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Die Chancen auf Heilung stehen schlecht

27.03.2000
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-PharmazieGovi-VerlagBRONCHIALKARZINOM

Die Chancen auf Heilung
stehen schlecht

on Ulrike Wagner, Cannes

Der Blick in die Zukunft ist viel versprechend: Wissenschaftler suchen nach molekularbiologischen Strategien, um jedem Patienten mit Bronchialkarzinom eine Therapie auf den Leib zu schneidern. Die Gegenwart sieht weniger rosig aus. Fast 90 Prozent der Patienten erleiden innerhalb von fünf Jahren einen Rückfall. Experten präsentierten auf dem 4. Pan-European Cancer Symposium von Bristol-Myers Squibb den derzeitigen Stand der Forschung.

"Im Gegensatz zu Patienten mit Mamma- und Colonkarzinom erhalten Patienten mit nicht kleinzelligem Bronchialkarzinom in den frühen Stadien auch heute in der Regel keine systemische Chemotherapie", erklärte Dr. Wilfried Eberhardt von der Inneren Klinik und Polyklinik, Essen. Der Grund: In den 80er Jahren hatten Onkologen diese Patienten mit einer Cisplatin-haltigen Kombination behandelt und keinen signifikanten Vorteil der Chemotherapie feststellen können.

Eine Meta-Analyse randomisierter adjuvanter Studien von 1965 bis 1991 ergab dann jedoch für die frühen Stadien des nicht kleinzelligen Bronchialkarzinoms (NSCLC) einen leichten Vorteil der zusätzlichen Cisplatin-haltigen Chemotherapie, berichtete Professor Dr. Maurizio Tonato von der Abteilung Medizinische Onkologie des Polyklinischen Hospitals in Perugia, Italien. Seitdem diese Ergebnisse bekannt wurden, sind neue Studien zur Chemotherapie beim NSCLC angelaufen. Derzeit prüfen in Europa und Amerika mehrere große randomisierte Studien die Wirksamkeit einer adjuvanten Chemotherapie in frühen Stadien des NSCLC. Ergebnisse dieser Untersuchungen sind noch nicht bekannt, daher steht die Operation zur Zeit im Mittelpunkt der Behandlung. "Wir sind zehn Jahre hinter dem Mammakarzinom zurück", kommentierte Eberhardt den aktuellen Stand.

Keine Bestrahlung in frühen Stadien

Eine Bestrahlung nach der Operation wirkt sich in diesen Stadien eher negativ aus. NSCLC-Patienten in den Stadien I bis II sollten auf keinen Fall postoperativ bestrahlt werden, sagte Professor Dr. Paul A. Bunn vom Universitiy of Colorado Cancer Center in Denver, Colorado.

Viele Patienten akzeptierten eine Chemotherapie vor der Operation (neoadjuvante Chemotherapie) wesentlich besser als nach dem Eingriff, berichtete Eberhardt. Mehrere Phase-II-Studien haben inzwischen sowohl die Wirksamkeit als auch die Verträglichkeit einer neoadjuvanten Therapie beim NSCLC belegt. Bei einer von Bunn referierten Studie erhielten die Patienten neoadjuvant die Kombination Paclitaxel/Carboplatin - mit guten Ergebnissen. Zwei große randomisierte Studien – eine in den USA und eine in Europa unter Beteiligung deutscher und schweizer Zentren - sollen nun die Wirksamkeit der neoadjuvanten Therapie mit Paclitaxel/Platin überprüfen.

Besonders schwierig ist die Therapie des lokal fortgeschrittenen NSCLC (Stadium III). Chirurgen können hier nur bei einem Teil der Patienten den Tumor entfernen. "Wir wissen mittlerweile, dass in diesem Stadium die Chemotherapie in jedem Fall in die Therapie einbezogen werden sollte", sagte Eberhardt. Einen besonders großen Vorteil könnte eine Induktionstherapie den Patienten bringen, deren Tumor daraufhin auf eine operable Größe schrumpft. Bei den nicht operablen Tumoren zeichnen sich vor allem für die multimodale Therapie Erfolge ab. Hierbei erhalten die Patienten eine Kombination aus Operation, Strahlen- und Chemotherapie.

Paclitaxel in späten Stadien

Ein Drittel der Patienten hat bei Diagnose eines NSCLC eine Metastase außerhalb des Tumors (Stadium IV). Sie können nur palliativ behandelt werden, eine Heilung ist derzeit nicht möglich. Eine randomisierte Studie hat inzwischen jedoch gezeigt, dass Paclitaxel hier als Monotherapeutikum das Leben verlängert und die Lebensqualität nicht einschränkt, berichtete Professor Dr. Nick Thatcher vom Christie Hospital in Manchester.

Der ursprünglich aus der Eibe isolierte Wirkstoff hatte sich in drei großen randomisierten Studien bei Patienten mit NSCLC in Stadium IV in Kombination mit platinhaltigen Präparaten als wirksam erwiesen. In zwei der Studien war der Effekt zwar mit dem der jeweils anderen Kombination (Vinorelbin/Cisplatin und Teniposid/Cisplatin) vergleichbar, die Patienten vertrugen die Kombination mit dem Taxan jedoch besser. In der dritten Studie, die zur Zulassung von Paclitaxel in den USA führte, lebten Patienten, die Paclitaxel/Cisplatin erhalten hatten, länger als Patienten die mit Etoposid/Cisplatin behandelt worden waren. Alle drei Studiengruppen hatten die Kombination Paclitaxel/Platin daraufhin zum Standard für künftige Studien erklärt.

Pharmacogenomics

Neben der verbesserten Therapie mit Zytostatika sind Wissenschaftler fieberhaft auf der Suche nach Faktoren, die das Ansprechen eines Tumors auf eine bestimmte Therapie vorhersagen, um für jeden Patienten die optimale BEhandlung zu finden. Professor Dr. Rafael Rosell und seine Mitarbeiter vom Hospital Germans Trias i Pujol in Barcelona haben zum Beispiel bei einigen NSCLC-Patienten b -Tubulin-Mutationen gefunden. Keiner dieser Patienten hat auf eine Therapie mit Paclitaxel angesprochen und alle starben früher als die Patienten, die keine Mutation im b -Tubulin-Gen hatten. Paclitaxel verhindert die Depolymerisation der Mikrotubuli in der Zelle und fördert die Aggregation freier Tubulineinheiten. Dadurch kann sich der für die Zellteilung nötige Spindelapparat nicht bilden und die Zelle geht zugrunde. Tumorzellen mit einem veränderten b -Tubulingen könnten theoretisch diesem Schicksal entgehen und sich trotz Paclitaxel weiter teilen.

Die spanische Gruppe sucht derzeit nach weiteren molekularen Faktoren, um gezielter behandeln zu können. Außerdem versuchen sie schon früh Metastasen nachzuweisen. Dazu isolieren sie DNA aus dem Blut der Patienten und prüfen, ob die DNA sich verändert hat, ein Zeichen für zirkulierende Mikrometastasen.

Das kleinzellige Bronchialkarzinom

Kleinzellige Bronchialkarzinome (SCLC) wachsen im Vergleich zu den nicht kleinzelligen schneller und streuen früher Metastasen. Die Chemotherapie stand hier sehr früh im Zentrum der Therapie, erklärte Dr. Karl-Matthias Deppermann, leitender Oberarzt der Abteilung Pneumologie am Fachkrankenhaus für Lungenheilkunde und Thoraxchirurgie in Berlin-Buch. Die Ansprechraten lägen beim metastasierenden SCLC unter Monotherapie mit Paclitaxel zwischen 34 und 53 Prozent. Nur platinhaltige Kombinationen hätten zu ähnlich guten Ergebnissen geführt. Derzeit wird die Kombination Taxol/Carboplatin/Etoposid im Vergleich zum deutschen Standard Vincristin/Carboplatin/Etoposid randomisiert geprüft. Erste Ergebnisse erwarten die Experten noch in diesem Jahr.

Bronchialkarzinom

In Deutschland erkranken etwa 45 000 Menschen pro Jahr am Bronchialkarzinom, Tendenz steigend. Ungefähr zwei Drittel der Betroffenen sind Männer, der Anteil der Frauen nimmt jedoch zu. Bei Männern ist das Bronchialkarzinom die Krebserkrankung, die die meisten Todesopfer fordert. Risikofaktor Nummer eins ist das Zigarettenrauchen, verantwortlich für etwa 80 bis 90 Prozent der Erkrankungen.

Husten, Fieber, Atemnot und Schmerzen im Brustkorb - die Symptome des Bronchialkarzinoms sind uncharakteristisch. Daher ist bei mehr als 70 Prozent der Patienten die Erkrankung bereits fortgeschritten, wenn der Arzt sie diagnostiziert.

Bronchialkarzinome lassen sich anhand histologischer Befunde in zwei große Kategorien einteilen: nicht kleinzellige Bronchialkarzinome (Non Small Cell Lung Cancer, NSCLC) und kleinzellige Bronchialkarzinome (Small Cell Lung Cancer, SCLC). Der Anteil der kleinzelligen Bronchialkarzinome liegt bei etwa 25 Prozent.

Die TMN-Klassifikation (T steht für die Tumorgröße, N für den Lymphknotenbefall und M für Metastasen) teilt diese Form weiterhin in vier verschiedene Stadien ein. Die Stadien I und II beschreiben frühe Phasen der Krebserkrankung, bei denen der Tumor durch eine Operation entfernt werden kann. In Stadium III haben die Patienten ein lokal fortgeschrittenes Bronchialkarzinom, das bei einigen operativ entfernt werden kann, bei anderen nicht. Stadium IV beschreibt einen Tumor, der mindestens eine Metastase gebildet hat. Über die optimale Therapie entscheidet, ob es sich bei einem Tumor um ein SCLC oder ein NSCLC handelt und in welchem Stadium der Erkrankung sich der Patient befindet. Top

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