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Schwangere oft unterversorgt

25.11.2002
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Mikronährstoffe

Schwangere oft unterversorgt

von Christina Hohmann, Bonn

Die Folsäureversorgung liegt in Deutschland trotz einiger Aufklärungsarbeit immer noch im Argen. Aber gerade bei Schwangeren ist das Vitamin besonders wichtig, da es vor schweren Fehlbildungen des Kindes schützen kann. „Die Bedeutung der Vitamine in verschiedenen Lebensphasen“ stand im Mittelpunkt des 8. Symposiums der Gesellschaft für Vitaminforschung am 14. und 15. November in Bonn.

Eines der Hauptberatungsthemen in der Schwangerschaft ist die Ernährung, erklärte Professor Dr. Peter Bung, Bonn. Allerdings herrsche sowohl in der Bevölkerung als auch zum Teil in Fachkreisen große Unkenntnis. So hielte sich zum Beispiel hartnäckig das alte Märchen, Schwangere müssten für zwei essen, obwohl der Energieverbrauch durch eine Schwangerschaft nur um etwa 10 bis 20 Prozent ansteigt. Immer wieder unterschätzt würde Bunges Ansicht nach, wie bedeutend der Ernährungsstatus einer Frau vor einer Schwangerschaft für die Entwicklung des Kindes ist. So sei seit den 80er-Jahren bekannt, dass eine gute Folsäureversorgung vor und kurz nach der Konzeption Neuralrohrdefekte verhindern kann.

Beratung allein reicht nicht

Das Neuralrohr schließt sich 24 bis 28 Tage nach der Konzeption, berichtete Dr. Anne Molloy vom Trinity College in Dublin, Irland. Schließt es sich nicht vollständig, treten so genannte Neuralrohrdefekte auf. Bei 50 Prozent der Fälle ist das Rückenmark betroffen, die Wirbelsäule bleibt gespalten (Spina bifida). 40 Prozent der betroffenen Neugeborenen weisen eine Anenzephalie auf – ihnen fehlen die Großhirnhemisphären, Neurohypophyse, das Zwischenhirn sowie das Schädeldach vollständig oder weitgehend. Mit weltweit 300.000 betroffenen Neugeborenen jährlich sind Neuralrohrdefekte einer der häufigsten Gründe für Säuglingssterblichkeit.

Dabei könnte man diesem schweren Defekten vorbeugen. „Alle bisherigen Studien haben gezeigt, dass Folsäure das Risiko für Neuralrohrdefekte senkt“, sagte Molloy. Verschiedene Gesellschaften setzten diese Erkenntnisse in Ernährungsempfehlungen um und einigten sich auf gemeinsame Richtlinien: Frauen, die eine Schwangerschaft planen, sollten ihre Folsäureaufnahme um 400 mg täglich erhöhen. Wenn Frauen bereits ein Kind mit einem Neuralrohrdefekt bekommen haben, sollten sie vor weiteren Schwangerschaften 4 bis 5 mg Folsäure täglich zu sich nehmen.

Zehn Jahre nach den ersten Empfehlungen zieht Molloy eine enttäuschende Bilanz: „Die Kampagnen werden weltweit ignoriert.“ Trotz Aufklärung beuge kaum eine Frau mit Folsäure vor. Als Grund hierfür nannte sie die Tatsache, dass immer noch 50 Prozent der Schwangerschaften ungeplant seien. Da sich das Neuralrohr so früh in der Embryonalentwicklung schließt, erfahren viele Frauen von ihrer Schwangerschaft erst nach dem kritischen Zeitpunkt. Außerdem sei die empfohlene Tagesdosis kaum mit natürlichen Lebensmitteln zu erreichen. Hier könnten angereicherte Nahrungsmittel helfen.

Die US-amerikanische Food and Drug Administration (FDA) startete im Januar 1998 ein großes Präventionsprogramm: Um die Versorgung mit Folsäure im gesamten Land zu verbessern, reicherte sie jegliches Mehl – zum Verkauf sowie zur Herstellung von Backwaren – mit dem Vitamin an. Das präparierte Mehl, das etwa 1,4 mg Folsäure pro Kilogramm Getreide enthält, sollte die tägliche Aufnahme pro Person auf 100 mg erhöhen.

Die ersten Zwischenergebnisse nach einem Jahr zeigten, dass sich die Blutwerte im Durchschnitt verdoppelt hatten, berichtete Molloy. Trotz dieses Erfolges hätten 70 bis 80 Prozent der Frauen im gebärfähigen Alter nicht die empfohlenen Folsäurekonzentrationen erreicht. Allerdings sprechen neuere Untersuchungsergebnisse dafür, dass die Präventionskampagne dennoch erfolgreich ist, berichtete die Referentin. In den vier Jahren nach Einführung des angereicherten Mehls sei die Zahl der Neuralrohrdefekte um 50 Prozent zurückgegangen. Da in den USA die meisten betroffenen Feten abgetrieben werden, sei die Prävalenz allerdings schwierig zu bestimmen.

Während junge Frauen – die Zielgruppe der Präventionskampagne – die empfohlenen Tagesdosen nicht erreichen, nehmen andere Bevölkerungsgruppen zu viel Folsäure auf. So liegt nach Expertenschätzungen bei 15 bis 25 Prozent der Kinder zwischen ein und acht Jahren die tägliche Zufuhr durch das angereicherte Mehl über der Höchstgrenze. Bisher seien aber keinerlei toxische Effekte einer Folatüberdosierung bekannt. Lediglich Wechselwirkungen mit Zink und einigen Medikamenten können auftreten. Ein weiterer unerwünschter Effekt einer zu hohe Folsäureaufnahme ist, dass sie im Blutbild einen Vitamin-B12-Mangel maskieren kann, so Molloy.

Vorbeugen mit Vitamin C

Oxidativer Stress kann die Embryonalentwicklung in verschiedenen Stadien beeinflussen, erklärte Professor Dr. Lucilla Poston vom King’s and St. Thomas’ School of Medicine in London. Freie Radikale können zum Beispiel die Beweglichkeit der Spermien herabsetzen und die DNA der Keimzellen schädigen. Weiterhin kann in der Prozedur der In-vitro-Fertilisation auftretender oxidativer Stress die Entwicklung des Embryos stören, weshalb die Kulturmedien nun standardmäßig Antioxidantien enthalten, so die Referentin. Neue Untersuchungen weisen auch darauf hin, dass oxidativer Stress Fehlgeburten auslösen kann.

Eine der wichtigsten Komplikationen, bei denen freie Radikale eine Rolle spielen, sei die Präeklampsie. Diese schwangerschaftsbedingte Erkrankung tritt ab der 20. Schwangerschaftswoche oder während der Geburt auf und ist durch die Hauptsymptome Hypertonie, Proteinurie und Ödeme sowie durch zusätzliche Beschwerden, wie Übelkeit, Sehstörungen und Benommenheit gekennzeichnet. In schweren Fällen kann sich eine Eklampsie entwickeln mit den typischen tonisch-chronischen Krämpfen, die bis zur Bewusstlosigkeit führen können. Die Multiorgan-Erkrankung, die auch die Plazenta (frühzeitige Ablösung), Niere (akutes Nierenversagen) und Leber (Nekrosen) betrifft, entsteht vermutlich durch Verkrampfung von Gefäßen und Veränderung der Gefäßpermeabilität.

Auffällig hohe Konzentrationen an freien Radikalen in der Plazenta und dem mütterlichen Blut weisen darauf hin, dass oxidativer Stress in der Pathologie dieser für Mutter und Kind lebensgefährlichen Erkrankung eine wichtige Rolle spielt, berichtete Poston. Antioxidantien wie Vitamin C könnten daher helfen, das Risiko für Präeklampsie zu senken. Eine Studie zeigte bereits, dass die Prophylaxe mit einem Gramm Vitamin C täglich nicht nur die Lipidperoxidation verringern, sondern auch die Prävalenz der Erkrankung senken konnte. Auch durch die Kombination von Vitamin C und E nahm die Häufigkeit der Erkrankung ab. Nun seien große klinische Multicenter-Studien in Vorbereitung, die den Nutzen einer Vitamin-C-Prophylaxe zur Prävention testen sollen.

Mangelhaftes Ernährungswissen

Eine den Richtlinien entsprechende Ernährung in der Schwangerschaft ist für die gesunde Entwicklung des Kindes ungemein bedeutend, sagte Dr. Wolf Kirschner, Berlin. Bei verschiedenen Mikronährstoffen sei es allerdings schwierig, die empfohlenen Tagesdosen zu erreichen, weil sie zum Teil erheblich über den Werten für Nichtschwangere liegen. Um die Versorgungssituation in Deutschland zu ermitteln, befragte Kirschner im Rahmen des Vorsorgeprogramms für eine gesunde Schwangerschaft „Babycare“ über 3200 werdende Mütter zu ihrem Ernährungsverhalten und –wissen.

Die Auswertung der detaillierten Frageprotokolle ergab, dass bei einigen Vitaminen zum Teil erhebliche Mängel bestehen. „Das größte Problem ist Folsäure“, berichtete Kirschner. Über 90 Prozent der befragten Frauen waren unterversorgt, nahmen also weniger als 70 Prozent der empfohlenen Tagesdosis zu sich. Ebenfalls schlecht ist es um die Versorgung mit der wasserlöslichen Panthotensäure bestellt: Hier erreichen etwa 60 Prozent der Befragten die empfohlene Aufnahme von 6 mg pro Tag.

Über Ernährung wussten die Befragten relativ gut Bescheid, berichtete Kirschner. Rund 48 Prozent der Frauen kannten die prophylaktische Wirkung der Folsäure vor und kurz nach der Konzeption. Dennoch nahmen nur etwa ein Drittel von ihnen entsprechende Nahrungsergänzungsmittel ein. Außerdem sei das Supplementierungsverhalten insgesamt nicht bedarfsgerecht, kritisierte der Referent. Zum einen nähmen Schwangere nicht gezielt einzelne Mikronährstoffe, sondern vielmehr Multivitaminpräparate zu sich. Hierdurch entstehe die Gefahr, einzelne Vitamine überzudosieren. Zum anderen supplementierten im Allgemeinen nicht Frauen, die es nötig haben, sondern solche, die sich ohnehin mit dem Thema Ernährung auseinandersetzen und sich ausgewogen ernähren.

Die große Mehrheit der Schwangeren sei bei einzelnen Vitaminen unterversorgt. Hier könnte eine gezielte Supplementierung helfen, so Kirschner. Doch Nahrungsergänzungsmittel fänden in der Bevölkerung aus verschiedenen Gründen wenig Akzeptanz: Einerseits herrsche eine große Unkenntnis über Mikronährstoffe. Außerdem sei der Glaube weit verbreitet, dass eine ausgewogene Ernährung allein ausreiche, um den Tagesbedarf an allen wichtigen Vitaminen und Mineralien zu decken. Andererseits steht ein großer Teil der Bevölkerung synthetischen Mikronährstoffen prinzipiell kritisch gegenüber.

Allerdings hegt Kirschner die Hoffnung, mit Beratung noch einiges bewirken zu können, denn „eine Schwangerschaft ist ein Ereignis, das eine große Bereitschaft zur Verhaltensänderung mit sich bringt“. Eine Supplementierung „nach dem Gießkannenprinzip“ hält er aber für unnötig. Bedarf bestehe lediglich für Folsäure, Iod und Eisen.

Bei Kindern sieht die Situation ähnlich aus, berichtete Professor Dr. Berthold Koletzko, München. Auch hier sei vor allem die Versorgung mit zwei Mikronährstoffen kritisch: Folsäure und Iod. Dies ergab die Erlanger FIT-Studie, in der 427 Schulanfänger durch Wiegeprotokolle und Ernährungsfragebögen auf Ernährung und Gesundheit getestet wurden. Wie die Studie zeigte, ist es um die Iodzufuhr bei Kindern trotz mit Jod versetztem Speisesalz schlecht bestellt: Rund drei Viertel der untersuchten Kinder waren unterversorgt, einige zeigten bereits erste klinische Symptome. Bei den Vitaminen sei vor allem die Versorgung mit Folsäure, aber auch mit Vitamin B12 verbesserungswürdig, erklärte Koletzko. Hier könnten mit diesen Mikronährstoffen angereicherte Lebensmittel helfen, die Situation zu verbessern, so der Referent.

Fast jedes Kindes isst mindestens ein angereichertes Nahrungsmittelprodukt täglich, berichtete Privatdozentin Dr. Mathilde Kersting vom Forschungsinstitut für Kinderernährung in Dortmund. Dies ergab die Auswertung von mehr als 4000 Ernährungsprotokollen, die im Zeitraum von 1985 bis 2000 von circa 800 Probanden im Alter von 2 bis 18 Jahren erstellt wurden. In den meisten Produkten sind Vitamine, vor allem Vitamin C und B6, angereichert, sehr viel seltener Mineralien wie Eisen, Calcium oder Iod. Trotz der großen Akzeptanz von angereicherten Produkten ist nicht für alle Mikronährstoffe eine ausreichende Versorgung sichergestellt. Während der Bedarf an Vitamin C durch diese Lebensmittel vollständig gedeckt würde, käme die Folsäurezufuhr nicht einmal in die Nähe der empfohlenen Tagesdosis, erklärte Kersting.

Seit Mitte der 90er-Jahre sei eine Trendwende zu beobachten: Der Verzehr von angereicherten Lebensmitteln sinke stetig. Die Eltern versuchten dagegen, die Vitaminversorgung ihrer Kinder mit natürlichen Lebensmitteln zu decken. Ein Grund hierfür könnte sein, dass angereicherte Produkte meist einen relativ hohen Zuckeranteil besäßen und heute einen „nicht unerheblichen Anteil der Energiezufuhr von Kindern“ ausmachen, so Kersting. Top

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