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Therapie bei postzosterischen Neuralgien

20.01.1997
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  Govi-VerlagTherapie bei postzosterischen Neuralgien
  Eine Gürtelrose wird mit Virustatika behandelt, die Wunde heilt ab. Die Schmerzen können jedoch trotzdem bleiben, zum Teil sogar über Jahre. Patienten mit solchen postzosterischen Neuralgien sind kein Fall mehr für den Dermatologen, sie brauchen eine gezielte und individuelle Behandlung vom Neurologen oder Schmerztherapeuten.

Dr. Karin Wollina vom Universitätsklinikum Jena definierte postzosterische Neuralgien als Schmerzen, die länger als vier Wochen nach Beginn der Krankheit andauern oder nach vorübergehendem Abklingen im ursprünglich betroffenen Areal wieder auftreten. Die Ursache ist ein irreversibler Untergang des Nervengewebes als Folge der Entzündung während der akuten Phase der Krankheit. Betroffen sind vor allem die Spinalganglien, aber auch in der Peripherie, im Bereich der Schmerzrezeptoren, kommt es zu Schädigungen.

Entsprechend stark sind die Schmerzen. Zwei Schmerztypen werden unterschieden: ein tiefsitzender, quälender oder brennender Dauerschmerz und attackenartig einschießende, stechende Schmerzen, die nur wenige Sekunden oder Minuten andauern. Charakteristisch für den ersten Typ ist extreme Berührungsempfindlichkeit, die sogenannte Allodynie. Schon das Tragen von Kleidungsstücken kann zur Qual werden.

Die Behandlung richte sich nach dem Schmerztyp, daher sei eine klare Schmerzanalyse notwendig, betonte Professor Jean-Pierre Malin, neurologische Universitätsklinik Bochum. Zum Einsatz kommen nicht nur periphere und zentrale Analgetika, sondern auch tricyklische Antidepressiva, Antiepileptika und Neuroleptika. Zusätzlich ist eine kontinuierliche psychische Betreuung wichtig. Periphere Analgetika wie Paracetamol zeigten höchstens im Frühstadium der Krankheit gewisse Erfolge. Tricyclische Antidepressiva haben dagegen nach seinen Worten in der Therapie einen festen Stellenwert. Sie wirken direkt analgetisch und außerdem schmerzdistanzierend. Wichtig ist eine ausreichend hohe Dosierung: Minimum sind 150 mg pro Tag.

In extremen Fällen kommen außerdem Neuroleptika oder orale Opioide zum Einsatz. Zentrale Analgetika helfen bei dumpfen, anhaltenden Schmerzen, komplette Schmerzfreiheit wird aber auch hiermit meist nicht erreicht. Neuroleptika wie Haloperidol oder Levomepromazin sind wegen ihrer hohen Nebenwirkungsrate (Schwindel, Parkinsonsyndrom, Sedierung) gerade bei älteren Zosterpatienten schwierig einzusetzen. Da sie den zentral-analgetischen Effekt konventioneller Schmerzmittel verstärken und die zentrale Schmerzschwelle senken, werden sie in Kombination mit Analgetika gegeben. In Einzelfällen wirke auch perkutanes Capsaicin, wenngleich die Ergebnisse aus Langzeitstudien eher enttäuschend waren.

Aus dem Verlauf der Akutphase läßt sich die spätere Entwicklung des Schmerzsyndroms kaum abschätzen. Höheres Lebensalter, ausgeprägte Symptome wie Fieber oder Schmerzen in der Anfangsphase der Krankheit und eine Gürtelrose im Bereich des Trigeminusnervs sind mögliche prognostische Faktoren. Die entscheidenden Weichen würden jedenfalls in der Frühphase der Krankheit gestellt, betonte Malin. Wird sie rechtzeitig diagnostiziert und die Therapie so früh wie möglich eingeleitet, kann dem Patienten möglicherweise viel Leid erspart bleiben.

PZ-Artikel von Stephanie Czajka, Berlin
   

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