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Acamprosat in der Therapie der Alkoholabhängigkeit

07.04.1997
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-Pharmazie

  Govi-Verlag

Acamprosat in der Therapie der Alkoholabhängigkeit

 

Der Alkoholismus ist bei mindestens 2,5 Millionen behandlungsbedürftigen Alkoholikern und einer Prävalenz von etwa 5 Prozent bei Männern beziehungsweise circa 2 Prozent bei Frauen - die Suchtkrankheit Nummer 1 in Deutschland. Eine möglichst frühe Diagnose des pathologischen Trinkverhaltens ist anzustreben, um den Patienten rechtzeitig in eine qualifizierte medizinische und psychotherapeutische Behandlung einzubinden.

 

Acamprosat-Calcium ist arzneilich wirksamer Bestandteil des Arzneimittels Campral® der Firma LIPHA Arzneimittel GmbH, Essen. Eine magensaftresistente Tablette enthält 333mg Acamprosat - Calcium.

Auf der Basis neuro- und molekularbiologischer Erkenntnisse zur Pathogenese von Alkoholismus, Alkoholentzug und -delir haben sich in den vergangenen Jahren neue pharmakologische Ansatzpunkte für eine Pharmakotherapie der Alkoholsucht entwickelt.

Jüngste Untersuchungen zeigen einen selektiven und dosisabhängigen Effekt des Ethanols auf verschiedene Neurotransmittersysteme, insbesondere das GABA-, dopamin- und glutamaterge System, wodurch das Trink- und Suchtverhalten, der Suchtdruck (Craving), der Alkoholentzug sowie das Delir beeinflußt werden. Des weiteren wird speziell für das Alkoholdelir auch die pathogenetische Bedeutung toxischer Eiweißprodukte und einer Alkalose diskutiert.

Die Abstinenzbehandlung Alkoholabhängiger beschränkt sich zur Zeit fast ausschließlich auf die überwiegend stationär durchgeführte Entwöhnungstherapie sowie den Besuch von Selbsthilfegruppen. Meist ist aber eine mangelhafte Compliance für das Scheitern eines anhaltenden therapeutischen Abstinenzerfolges verantwortlich.

Die Rückfallprophylaxe, das größte Problem in der Behandlung des Alkoholismus, stützt sich bislang auf Arzneimittel wie Disulfiram (Antabus®), das bei gleichzeitigem Alkoholkonsum Unverträglichkeitsreaktionen auslöst. Die Compliance der Patienten bei diesem Therapieverfahren ist allerdings ebenfalls gering. Es gibt nur wenige Studien, in denen ein langfristiger Erfolg einer Disulfiram-Therapie nachgewiesen wurde.

Auch der Einsatz von Clomethiazol (Distraneurin®) ist aufgrund seines eigenen Suchtpotentials stark umstritten. In der Monographie der Aufbereitungskommission B3 des BGA (jetzt BfArM) vom 27. Juni 1991 wird ausdrücklich auf das Abhängigkeitspotential von Clomethiazol verwiesen: Bei Patienten mit Medikamenten- oder Alkoholabhängigkeit besteht bereits nach mehrtägiger Anwendung (bis zu 14 Tagen) ein erhebliches Risiko zur Entwicklung einer sekundären Abhängigkeit von Clomethiazol.

Mit Acamprosat wurde in Frankreich bereits 1989 (als Aotal®) und im März 1996 (als Campral®) auch in Deutschland ein Medikament mit einem neuen Wirkprinzip, ein Antidipsotropikum, zur Rückfallprophylaxe Alkoholkranker, zugelassen.

Das Homotaurinderivat Acamprosat ist eine wertvolle therapeutische Innovation für die Rückfallprophylaxe bei Alkoholabhängigkeit. Zur Vermeidung eines nicht sachgerechten Einsatzes muß auf die bestimmungsgemäße Anwendung ausschließlich als Zusatztherapeutikum (nicht als Ersatz!) im Rahmen einer psychosozial betreuten Abstinenzbehandlung hingewiesen werden. Die Behandlung mit Acamprosat sollte sinnvollerweise nach abgeschlossener Entgiftung (Alkoholentzug) begonnen werden und 3 bis 12 Monate dauern, um eine günstige Prognose für eine dauerhafte Abstinenz zu gewährleisten.

In klinischen Studien erhöhte Acamprosat die Abstinenzrate sowie die kumulative Abstinenzdauer. Die Substanz wirkt nicht psychotrop, hat kein Suchtpotential, keine hepatotoxischen Nebenwirkungen und interagiert nicht mit Alkohol beziehungsweise anderen Arzneistoffen. Ein Nachteil für die Akzeptanz bei Alkoholabhängigen ist die relativ hohe Dosis und Dosierungsfrequenz. Hier kann und sollte der Apotheker compliancefördernd aktiv werden.

PZ-Artikel von Barbara Peruche und Martin Schulz, Eschborn    

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