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Heilen mit Ayurveda, Phytopharmaka und Homöopathie

02.08.1999
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-PharmazieGovi-Verlag

BESONDERE THERAPIERICHTUNGEN

Heilen mit Ayurveda, Phytopharmaka und Homöopathie

von Brigitte M. Gensthaler, Bregenz

Von Naturwissenschaftlern argwöhnisch beäugt, aber von Patienten geliebt, machen die Arzneimittel der besonderen Therapierichtungen nur einen kleinen Teil im Apothekensortiment aus. Dennoch sind alle Homöopathika und viele Phytopharmaka apothekenpflichtig. Will der Apotheker nicht nur Arzneimittelteilfachmann sein, muß er sich auch mit diesen Randgebieten sachlich beschäftigen. Dazu boten die Bregenzer Grenzgespräche Mitte Juli Gelegenheit.

Einer der Bregenzer Vorträge war dem Weihrauch und seinen Inhaltsstoffen gewidmet (siehe PZ 29/99, Seite 32). Im Abendland gehört das Harz zu katholischen Festgottesdiensten, in Indien ist es fester Bestandteil der ayurvedischen Medizin. Nach dieser Lehre soll er überschüssiges Kapha und Pitta vermindern.

Ayurveda, eine uralte Philosophie

Professor Dr. Hermann P. T. Ammon, Tübingen, führte in die Grundgedanken dieser "Wissenschaft vom gesunden Leben" ein, bevor er sich den Boswelliasäuren als Hauptinhaltsstoffen des Weihrauchs zuwandte. Nach indischer Lehre ist der Mensch ein Mikrokosmos im Makrokosmos. Er besteht aus den fünf Elementen Feuer, Wasser, Luft, Erde und Himmel. Die drei Grundprinzipien im menschlichen Körper (Dridosa) heißen Kapha, Vata und Pitta, die beim gesunden Menschen wie die Elemente in einem Gleichgewicht stehen. Unter Vata versteht der Ayurveda alles, was mit Bewegung zu tun hat; Pitta umfaßt, was mit der Umwandlung von Stoffen im Körper zusammenhängt, und Kapha bedeutet das Materielle, aus dem der Körper besteht.

Alle drei Bereiche können erkranken, wenn einer überwiegt. Die Therapie soll das gestörte Gleichgewicht wiederherstellen, entweder durch Eliminieren des überaktiven Dosas, das zunächst vom Krankheitsort in den Verdauungskanal gebracht werden muß, oder durch Zufuhr der unterrepräsentierten Elemente durch pflanzliche, tierische oder mineralische Arzneimittel.

Weihrauch soll nach ayurvedischer Lehre Kapha und Pitta vermindern, erläuterte Ammon. Verschiedene Indikationen sind in Texten aus dem 1. und 2. Jahrhundert nach Christus aufgeführt: Erkrankungen des Nervensystems, des Magen-Darmtraktes, der Atemwege und Frauenleiden. Seit 1982 ist das Präparat Sallaki, in Europa als H15 bekannt, in Indien zur Behandlung rheumatischer Erkrankungen erhältlich.

Boswelliasäuren hemmen Lipoxygenase

Die pharmakologische Forschung im Arbeitskreis von Ammon befaßt sich seit Jahren intensiv mit den antientzündlichen Effekten von Weihrauchextrakten. Die enthaltenen Boswelliasäuren, darunter Acetyl-11-keto-beta-Boswelliasäure (AKBA), binden an das Enzym 5-Lipoxygenase und blockieren so die Synthese von Leukotrienen. An humanen Thrombozyten konnte Ammon zeigen, daß AKBA die Cyclooxygenase nicht beeinflußt.

Es lag nahe, die Substanzen bei Erkrankungen zu erproben, die mit einer erhöhten Leukotrien-Produktion einhergehen. Beispiele sind Asthma bronchiale, entzündliche Darmerkrankungen, chronische Polyarthritis, Gicht, spezielle Hirntumoren oder Multiple Sklerose. Laut Ammon weisen mehrere kleine und zwei doppelblinde Studien auf positive Wirkungen bei chronischer Polyarthritis hin. Dennoch: "Eine saubere klinische Studie wäre dringend nötig." In Pilotstudien erforscht sei ebenfalls die Wirksamkeit bei rheumatoider Arthritis, Asthma, Colitis ulcerosa sowie bei Astrozytoma-Patienten mit peritumoralem Hirnödem.

Das Harz wird derzeit am Uniklinikum Mannheim bei Morbus-Crohn-Patienten erprobt. Jüngste Untersuchungen zeigen, daß AKBA die Proliferation von Lymphomzellen hemmt, die Apoptose einleitet und die Topoisomerasen I und II blockiert.

Ammon warnte in der Diskussion dringend vor unterdosierten Präparaten. Sehr kleine Dosen könnten die Leukotrien-Produktion anregen, da der Extrakt eine agonistisch wirkende Substanz enthalte. Die anstelle des indischen Präparates manchmal gewählte Alternative Olibanum D3 sei pharmakologisch wirkungslos, sagte Ammon. Und hat als Homöopathikum einen völlig anderen Anwendungsbereich, ergänzte Dr. Michael Elies, Laubach; nämlich gegen Heiserkeit und eine rauhe Stimme.

Wirrwarr im Phytomarkt

Wenn Phytopharmaka die gleichen Ansprüche stellen wie chemisch definierte Arzneimittel, dann müssen sie den gleichen Anforderungen genügen. Davon ist Professor Dr. Dieter Loew, Wiesbaden, überzeugt. Derzeit sind Phytoprodukte als zugelassene, fiktiv zugelassene, "traditionell angewendete" und als freiverkäufliche Arzneimittel im Handel. "Letztlich werden wir 2500 bis 3000 rationelle Phytopräparate für maximal 10 bis 15 Indikationen haben; diese sind dann eindeutig geprüft auf Wirksamkeit und Unbedenklichkeit", prognostiziert der Klinische Pharmakologe.

Arzneipflanzen sind aber auch als Nahrungsmittel im Handel, demonstrierte Dr. Jürgen Reimann, München, am Beispiel eines Joghurts mit den "Gesundheitskräutern" Johanniskraut, Melisse und Weißdorn. Als Nahrungsergänzungsmittel, für die es im übrigen keine Legaldefinition gibt, firmieren auch obskure Produkte mit klaren gesundheitsbezogenen Aussagen. Die Grenze zu Arzneimitteln wird verwischt. Krankheitsbezogene Aussagen sind aber ebenso wenig zulässig wie Täuschung oder Irreführung des Verbrauchers. Reimann riet, Produkte im Zweifelsfall anhand von überwiegender Zweckbestimmung, objektiven Kriterien und der allgemeinen Verkehrsauffassung zu bewerten.

Problem bei der Bewertung von Phytopharmaka in der Apotheke: Die von der früheren Kommission E des BGA erstellten Drogenmonographien werden seit 1994 nicht mehr fortgeschrieben und sind teilweise überholt.

Auf Extraktqualität achten

Phytopharmaka haben ihren Platz in der Therapie chronisch-degenerativer Gelenkerkrankungen und bei extraartikulärem Weichteilrheumatismus. Bei akuten rheumatischen Leiden können sie allenfalls adjuvant eingesetzt werden, sagte Loew.

Eine der ältesten antiphlogistisch wirksamen Drogen ist die Weidenrinde. Ihre Extrakte helfen bei fieberhaften Erkrankungen, Kopfschmerzen und rheumatischen Beschwerden. Als wirksamkeitsbestimmende Bestandteile werden Salicin und Derivate angesehen. Effekte auf die Cyclooxygenase wie bei Acetylsalicylsäure sind nicht zu erwarten; daher seien die Extrakte auch für Patienten geeignet, die Gerinnungshemmer einnehmen, meinte Loew.

Als interessante Droge bezeichnete Loew die Teufelskralle. Kinetik und Wirkmechanismus des Extraktes seien bekannt. Er enthält Iridoide wie Harpagosid und Procumbid. Harpagosid und Wurzelextrakte aus Harpagophytum procumbens hemmen in vitro die Lipoxygenase und die Cyclooxygenase. Zur Pharmakokinetik von Spezialextrakten liegen Untersuchungen an Probanden vor. Dieser wird rasch resorbiert und unterliegt einem enterohepatischen Kreislauf. Harpagosid ist stabil im Magen- und Darmsaft und im Plasma. Einige kontrollierte Studien deuten auf eine analgetisch-antiphlogistische Wirkung bei rheumatischen Beschwerden und Lumbago (Hexenschuß) hin.

Die Effekte unterschiedlicher Extrakte differieren stark. Daher riet Loew, nur Präparate mit hoher Qualität und nachgewiesener Wirksamkeit zu verwenden. Auch bei Phytogenerika sei Äquivalenz zu fordern.

Bei Osteoarthritis und rheumatischer Arthritis ist die Wirksamkeit der Scharfstoffe des Pfeffers, des Capsaicins, nicht ausreichend belegt; wohl aber ist eine lokale Anwendung bei schmerzhafter diabetischer Polyneuropathie und postherpetischer Neuralgie berechtigt. Dieses Fazit zog Loew aus klinischen Studien mit einer 0,075prozentigen Creme. Auch der Wirkmechanismus ist bekannt: Capsaicin depolarisiert selektiv die nozizeptiven C-Fasern und die schmerzleitenden markhaltigen A-Delta-Fasern und desensibilisiert Nozizeptoren. In höherer Konzentration wirkt es neurotoxisch. Entgegen der Monographie ist heute eine längerfristige Anwendung möglich.

Mit Homöopathie reizen und regulieren

Nicht als Ersatz, sondern als Ergänzung der Schulmedizin wollen Dr. Michael Elies, Laubach, und Dr. Markus Wiesenauer, Weinstadt, die Homöopathie verstehen. "Wenn wir homöopathisch behandeln wollen, brauchen wir einen Patienten, der stimulierbar ist, und ein Medikament, von dem ein Arzneimittelbild vorliegt", leitete Elies ein. Die Homöopathie setze auf Stimulation, nicht auf Suppression.

Die Kunst bestehe darin, den Reiz individuell anzupassen. Dabei berücksichtigt diese Therapie immer die Gestimmtheit des Patienten, wie er also mit seinem Schmerz umgeht. Der ärgerliche zornige Patient braucht vielleicht die Zaun- oder Zornrübe Bryonia; derjenige, der vom Schmerz aufgerieben wird, eher Rhus toxicodendron. Wer seine Pein voller Angst als Strafe (poena) erlebt, spricht auf Aconitum napellus an, der traurig leidende Patient eher auf Solanum dulcamara oder Natrium muriaticum. Der homöopathisch tätige Arzt beobachtet mit allen Sinnen, sagte Wiesenauer.

Mittel für bewährte Indikationen

Eine Vereinfachung der Homöopathie sind die "bewährten Indikationen". Oft sind es laut Elies die "kleinen" homöopathischen Mittel, die auf ein Leitsymptom reduziert und in niedrigen bis mittleren Potenzen eingesetzt werden können. Klassisches Beispiel: Hypericum D4 im Wechsel mit Arnica D6 nach Zahnextraktion. Wiesenauer nannte weitere Mittel, von denen man - wenn nicht anders angegeben - alle zwei Stunden drei Globuli oder Tropfen oder eine Tablette nimmt.

Aconitum napellus D6 ist im Initialstadium einer Entzündung, zum Beispiel bei beginnendem fieberhaften Infekt der oberen Atemwege oder einer Arthritis angezeigt. Der Patient fühlt sich unruhig und ängstlich: Aconit ist eines der großen Angstmittel. Es wird kumulativ, also viertel- oder halbstündlich genommen, bis der Schub zurückgeht.

Apis mellifica D6 wird ebenfalls in Akutsituationen bei brennenden Schmerzen, geschwollenen und entzündeten Gelenken eingesetzt. Der Patient ist unruhig, weil "etwas fließt", nämlich der Schmerz.

Bryonia D6 gilt als hochpotentes Analgetikum und Antirheumatikum in der Homöopathie. Typisch: Der Patient ist ärgerlich und vermeidet jede unnötige Bewegung.

Ledum palustre D4 wird bei Gelenkschmerzen mit Ergußbildung eingesetzt, wenn Wärme die Symptome verschlimmert, Kälte aber bessert.

Solanum dulcamara D6 hilft bei Beschwerden, die nach Unterkühlung oder Durchnässung entstehen, zum Beispiel bei akuter Zystitis, Atemwegsinfekten oder rheumatischem Schub.

Eher für subakute Stadien sind Rhus toxicodendron D12 und Ruta graveolens D4 geeignet; zweimal täglich eine Tablette oder fünf Tropfen oder Globuli. Typisch für Rhus tox. sind Anlaufschmerzen, die beim schweren Heben und Tragen "einschießen". Die rheumatoiden Schmerzen verschlechtern sich bei Nässe und Kälte. Ruta ist gut geeignet bei Entzündungserscheinungen nach Überreizung und beim Tennisellenbogen.

"Die Homöopathie ist eine therapeutische Option", warnte Wiesenauer vor Enthusiasmus. Man könne sie keinem Patienten aufdrängen. Dennoch sieht er hier große Ressourcen für patientenorientiertes Handeln und pharmazeutische Betreuung. "Homöopathie ist nichts Mystisches; sammeln Sie langsam Erfahrung am Patienten." Top

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