Pharmazeutische Zeitung online

Krebsspezialisten tagten in New Orleans

19.06.2000  00:00 Uhr

-PharmazieGovi-Verlag

ONKOLOGIE

Krebsspezialisten tagten
in New Orleans

von Annette Junker, New Orleans

Mehr als 20.000 Teilnehmer kamen zum 36. Treffen der American Society of Clinical Oncology (ASCO) Ende Mai nach New Orleans, um über die neuesten Fortschritte in der Krebsforschung zu diskutieren. Wissenschaftler stellten in über 2600 Präsentationen ihre neuen klinischen Daten vor. In der Fülle der Arbeiten, die in New Orleans präsentiert wurden, fielen besonders neue Therapieansätze bei Brustkrebs, Bronchialkarzinomen und Malignen Melanomen auf.

Spätestens seit der Konsensus-Konferenz von 1998 in Sankt Gallen gilt das CMF-Schema (Cyclophosphamid, Methotrexat und Fluorouracil) als Standard bei der adjuvanten Therapie von Estrogenrezeptor-negativen Brusttumoren. Zu einer Änderung dieser Empfehlung könnte eine in New Orleans vorgestellte Studie führen, in der 2008 Frauen mit Tumoren im frühen Krankheitsstadium entweder sechs Monate Cyclophosphamid, Methotrexat sowie Fluorouracil oder drei Monate Adriamycin und Cyclophosphamid (AC), jeweils mit oder ohne Tamoxifen erhalten hatten. Dass die zusätzliche Gabe von Tamoxifen in keiner der beiden Kombinationen im Vergleich zu Placebo zu einem Unterschied führte, war bei den Estrogenrezeptor-negativen Tumoren nicht anders zu erwarten. Es ergab sich jedoch auch kein signifikanter Unterschied zwischen CMF und AC im bezug auf die krankheitsfreie Überlebenszeit und die Gesamtüberlebenszeit. Dies könnte möglicherweise zu neuen Therapieempfehlungen führen, da das AC- im Gegensatz zum CMF-Regime nur über drei Monate läuft und daher den Patientinnen zusätzliche Behandlungsmonate erspart.

Bestrahlung plus Tamoxifen senkt Zahl der Remissionen

Frauen mit nodalnegativem invasivem Brustkrebs im frühen Krankheitsstadium, die nicht nur bestrahlt werden, sondern auch Tamoxifen erhalten, erleiden deutlich seltener einen Rückfall. Zu diesem Ergebnis kamen Wissenschaftler, die 1009 Patientinnen von Juni 1989 bis Dezember 1998 entsprechend behandelten. Die Patientinnen hatten alle kleine Tumoren (< 1 cm), die chirurgisch entfernt worden waren. Nach der Operation erhielten die Frauen randomisiert entweder Tamoxifen, eine Bestrahlung oder Bestrahlung plus Tamoxifen. Die durchschnittliche Nachbeobachtungszeit betrug 73 Monate.

In der Studie zeigte sich, dass Tamoxifen allein nicht so effektiv wie eine alleinige Bestrahlung wirkte. Die Kombination aus Tamoxifen und Bestrahlung war den beiden Monotherapien allerdings signifikant überlegen. Es ergaben sich keine Unterschiede bei der Überlebenszeit.

Neue Kombinationen bei Bronchialkrebs

Das Bronchialkarzinom ist nach Brustkrebs bei Frauen und Prostatakrebs beim Mann die zweithäufigste Krebsform in den Vereinigten Staaten. Lungenkrebs sind in den Vereinigten Staaten die höchsten jährlichen Todesraten unter allen Tumorerkrankungen zuzuschreiben. Allein 1999 starben rund 160.000 Menschen. Bis vor wenigen Jahren wurden die Patienten nur palliativ bestrahlt oder unterstützend behandelt. Später konnten Wissenschaftler zeigen, dass eine Chemotherapie mit Cisplatin die Überlebenszeit verlängert. Seit kurzem sind eine Reihe weiterer Zytostatika mit unterschiedlichen Wirkungsmechanismus im Gespräch.

In der Plenarsitzung des ASCO-Treffens stellten Forscher die Daten einer randomisierten Studie vor, die vier Kombinationsregime bei Nicht Kleinzelligem Bronchialkarzinom (NSCLC) vergleicht. 1146 Patienten hatten entweder Gemcitabin plus Cisplatin, Docetaxel plus Cisplatin oder Carboplatin plus Paclitaxel erhalten. Als Referenzschema diente jeweils die Kombination aus Cisplatin plus Paclitaxel. Primärer Endpunkt war die Überlebenszeit, sekundäre Endpunkte Ansprechraten, Zeit bis zur Progression und Nebenwirkungen.

Obwohl es im Hinblick auf den primären Endpunkt unter den vier getesteten Kombinationstherapien keinen "Gewinner" gab, überlebten die Patienten unter den neuen Schemata im Vergleich zu den vor circa fünf Jahren noch üblichen Therapieregiemen im Schnitt zwei Monate länger. Bei den Nebenwirkungen gab es leichte Unterschiede: Thrombocytopenien traten unter Gemcitabin plus Cisplatin häufiger auf; zu Fieber und Neutropenie kam es dagegen hier und auch bei der Kombination aus Carboplatin und Paclitaxel seltener. Unter Erbrechen litten Patienten, die Carboplatin und Paclitaxel erhielten am seltensten. Bislang unbeantwortet bleiben Fragen zur Lebensqualität, pharmaökonomischen Aspekten und der Rolle einer Second-line-Therapie.

Hautkrebs weiter auf dem Vormarsch

Seit den 50er Jahren erkranken immer mehr Menschen an Hautkrebs. Wirksame Behandlungsoptionen des fortgeschrittenen metastasierten Melanoms, die bis vor kurzem völlig fehlten, werden deshalb immer wichtiger. Die große Zahl der in New Orleans vorgestellten Publikationen verdeutlicht die zunehmende Bedeutung dieser Erkrankung. Hoffnung setzten Forscher inzwischen auf Temozolomid, ein alkylierendes Dacarbazin-Analogon, dass jedoch schon als Monosubstanz in klinischen Studien beim malignen Melanom eine bessere Wirksamkeit als seine Muttersubstanz bewiesen hat.

Eine dreiarmige, noch nicht abgeschlossene Studie vergleicht Temozolomid allein, in Kombination mit Interferon-a oder dem Angiogenesehemmstoff Thalidomid. Die vorläufigen Ergebnisse zeigen, dass Temozolomid sowohl allein als auch in Kombination mit beiden Substanzen sehr gut gegen maligne Melanome wirkt. Die Behandlung wurde von Patienten aller Gruppen gut vertragen, am häufigsten traten leichte bis mittelschwere nicht hämatologische Nebenwirkungen und Myelosuppressionen auf. Bei den Studiendaten handelt sich jedoch um vorläufige Ergebnisse.

In einer anderen Studie testeten Mediziner Temozolomid (TEM) plus Docetaxel (D) in der First-line-Therapie bei 51 Patienten mit fortgeschrittenem Melanom. Bei einer Ansprechrate der Kombination von 25 Prozent waren die Nebenwirkungen noch erträglich. Wiederum traten am häufigsten Neutropenien auf. Positiver Begleiteffekt in dieser Studie: Das lipophlie Temozolomid überwindet leicht die Blut-Hirn-Schranke. Durch die hohen Wirkstoffkonzentrationen in der Zerebrospinalflüssigkeit konnten zusätzlich Hirnmetastasen bekämpft werden.

Diese Eigenschaft macht Temozolomid auch zur wirksamen Substanz bei Hirnmetastasen solider Tumore, für die bisher nur sehr begrenzte Behandlungsoptionen zur Verfügung standen. Darüber hinaus sprach Temozolomid sowohl bei neu diagnostizierten Glioblastomen als auch in der Second-line-Therapie bei hoch malignem Gliom an.

Pegyliertes liposomales Doxorubicin

Die Anthrazykline Doxorubicin, Daunorubicin und Idarubicin wirken sehr effektiv gegen diverse maligne Erkrankungen. Neben ihrer toxischen Wirkung auf das Knochenmark, schädigen Anthrazykline besonders das Herz. Die Kardiotoxizität macht sich zunächst durch einen Frequenzanstieg und eine Verlängerung der QT-Zeit bemerkbar. später kann es zu Kardiomyopathien und Herzinsuffizienz kommen. Um einer Manifestation der Kardiomyopathie vorzubeugen, sollte eine kumulative Gesamtdosis von 550 mg/m² Doxorubicin bei Erwachsenen und 400 mg/m² bei Kindern nicht überschritten werden.

Doxil® und Caelyx® sind Liposomenverbindungen, in denen Doxorubicinhydrochlorid in Liposomen verkapselt ist. Polyethylenglykol schützt die Moleküle vor der Phagozytose durch Makrophagen, so dass sie länger im Blut zirkulieren. Eine längere Halbwertszeit und gleichmäßigere Plasmaspiegel sind die Folge.

In New Orleans stellten Wissenschaftler eine Studie vor, die den kardiotoxischen Effekt von pegyliertem liposomalem Doxorubicin bei 40 Patienten untersucht hatte. Die Probanden erhielten kumulative Dosen von 500 bis 1500 mg/m². Zunächst begann man mit 20 bis 80 mg/m² alle drei bis sechs Wochen. Je nach Art und Schwere der Nebenwirkungen senkte man teilweise in nachfolgenden Zyklen die Dosis. Die Mediziner überprüften jeweils nach 300 bis 400 mg/m² und weiteren 120 bis 250 mg/m² intensiv die Herzfunktionen. Bei keinem der Patienten kam es in Folge einer Kardiomyopathie zu einer kongestiven Herzinsuffizienz.   Auch in anderen Studien waren die Ansprechraten bei den erhöhten Dosen sehr zufriedenstellend, die maximal toxische Dosis wurde nicht erreicht.

Antidepressivum gegen menopausalen Beschwerden bei Frauen nach Brustkrebs

Sinkt bei gesunden Frauen in der Menopause plötzlich der Estrogenspiegel, leiden diese häufig unter Hitzewallungen. Dieses Phänomen tritt aber auch bei Patientinnen mit Mammakarzinom auf, wenn diese Antiestrogene einnehmen und so die Thermoregulation des Hypothalamus gestört wird. Tamoxifen induziert selbst Hitzewellen, und eine Chemotherapie beschleunigt bei einigen Frauen die Menopause. Unter diesen Umständen ist nachzuvollziehen, dass Hitzewellen oft ein ganz besonderes Problem für Frauen mit Brustkrebs in ihrer Krankheitsgeschichte sind.

Die Symptome können zwar mit Estrogenen und Progesteron bei gesunden Frauen erheblich gemildert werden, Frauen die bereits Brustkrebs hatten, dürfen allerdings keine Hormone erhalten, da sonst die Gefahr besteht, die Proliferation des Brustgewebes erneut zu fördern.

Der selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer Venlafaxin-Hydrochlorid (Effexor®) wirkt auch als partieller Dopamin-Wiederaufnahmehemmer und beeinflusst wahrscheinlich auch noch andere zentrale Neurotransmitterfunktionen. So lassen sich seine thermoregulatorischen Effekte auf den Hypothalamus erklären.

In einer Studie wurden 180 Frauen mit menopausalen Symptomen - besonders quälenden Hitzewallungen- randomisiert und vier Wochen lang entweder mit Placebo oder mit Venlafaxine in Dosen von 37,5, 75 oder 150 mg behandelt. Die Ergebnisse waren beeindruckend: Sowohl die Zahl der Hitzewallungen als auch ein Score – bestimmt als Produkt aus der Frequenz und der Stärke der Hitzewallungen – sanken unter Placebo um 25 und unter Verum um 40 beziehungsweise 60 Prozent. An Nebenwirkungen, besonders unter der höchsten Venlafaxine-Dosis traten selten Erbrechen, Mundtrockenheit, Anorexie und Obstipation auf. Die empfohlene Dosis von Venlafaxine zur Behandlung von Depressionen liegt bei 150 mg.

Anschrift der Verfasserin
Annette Junker
Sellscheid 100
42929 Wermelskirchen
Top

© 2000 GOVI-Verlag
E-Mail: redaktion@govi.de

Mehr von Avoxa