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Die Praxis ist der Wissenschaft weit voraus

20.01.2003  00:00 Uhr
Ernährung

Die Praxis ist der Wissenschaft weit voraus

von Gudrun Heyn, Berlin

Die Praxis zeigt es: Obst und Gemüse schützen vor Krebs. Noch weiß jedoch niemand warum. So lautete das Fazit der Deutschen Krebsgesellschaft während des dritten Internationalen „5 am Tag“-Symposiums am 14. und 15. Januar in Berlin. Mit dem Ziel pharmakologisch wirksame Substanzen zu finden, konzentriert sich die Forschung weiterhin verstärkt auf sekundäre Pflanzenstoffe.

Seit 1996 macht die Deutsche Krebsgesellschaft auf den Zusammenhang von Ernährung und Gesundheit aufmerksam. Fünf Portionen Obst und Gemüse am Tag ist Slogan und Programm. Die Kampagne „5 am Tag“ startete vor zwei Jahren. „Besondere Aufmerksamkeit gilt den Kindern in den Schulen“, sagte Professor Dr. Klaus Höffken von der Deutschen Krebsgesellschaft. Es geht um eine Verhaltensänderung sowohl beim Rauchen als auch bei der Ernährung. Gleichzeitig werden mit der Kampagne „5 am Tag“ auch wissenschaftliche Studien unterstützt.

Nach wie vor liegt der Konsum von Obst und Gemüse in Deutschland weit unter den Empfehlungen der WHO. „Aktuell werden täglich 120 Gramm Gemüse verzehrt,“ sagte Professor Dr. Gerhard Rechkemmer von der Technischen Universität München. Sinnvoll ist eine Tagesmenge von 300 Gramm. Nur mit dem Obst sieht es besser aus. „Die Deutschen sind Weltmeister im Obstsaftkonsum,“ stellte Rechkemmer fest. Um fast 250 Prozent überschreitet der Verbrauch den des europäischen Durchschnittstrinkers.

Das Wissen um die Bedeutung von Obst und Gemüse in der Krebsprophylaxe stammt vor allem aus epidemiologischen Studien. Demnach hat die spanische Stadt Murcia die niedrigste Krebsrate der Welt. Die Inzidenz von Krebserkrankungen ist dort zum Beispiel nur halb so hoch wie die in Japan, wo Krebs an sich schon wesentlich seltener auftritt als in westlichen Industrienationen.

Der Mittelmeerraum zeichnet sich durch einen hohen Pro-Kopf-Verbrauch an pflanzlicher Nahrung aus - in Murcia zählt er zu den höchsten bislang gemessenen. Durchschnittlich isst eine Person dort 260 Gramm Gemüse und 416 Gramm Obst pro Tag.

Kein Placebo für Äpfel

In Forschungsprojekten versuchten Wissenschaftler, diese Ergebnisse nachzuvollziehen. Allerdings sind Doppelblindstudien mit Äpfeln und Broccoli nicht möglich. „Einen Apfel kann man einfach nicht durch ein Placebo ersetzen,“ sagte Dr. Elio Riboli von der WHO. Also sollten einfache Beobachtungsstudien mehr Informationen liefern. „Bei einer Projektzeit von zwei Jahren konnten die Forscher jedoch keinen signifikanten Zusammenhang zwischen der Erhöhung des Obst- und Gemüsekonsums und der Häufigkeit von Krebserkrankungen feststellen,“ so Riboli. Folglich konzentrieren sich die Experten jetzt auf Langzeitbeobachtungen.

Eine dieser Studien ist das auf 15 bis 20 Jahre angelegte europäische EPIC-Projekt. An der Untersuchung nehmen rund 460.000 Menschen in neun Ländern teil. EPIC steht für European Prospective Investigation into Cancer and Nutrition. Erwartet werden deutliche Aussagen über den Einfluss der Nahrung auf das Krebsrisiko.

Nach zehn Jahren EPIC-Studie zeichnet sich ab, dass bestimmte Obst- und Gemüsesorten vor bestimmten Krebsformen schützen, sagte Rechkemmer. Doch festlegen will sich der Wissenschaftler nicht. Dazu sei es noch viel zu früh. Auf der Suche nach den wirksamen Inhaltsstoffen stehen für ihn die sekundären Pflanzenstoffe im Mittelpunkt.

Sekundäre Pflanzenstoffe stellen eine große Gruppe chemisch unterschiedlicher Verbindungen dar, die von Pflanzen zum Schutz vor UV-Strahlung, Fraßfeinden, mikrobiellem Befall und als Farb-, Duft- und Lockstoffe gebildet werden. Die sekundären Pflanzenstoffe sind in der Pflanze in der Regel in höchster Konzentration in den Randschichten, etwa den Schalen, enthalten, um dort ihre Schutzwirkung zu entfalten.

Unüberschaubare Vielfalt

In unterschiedlichen Pflanzenarten kommen verschiedene sekundäre Pflanzenstoffe in charakteristischer Form gemeinsam vor. Unterschieden werden verschiedene chemische Klassen: Carotinoide, Flavanoide, Phenolsäuren, Phytosäuren, Glucosinolate, Sulfide, Phytosterine, Monoterpene, Protease-Inhibitoren, Saponine und Phytinsäure. Insgesamt geht man davon aus, dass die Nahrungspflanzen des Menschen 50.000 verschiedene sekundäre Pflanzenstoffe enthalten.

Auf Grund ihrer Untersuchungen sind die Wissenschaftler dazu übergegangen die Wirkungen von Vitamin C, Vitamin E und von Ballaststoffen anders zu bewerten. Professor Hans Konrad Biesalski von der Universität Stuttgart-Hohenheim sieht in ihnen nicht mehr pharmakologische Wirksubstanzen in der Krebsprophylaxe, sondern bezeichnet sie lediglich als Biomarker für Obst und Gemüse. „Obwohl die Qualität eines Apfels nach dem Gehalt an Vitamin C gemessen wird, ist die Wirksamkeit des Vitamins gegenüber der Wirksamkeit der Apfelschale sehr gering,“ betonte Rechkemmer. Wahrscheinlich beruhten die beobachteten Wirkungen eher auf Polyphenolen. Doch der Stein der Weisen sei noch nicht gefunden, so Rechkemmer. Einige Interventionsstudien erbrachten bei isolierter, hoher Zufuhr sekundärer Pflanzenstoffe nicht die erwarteten Ergebnisse und im Fall des b-Carotins sogar eine Erhöhung des Lungenkrebsrisikos und der -mortalität bei Risikogruppen. Biesalski ordnet daher nicht eine einzelne Komponente dem Schutz vor Krebs zu. Für ihn ist auch b-Carotin nichts anderes als ein Biomarker für Gemüse.

Die Mechanismen einer krebsschützenden Wirkung sind komplex, die Anzahl der beteiligten Stoffe in ihren möglichen Kombinationen kaum fassbar. Nicht zu unterschätzen ist auch der Einfluss der Lebensweise, wie die Auswirkungen von Tabakkonsum und Alkoholgenuss zeigen. „Das Risiko eines Rauchers an Lungenkrebs zu erkranken, beträgt 60 Prozent“, sagte Riboli. Und natürlich gibt es Krebsarten mit genetischer Disposition, wie bestimmte Formen des Brustkrebs.

Angesichts dessen ist die Praxis der Wissenschaft weit voraus. Ein gesunder Lebenswandel mit fünf Portionen Obst und Gemüse am Tag sind in der Krebsprophylaxe ungeschlagen.  Top

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