwerte bei Diabetikern.

Weniger Nebenwirkungen

Eine nebenwirkungsarme Alternative scheint genauso gut, und darüber hinaus sogar länger zu wirken. Dr. Cordelia Becker von der Orthopädischen Klinik der Ruhr-Universität Bochum bedient sich eines zur Behandlung der Arthrose seit Jahren erprobten Ansatzes: dem Einsatz des körpereigenes Proteins Orthokin. Ob dieses auch erfolgreich Rückenschmerzen lindern kann, untersuchte die Medizinerin in einer kleinen Studie mit 84 Patienten. Dazu spritzte sie das entzündungshemmende Protein unter Röntgenkontrolle direkt an die betroffene Nervenwurzel. Zum Vergleich erhielten zwei Patientengruppen die herkömmliche Kortisontherapie in der Dosierung von 5 mg beziehungsweise 10 mg Kortison. Die Patienten wurden dreimal im Abstand von jeweils einer Woche zu Schmerzintensität, Funktionseinschränkungen und Lebensqualität befragt und erhielten die jeweiligen Injektionen. Nach sechs Wochen und drei beziehungsweise sechs Monaten wurden die Probanden erneut befragt und untersucht.

In den ersten sechs Wochen ergaben sich keine Unterschiede zwischen den Therapien. Alle Teilnehmer gaben eine deutliche Linderung ihrer Rückenschmerzen an. Bezogen auf die visuelle Analogskala (VAS), welche die Schmerzintensität von 0 (schmerzfrei) bis 100 (stärkster vorstellbarer Schmerz) misst, sank bei über 70 Prozent aller Teilnehmer die Schmerzintensität auf unter 50. Ob 5 oder 10 mg Kortison gespritzt worden waren, machte keinen Unterschied. Gravierende Nebenwirkungen traten bei keiner der Substanzgaben auf. Drei Probanden sprachen unabhängig von der Medikamentengabe jedoch von starken Kopfschmerzen. Diese Beschwerden seien eine seltene, aber bekannte Nebenwirkung des Injektionsverfahrens, sagte Becker.

Länger wirksam als Kortison

Drei Monate nach Studienbeginn ergab sich ein anderes Bild. Patienten, die drei Injektionen Orthokin bekommen hatten, berichteten von einer weiteren Abnahme des Schmerzes. Die mit Kortison behandelten Teilnehmer hingegen klagten bereits über eine erneute Zunahme der Beschwerden. Auch nach sechs Monaten war der schmerzlindernde Effekt in der Orthokingruppe noch zu beobachten. 81,3 Prozent von ihnen gaben auf der VAS einen Wert unter 50 an, die Hälfte von ihnen bezeichnete sich sogar als beschwerdefrei (VAS unter 10). In beiden Kortisongruppen gaben nur etwa 70 Prozent eine VAS unter 50 an und nur ein Drittel von ihnen war beschwerdefrei.

„Wir vermuten, dass der körpereigene Stoff zur Selbstheilung beiträgt“, interpretiert Becker ihre Ergebnisse. „Denn eine so gute Wirkung über mehr als sechs Monate ist durch eine Medikamentengabe nicht zu erzielen.“

 

Eigenes Blut produziert Orthokin Gewonnen wird das körpereigene Orthokin aus dem Blut der Patienten. Bei dem von dem Düsseldorfer Orthopäden Professor Dr. Peter Wehling und dem Molekularbiologen Dr. Julio Reinecke entwickelten Verfahren wird den Patienten mit einer speziellen Spritze Blut abgenommen, in der Glaskügelchen mit einer speziellen Oberfläche eine Wunde simulieren. Dies regt die Blutzellen zur Orthokinproduktion an, das nach 24 Stunden in ausreichender Menge aus der Spritze entnommen werden kann.

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