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Raucherentwöhnung kommt zu kurz

25.11.2002
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Hausarztstudie

Raucherentwöhnung kommt zu kurz

von Ute Burtke, Berlin

Welchen Beitrag können Hausärzte leisten, um den Tabakkonsum, der nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation stündlich 560 Menschen weltweit tötet, zu stoppen? Das war die zentrale Frage, die die weltweit größte Hausarztstudie SNICAS (Smoking and Nicotine Dependence Awareness) beantworten sollte.

Mehr als 800 Hausärzten untersuchten dazu 28.000 Patienten und befragten sie hinsichtlich ihres Gesundheitsstatus, dem Rauchverhalten, den damit einhergehenden Risiken sowie bisheriger Raucherentwöhnungstherapien. Außerdem wurde der Kenntnisstand der Ärzte bewertet. Erste Ergebnisse der vom Bundesministerium für Bildung und Forschung sowie GlaxoSmithKline geförderten Untersuchung des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie in München und des Instituts für Klinische Psychologie und Psychotherapie der Technischen Universität Dresden wurden jetzt vorgestellt.

Die Methoden zur Raucherentwöhnung und deren fachgerechte Umsetzung sind im hausärztlichen Bereich bislang nur in Ansätzen etabliert, so das Ergebnis von SNICAS. Ärzte sind zu diesem Thema nur unzureichend informiert. So kannten nur 25 Prozent der befragten Hausärzte die Diagnosekriterien für eine Abhängigkeit: Toleranzentwicklung, Entzugssyndrom, Kontrollverlust, erfolglose Versuche, den Konsum zu verringern, hoher Zeitaufwand für Ausübung der Sucht, Einengung sozialer und beruflicher Aktivitäten, fortgesetzter Konsum trotz rauchbedingter gesundheitlicher Probleme.

Die Studie zeigte, dass Raucher mit diagnostizierter Nikotinabhängigkeit im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung als Patienten in der Hausarztpraxis deutlich überrepräsentiert waren. Besonders der hohe Anteil junger Männer und Frauen war bemerkenswert.

Trotz der hohen Zahl an nikotinabhängigen Patienten, spielt das Thema Rauchen für Hausärzte eine untergeordnete Rolle: Nur jeder zweite gab an, eine Weiterbildung zum Thema besucht zu haben. Gerade einmal jeder Zehnte hatte eine Fortbildung mit praktischen Übungen belegt. Die befragten Ärzte hatten mit fast allen Verfahren der Raucherentwöhnung lediglich vereinzelte Erfahrungen gemacht.

77 Prozent der Befragten hielten die medikamentöse Therapie mit Bupropion für geeignet. Weniger gut schnitten dagegen Nikotinpflaster und -kaugummi sowie Verhaltenstherapien ab. Hierin sieht der Studienleiter, Professor Dr. Hans-Ulrich Wittchen, „eine klare Absage an aufwendigere Verfahren, die dem Alltag in der Hausarzt-Praxis mit durchschnittlich 75 Patienten pro Tag geschuldet ist“.

Unerkannte Raucher

Erstaunliches Ergebnis der Studie: Mehr als ein Viertel aller Rauchern werden nicht als solche erkannt. Nur jeden zweiten spricht sein Arzt auf eine Raucherentwöhnung an. Lediglich bei zehn Prozent wird ein Therapieversuch unternommen. Die Hauptursache hierfür ist, dass der Arzt nur bei jedem zehnten Patienten eine hinreichend große Aufgeschlossenheit zur Raucherentwöhnung sieht.

Dies schätzen Ärzte allerdings falsch ein; denn „die Patienten wollen in der Mehrzahl aufhören“, erklärte Diplom-Psychologin Eva Hoch. Die Studienergebnisse belegen dies eindrucksvoll. Die Frage nach „will sofort bei geeignetem Angebot aufhören“ bejahten 74 Prozent der abhängigen Raucher, 60,6 Prozent der regelmäßigen (täglich mindestens eine Zigarette) und 66,4 Prozent der gelegentlichen (nicht täglicher Zigarettenkonsum) Raucher. Fast alle Raucher hatten in den letzten zwölf Monaten mehrfach versucht aufzuhören – abhängige Raucher doppelt so oft wie regelmäßige. Jedoch waren die wenigsten Raucherentwöhnungen erfolgreich. Als Gründe für das Scheitern gaben die Teilnehmer der Studie ausgeprägte Entzugserscheinungen, mangelnde Motivation, „Verführung“ am Arbeitsplatz, Gewichtszunahme und akuter Stress. Die aktuell Aufhörwilligen wollen den Zeitpunkt des Abschieds aber lieber etwas hinausschiebe, nach dem Motto „Aufhören ja – aber bitte nicht sofort!“.

Die Bilanz von SNICAS ist letztlich ernüchternd. Die Ärzte sind trotz unverändert großem allgemeinen Interesse am Thema Raucherentwöhnung offensichtlich desillusioniert. „Patient hat kein Interesse“, „Verfahren nicht effektiv genug“, „zu zeitaufwendig und schlecht abzurechnen“, „wenig spezifische übende Weiterbildungskurse“ sind beispielhafte Aussagen aus der Studie.

Eine wichtige Aufgabe für die Zukunft sei es, Strategien zu entwickeln, die dem Alltag des Hausarztes besser entsprechen, erklärte Wittchen. So seien die meisten etablierten Verfahren offensichtlich zu wenig praxistauglich – bevorzugt werde derzeit eher die „Pille“. Ein Nachlassen in den Anstrengungen wäre allerdings verhängnisvoll, denn „nur circa zwei Prozent aller Raucher gelingt es, ohne therapeutische Hilfe langfristig mit dem Rauchen aufzuhören“, stellte Professor Dr. Dennis Nowak, Institut und Poliklinik für Arbeits- und Umweltmedizin der Ludwig-Maximilians-Universität in München, fest. Sich auch mit den gesundheitsökonomischen Aspekten der Suchterkrankung Rauchen auseinander zu setzen, sei angesichts der aktuellen Zahlen um so wichtiger. „Nach den Daten des Bundesgesundheits-Surveys 1998 liegt der Raucheranteil unter den Männern bei 37 Prozent, unter den Frauen bei 28 Prozent. Während im Vergleich zum Survey von 1992/1993 der Raucheranteil bei Männern im Westen um drei Prozentpunkte sank, stieg er bei Frauen um ein Prozent, im Osten gar um acht Prozent“, so Nowak. Etwa 22 Millionen Deutsche rauchten insgesamt. Die Krankheitskosten beliefen sich auf 16,5 Milliarden Euro pro Jahr (Stand 2000).  Top

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