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SSRI-Antidepressiva für Kinder nicht geeignet

10.05.2004  00:00 Uhr

SSRI-Antidepressiva für Kinder nicht geeignet

von Dagmar Knopf, Limburg

Australische Forscher unterzogen mehrere Studien, die Sicherheit und Wirksamkeit von Antidepressiva zur Depressionsbehandlung bei jungen Patienten unter 18 Jahren überprüften, einer kritischen Betrachtung. Mit Ausnahme von Fluoxetin scheint keines der angewendeten Antidepressiva für Kinder geeignet zu sein.

Seitdem 1990 Antidepressiva der neuen Generation (selektive Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer) auch zur Behandlung von Depressionen im Kindesalter eingeführt wurden, steigt deren Einsatz kontinuierlich. Doch wie sicher und effektiv sind diese Medikamente für Kinder und Jugendliche? Seit Juni letzten Jahres wurden fünf Warnungen ausgesprochen, teils seitens der herstellenden Industrie, teils von staatlicher Seite. So warnte im Juni 2003 GlaxoSmithKline vor dem Einsatz von Paroxetin bei Patienten unter 18 Jahren. Auslöser war eine kürzlich abgeschlossene Studie, die nicht tragbare Risiken für unerwünschte Wirkungen darlegte, inklusive Suizid und Feindseligkeit. Nur zwei Monate später warnte der Hersteller von Venlafaxin vor der Einnahme dieses Medikamentes bei Jugendlichen und im Dezember 2003 sprach das britische Committee on Safety of Medicines eine Warnung für alle übrigen Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer – mit Ausnahme von Fluoxetin – aus.

Jon Jureidini, Anne Tonkin und Mitarbeiter vom Women´s and Children´s Hospital in North Adelaide, Australien, betrachteten sechs bereits veröffentliche randomisierte Studien genauer. Jureidini et al. sind der Auffassung, dass der Nutzen übertrieben und die Nebenwirkungen heruntergespielt wurden. Als Grund vermuten die Forscher, dass es sich hierbei hauptsächlich um von der Pharmaindustrie beeinflusste Untersuchungen handle. In drei der vier größeren Untersuchungen seien entweder die Studiendurchführung oder die Autoren von der Pharmaindustrie finanziell unterstützt worden (1).

Vier im Test

In den kritisierten Studien wurden vier neuere Antidepressiva an Kindern und Jugendlichen zwischen 5 und 18 Jahren getestet. 477 Kindern erhielten Paroxetin, Fluoxetin, Sertralin oder Venlafaxin, 464 ein Placebo. In beiden Gruppen schied rund ein Viertel der Teilnehmer aus der laufenden Studie aus. Von den 42 berichteten Ergebnissen zeigten nur 14 einen statistischen Vorteil für das Antidepressivum. Keines der zehn Ergebnisse, die auf dem Bericht des Patienten selbst oder seiner Eltern beruhte, zeigte signifikante Vorteile für eines der eingesetzten Antidepressiva. Grundlage der berichteten Effizienz war vielmehr die Einschätzung der behandelnden Ärzte. Keine der Studien präsentierte Daten zu versuchter Selbstschädigung oder zum Vorstelligwerden in der Notaufnahme. Zwei kleine Studien fanden keinen statistisch signifikanten Vorteil von Antidepressiva gegenüber Placebo (2, 3). Von den weiteren vier Studien berichteten zwei über statistisch signifikante Vorteile (Emslie et al. 1997 und Wagner et al. 2003), zwei hingegen nicht (Keller et al. 2001 und Emslie et al. 2002).

Pikant ist laut der australischen Forscher der anzunehmende Einfluss der Hersteller auf die Studienergebnisse. So zeigen Daten der US Food and Drug Administration, dass die Studie von Emslie et al. 1997 von Eli Lilly gesponsert wurde. Zwei Autoren der Studie von Keller et al. 2001 sind Angestellte von GlaxoSmithKline, ebenso wie zwei Autoren der Studie von Wagner et al. 2003 Angestellte von Pfizer sind. Auch die Autoren der zweiten Studie von Emslie et al. 2002 sind Eli Lilly vertraglich verpflichtet.

Als die australischen Autoren die Studien untersuchten, wandten sie sich zuerst den Nebenwirkungen zu. Da die Follow-up-Periode nur kurz und die Teilnehmerzahlen klein war, erwarteten sie, ernsthafte Nebenwirkungen nur selten beobachten zu können.

In der Studie von Keller et al. bekamen 93 Patienten das Antidepressivum Paroxetin. Immerhin elf von ihnen hatten ernste Nebenwirkungen, sieben wurden in eine Klinik aufgenommen. In der Kontrollgruppe erlitten zwei von 87 behandelten Patienten ernsthafte Nebenwirkungen. Statistische Angaben unterblieben in der Veröffentlichung und Keller et al. schlossen aus ihren Ergebnissen, dass Paroxetin im Allgemeinen in der jugendlichen Bevölkerung gut toleriert werde und die meisten Nebenwirkungen nicht ernst seien.

In der ebenfalls untersuchten Studie von Wagner et al. (2003) nahmen 373 Patienten teil. Von 189 mit Sertralin behandelten Patienten brachen 17 die Studie auf Grund von unerwünschten Wirkungen ab. Im Vergleich dazu beendeten fünf von 184 in der Kontrollgruppe die Studie.

Keine Statistik

Ein weiterer Kritikpunkt von Jureidini et al. ist, dass die Autoren keine statistischen Analysen der Nebenwirkungen veröffentlichten, obwohl der Unterschied signifikant war. Obwohl die Autoren von sieben Fällen mit Nebenwirkungen nach Einnahme von Sertralin berichteten, beurteilten sie das Antidepressivum als effektive, sichere und gut verträgliche Kurzzeittherapie für Kinder und Jugendliche.

Daten aus anderen Quellen unterstützen die Einschätzung, dass Nebeneffekte häufiger auftraten als die Autoren der Studien publizierten. Unter Fluoxetin entwickelte die Hälfte der Kinder ein Aktivitätssyndrom und bei sechs der 42 Kinder zeigte sich selbstverletzendes Verhalten. Da bei randomisierten Studien ernsthafte Nebenwirkungen oft unterschätzt werden, lässt ihr Aufspüren laut der australischen Forscher in diesem Fall auf ein gefährliches Potenzial schließen.

Ebenso wie die Nebenwirkungen heruntergespielt wurden, wurde auf der anderen Seite der therapeutische Nutzen übertrieben, so die Forscher. Wagner et al. sprechen von zwei randomisierten kontrollierten Studien, obwohl die Untersuchungsmethoden identisch waren. Keine der beiden Studien zeigte verglichen mit Placebo einen statistisch signifikanten Vorteil von Sertralin. Kombinierte man hingegen beide Studien, zeigte sich ein statistisch signifikanter Unterschied. Allerdings war er auf einer Punkteskala mit insgesamt 113 Punkten mit 2,7 Punkten relativ gering.

Die Größe des beobachteten Nutzens von Antidepressiva bei Kindern sei nicht ausreichend, um solche ernsthaften Nebenwirkungen wie beschrieben zu riskieren, folgern Jureidini und Kollegen. Auch raten sie auf Grund der vorliegenden Daten dringend davon ab, diese Medikamente in der Gruppe von Kindern und Jugendlichen zu empfehlen. Fehlinterpretierte Studienergebnisse könnten Ärzte, Patienten und ihre Angehörigen fehlleiten. Nicht medikamentöse Behandlungen würden möglicherweise unterschätzt, die sowohl sicherer als auch effektiver als die Antidepressiva der neuen Generation seien.

Nur einer nicht negativ

Zu einer ähnlichen Einschätzung kommt eine Gruppe britischer Forscher um Craig Whittington und Tim Kendall vom National Collaborating Centre for Mental Health in London. Sie untersuchten ebenfalls die vier bereits erwähnten großen Studien (Emslie et al. 1997 und 2002, Keller et al. 2001 und Wagner et al. 2003). Zudem schlossen sie in ihre Analyse bislang unveröffentlichte Ergebnisse ein. In der Fachzeitschrift Lancet kommen die Forscher zu dem Schluss, dass nur einer der untersuchten Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer nicht mit negativen Ergebnissen assoziiert werden könne: Fluoxetin (4).

Da 2 bis 6 Prozent aller Kinder und Jugendlichen an Depressionen leiden und bei Kindern und Jugendlichen zwischen 10 und 19 Jahren Selbstmord die dritthäufigste Todesursache ist, ist eine wirkungsvolle sichere Therapie dringend erforderlich. Damit Ärzte und Kliniken die sicherste und effektivste Behandlungsmethode auswählen können, müsse ein vereinfachter Zugang zu unveröffentlichten Daten aus der pharmazeutischen Industrie gewährleistet sein. Nur so könne ein klares Bild der Sicherheit und Wirksamkeit von Antidepressiva erstellt werden. Ansonsten kann es nach Meinung der britischen Forscher zu Fehlbehandlungen mit fatalen Folgen kommen.

 

Literatur

  1. British Medical Journal, 328 (2004) 879 - 883.
  2. Simeon, J. G. et al., Adolescent depression: a placebo-controlled fluoxetine treatment study and follow-up. Prog Neuropsychopharmacol. Biol Psychiatry 14 (1990) 791 - 795.
  3. Mandoki, M. W. et al., Venlafaxine in the treatment of children and adolescents with major depression. Psychopharmacol Bull 33 (1997) 149 - 54.
  4. Lancet 363 (2004) 1341 - 1345.

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