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Trinkwasser als Legionellenreservoir

10.05.2004  00:00 Uhr

Trinkwasser als Legionellenreservoir

von Conny Becker, Berlin

Pro Tag erkranken etwa 30 Menschen in Deutschland an einer Legionelleninfektion. Denn „die Bakterien vermehren sich unter den Warmwasserbedingungen der heutigen Energiesparmaßnahmen besonders gut“, sagte Professor Dr. Martin Exner vom Institut für Hygiene und Öffentliche Gesundheit der Universität Bonn auf einer von der Firma Pall unterstützten Pressekonferenz in Berlin.

„Wir haben das Wasser als Infektionsquelle in Krankenhäusern unterschätzt“, sagte der Vorsitzende der Trinkwasserkommission. Zwar ist die Trinkwasserqualität in Deutschland sehr gut, dennoch können sich Bakterien gerade in den Wasserleitungen großer öffentlicher Gebäude gut vermehren. Denn hier existieren häufig so genannte Todzonen, in denen das Wasser stagniert. Auch die Temperaturen von 20 bis 50 °C in den Leitungen kommen den Bakterien entgegen. In der Folge kann sich ein so genannter Biofilm ausbilden, das heißt, eine organisierte Lebensgemeinschaft von Mikroorganismen eingebettet in einer schleimartigen Matrix. Diese Filme lassen sich laut Exner mit einer chemischen oder thermischen Desinfektion gut bekämpfen. Um längerfristig eine Kontamination zu verhindern, müsste das Wasser in den Hausinstallationssystemen kontinuierlich über 60 °C erhitzt werden. Zudem können Filter an Duschköpfen- und Wasserhähnen Patienten vor den Bakterien schützen – angewandt werden diese vor allem in Hochrisikobereichen wie Intensivstationen.

Besonders streng zu kontrollieren ist das Trinkwasser in Krankenhäusern, da vor allem geschwächte Personen anfällig für Infektionen sind. Zwar können die Patienten Leitungswasser bedenkenlos trinken, atmen sie jedoch Legionellen etwa in der Dusche zusammen mit den feinen Wassertröpfchen ein, besteht die Gefahr einer Infektion (aerosole Übertragung). Ein betroffener Patient kann daraufhin an einer schweren Lungenentzündung oder einem grippeähnlichen Infekt, dem Pontiac-Fieber, erkranken und sogar daran sterben.

Im Stau vermehrt

Seit der im Mai 2001 erlassenen neuen Trinkwasserverordnung sind die Betreiber öffentlicher Institutionen, zu denen neben Krankenhäusern auch Alten-, Pflege- oder Erholungsheime sowie Hotels, Restaurants und Kaufhäuser zählen, für die Qualität des Trinkwassers verantwortlich. Der Verordnung zufolge wird das Trinkwasser in einem Screening einmal jährlich auf Legionellen getestet. Ist das Wasser verseucht, finden nach entsprechenden Desinfektionsmaßnamen so lange Prüfungen statt, bis die Normwerte erreicht sind. Diese Werte sind häufig auch bei frisch eingeweihten Neubauten überschritten, da hier Teile des Installationssystems vorübergehend abgeschnitten waren und sich Mikroorganismen im aufgestauten Wasser gut vermehren konnten, sagte Exner. Seiner Ansicht nach müssen die existierenden Untersuchungsverfahren systematisch eingesetzt werden, um die Trinkwasserqualität zu sichern. Diese sei in Krankenhäusern bisher nicht konstant kontrolliert worden. Darüber hinaus sei es nötig, bei der Wartung von Hausinstallationssystemen die Orte wie die optimale Art der Probenentnahme genau zu definieren. Um noch in diesem Jahr entsprechende Regelungen zu beschließen, sei bereits eine Arbeitsgruppe der Trinkwasserkommission zur Wasseraufbereitung eingesetzt worden, die sich vor allem mit Hausinstallationen und Rückkühlwerken beschäftigt.

Anders als in Deutschland funktioniert in Frankreich das Überwachungssystem für Infektionen mit Legionellen sehr gut. Hier werden jährlich etwa 1200 Fälle gemeldet, insgesamt schätzen Experten die Zahl der tatsächlichen Infektionen auf rund 2000, sagte Professor Philippe Hartemann von der Universität Nancy, Frankreich. In der Bundesrepublik gehen pro Jahr etwa 400 Meldungen beim Robert-Koch-Institut (RKI) ein, die Dunkelziffer sei jedoch enorm. So gehe man davon aus, dass sich 6000 bis 10.000 Deutsche pro Jahr mit den Erregern der Legionärskrankheit infizieren. Prinzipiell seien die behandelnden Ärzte verpflichtet, Legionellosen dem RKI zu melden.

Das Beispiel Frankreich zeigt, dass konsequente Prüfungen sowie das Anbringen von Filtern an Wasser- und Duschhähnen in Hochrisikobereichen von Krankenhäusern Legionelleninfektionen erfolgreich verhindern können, so Hartemann. In den vergangenen zwei Jahren gingen die gemeldeten Fälle nicht mehr auf kontaminiertes Wasser aus den Hausinstallationen, sondern aus Rückkühlwerken zurück. Nun würden die strengen Kriterien auch auf diese ausgeweitet. Top

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