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Kein Schutz vor Herzkreislauf-Erkrankungen

16.06.2003
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Vitamine

Kein Schutz vor Herzkreislauf-Erkrankungen

von Christian Wetzler, Mainz

Menschen, die ausreichend antioxidative Vitamine zu sich nehmen, sollen seltener einen Herzinfarkt erleiden. Doch Vitaminpräparate gelten bei derartigen Indikationen als umstritten. Eine Meta-Analyse deutet nun darauf hin, dass die zusätzliche Vitaminzufuhr keinen Schutz gegenüber kardiovaskulären Erkrankungen bietet.

Die anfängliche Euphorie bezüglich antioxidativer Vitamine im Kampf gegen Herzkreislauf-Erkrankungen rührte von positiven Ergebnissen aus präklinischen Studien her. Vitamin A und Vitamin E verfügen über zellschützende antioxidative Eigenschaften und verzögern das Voranschreiten der Atherosklerose, so die Hypothese.

Doch das, was im Tierversuch große Hoffnungen weckte, erwies sich beim Menschen komplizierter als zunächst erwartet. So lieferten klinische Studien keine durchgängig eindeutigen Ergebnisse. In Einzelfällen berichteten Wissenschaftler sogar von schädlichen Wirkungen der Vitaminpräparate auf das Herzkreislaufsystem.

Die Forschergruppe um Marc Penn von der Cleveland Clinic Foundation präsentierte in der aktuellen Ausgabe des Fachmagazins Lancet (Band 361, Seite 2017) eine Meta-Analyse, die nun ein abschließendes Urteil liefern sollte. Sieben der analysierten Studien untersuchten die Wirkung von Vitamin E auf das Herzkreislaufsystem, acht die Wirkung von beta-Carotin, der Vorstufe von Vitamin A. Die tägliche Dosis entsprach im Fall von Vitamin E zwischen 50 und 800 IU, im Fall von beta-Carotin zwischen 15 und 50 mg, wobei jede Studie mindestens 1000 Probanden umfasste.

Kein schützender Effekt erkennbar

Insgesamt nahmen 81 788 Freiwillige an Studien zur Wirkung von alpha-Tocopherol (Vitamin E) teil. Im Vergleich zur Kontrollgruppe beobachteten die Wissenschaftler aber keinerlei Anzeichen für eine Abnahme der Mortalität und tödlich verlaufender Herzerkrankungen.

Noch negativer fiel das Bild für beta-Carotin aus: So führte die Einnahme von Beta-Carotin zu einer geringen, aber signifikanten Erhöhung der Gesamtmortalität (von 7,0 auf 7,4 Prozent) und der kardiovaskulären Todesfällen (von 3,1 auf 3,4 Prozent). Insgesamt wurden hier 138 113 Studienteilnehmer über einen Zeitraum von 2,1 bis 12,0 Jahren verglichen.

Die Wissenschaftler hoffen, dass die ernüchternden Resultate der Meta-Analyse nicht auf taube Ohren stoßen. Ärzte sollten vor der Einnahme von beta-Carotin und Vitamin A warnen, anstatt sie zu propagieren. „Zudem empfehlen wir, derzeit laufende klinische Studien mit beta-Carotin auf Grund der Risiken abzubrechen“, fordert Penn.

Allerdings betont der Wissenschaftler, dass diese Empfehlung nur für Menschen mit ausgewogener Ernährung und einer ausreichenden Vitamin-Grundversorgung gelte. In Entwicklungsländern oder bei Patienten mit gestörter intestinaler Vitaminaufnahme liegen die Dinge möglicherweise völlig anders. Eine Einschätzung, die durch eine Studie an Menschen in der nordchinesischen Provinz gestützt würde: Hier erniedrigte die zusätzliche Vitaminzufuhr die Mortalitätsrate und Krebsinzidenz. Top

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