Pharmazeutische Zeitung online

Lebensrettender Blick zurück

22.10.2001  00:00 Uhr

Lebensrettender Blick zurück

von Stephanie Czajka, Berlin

Beide waren sehr sportlich, nie krank und ernährten sich gesund. Dennoch starb der ehemalige Verteidigungsminister und NATO-Generalsekretär Manfred Wörner an Dickdarmkrebs. Seine Frau Elfie Wörner überlebte, weil sie, sensibilisiert durch die Krankheit ihres Mannes, erste Symptome rechtzeitig ernst nahm. Nun setzt sie sich dafür ein, eine möglichst breite Öffentlichkeit über die Chancen der Früherkennung aufzuklären. In Berlin sprach sie vergangene Woche auf einer Pressekonferenz der Stiftung LebensBlicke.

Nach Lungenkrebs ist Dickdarmkrebs die zweithäufigste Todesursache in Deutschland. Möglichkeiten für eine Früherkennung sind vorhanden, werden aber kaum genutzt. Das Frühstadium als solches wahrzunehmen, heißt zweierlei: auf sichtbares Blut im Stuhl zu achten und ab einem bestimmten Alter oder bei familiärer Veranlagung regelmäßig den Stuhl auf verborgenes Blut testen zu lassen (Okkultbluttest).

Die Chancen, die sich anbahnende Gefahr rechtzeitig zu erkennen, sind gut, denn Dickdarmkrebs entsteht sehr langsam. Zehn bis fünfzehn Jahre dauert es, bis sich aus Zellwucherungen in der Darmschleimhaut über zunächst gutartige Polypen (gestielte Schleimhautgeschwulste) dysplastische Polypen entwickeln, berichtete Professor Dr. Jürgen Riemann, Direktor der Medizinischen Klinik in Ludwigshafen.

Schon die gutartigen Polypen sondern meist unsichtbares Blut in den Darm ab. Diese ansonsten symptomlosen Frühstadien sind zu über 90 Prozent heilbar. In Deutschland werden aber die Hälfte aller Wucherungen erst im Stadium drei und vier entdeckt, also dann, wenn der Patient deutliche Symptome zeigt wie sehr blutigen Stuhl, starke Gewichtsabnahme und Magen- Darmbeschwerden. Ist der Krebs schon so weit fortgeschritten, kann nur noch ein Drittel der Patienten gerettet werden.

Darmspiegelung ist erträglich

Studien haben belegt, dass ein Screening auf okkultes Blut das Auftreten bösartiger Polypen signifikant um ein Drittel senkt. Ab 45 Jahren sollte jeder einmal jährlich Stuhl beim Hausarzt, Gynäkologen oder Urologen testen lassen. Die Untersuchung wird von der Krankenkasse bezahlt. Bei 4 bis 8 Prozent der Personen ist der Test positiv. Dann ist eine Darmspiegelung (Koloskopie) zur weiteren Abklärung notwendig. Riemann hält eine Koloskopie auch dann für angezeigt, wenn bei einem Patienten auch nur eine von drei Proben positiv sein sollte.

Die Darmspiegelung sei längst nicht so schlimm wie ihr Ruf, betonte Riemann. Die meisten Patienten fanden die Untersuchung weniger schmerzhaft, als sie es sich vorgestellt hatten. In einer Umfrage gaben 85 bis 90 Prozent der Befragten an, die Unannehmlichkeiten der Koloskopie seien "eher gering" oder "störend, aber erträglich". Riemann empfahl die Koloskopie außerdem als zusätzliche Vorsorgeuntersuchung ab dem fünfzigsten Lebensjahr. Studien hätten gezeigt, dass die endoskopische Prävention das Auftreten von Dickdarmkrebs um 76 bis 90 Prozent senken konnte. Wegen der langen Latenzzeit sei eine Untersuchung alle zehn Jahre ausreichend. Koloskopie zur Prävention bezahlen die Krankenkassen nicht.

In Deutschland sterben jährlich 31.000 Menschen an Dickdarmkrebs, 52.000 erkranken jedes Jahr neu. In Ländern, in denen sich die Menschen eher ballaststoffreich und fleischarm ernähren, ist die Inzidenz deutlich niedriger. Die Ernährung spielt eine wichtige aber nicht die einzige Rolle für die Entstehung der Krankheit. 15 bis 30 Prozent der Darmkrebserkrankungen gehen auf eine genetische Veranlagung zurück. Für sieben bis zehn Prozent der familiär bedingten Fälle sind die beteiligten Genmutationen bekannt.

 

Während sich hier zu Lande an den Inzidenzraten in den vergangenen zehn Jahren nichts geändert hat, sanken sie in den Vereinigten Staaten in diesem Zeitraum um ein Drittel. Grund hierfür war eine intensive Öffentlichkeitsarbeit. Die Stiftung LebensBlicke setzt seit ihrer Gründung 1998 ebenfalls auf gezielte Information der Öffentlichkeit. Bis zum Jahr 2010 soll so die Sterblichkeitsrate an Dickdarmkrebs um die Hälfte reduziert werden. Zu den zahlreichen Projekten der Stiftung gehört ein umfassendes Aktionsprogramm im "Darmkrebsmonat März 2002" sowie die Zusammenarbeit mit Medien und Großunternehmen. Die Stiftung hat außerdem Broschüren erarbeitet, die unter der Hotline (08 00) 2 24 42 21 bestellt werden können.

LebensBlicke
Stiftung Früherkennung Darmkrebs
Bremserstraße 79
67063 Ludwigshafen
Telefon (06 21) 5 03 41 61
E-Mail: lebensblicke@t-online.de
www.lebensblicke.de

Top

© 2001 GOVI-Verlag
E-Mail: redaktion@govi.de

Mehr von Avoxa