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Tee schärft das Immunsystem

12.05.2003
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Tee schärft das Immunsystem

von Christian Wetzler, Mainz

Seit Jahrzehnten untersuchen Wissenschaftler die positiven Wirkungen von Tee auf den Organismus. Offenbar haben sie dabei eine bedeutende Funktion bislang übersehen: Nach jüngsten Forschungsergebnissen sind Inhaltsstoffe des Tees direkt an der Stärkung der Immunabwehr beteiligt.

Wohl keinem anderen Genussgetränk eilt ein ähnlich positiver Ruf voraus. Der regelmäßige Konsum von Tee soll gesundheitsfördernd wirken und vor einer Vielzahl chronischer Erkrankungen schützen. Diese Einschätzung ist nicht unbegründet: Epidemiologische Untersuchungen und klinische Studien unterstreichen, dass Tee kardioprotektiv und antikanzerogen wirkt.

Auf molekularer Ebene ist dies unter anderem den antioxidativen Effekten der Catechine zu verdanken, die in unterschiedlich hoher Konzentration in den getrockneten Blättern des Teestrauches Camellia sinensis vorkommen. Diese Catechine wirken als starke Antioxidantien, indem sie aggressive freie Radikale entschärfen.

Auch antimikrobielle und antivirale Eigenschaften sind beschrieben. Dennoch ist vergleichsweise wenig untersucht, auf welche Weise der Tee die Immunabwehr beeinflusst. Als pharmakologisch interessant gelten neben den Catechinen die Alkylamin-Verbindungen. Dazu zählt Ethylamin, ein Abbauprodukt von L-Theanin, das sowohl im schwarzen Tee als auch in Grüntee in sehr hoher Konzentration enthalten ist. Die gleichen chemischen Verbindungen lassen sich aber auch in Bakterien, Parasiten und Pilzen nachweisen.

Diesem Umstand ist es zu verdanken, dass die Immunabwehr des Körpers auf potenzielle Krankheitserreger vorbereitet ist. Dies ist das Fazit, dass Wissenschaftler von der Harvard Medical School in Boston nun in einer Vorabveröffentlichung des Fachmagazins Proceedings of the National Academy of Sciences aus ihren Untersuchungen ziehen. Das Team um Jack Bukowski testete die Wirkung der Alkylamin-Antigene auf einen bestimmten Typ von Immunzellen, den γ/δ-T-Zellen (gamma/delta-T-Zellen). Diese primitiven Typen von Immunzellen wurden erst kürzlich entdeckt und gelten immer noch als rätselhaft. Selbst nur eine kleine Fraktion unter den T-Lymphozyten, bilden sie eine der vorderen Verteidigungslinien gegen Infektionen.

Inkubieren, konfrontieren, simulieren

Für ihre Untersuchungen inkubierten die Wissenschaftler humane Blutzellen mit unterschiedlichen Alkylamin-Antigenen. Anschließend konfrontierten sie die so stimulierten Immunzellen mit Hitze-inaktivierten Bakterienstämmen, um eine Infektion zu simulieren. Das Resultat beeindruckte die Mediziner: Die Zellen produzierten rund zehnfach höhere Konzentrationen der Entzündungsmediatoren Interferon-γ (IFN-γ) und Tumornekrosefaktor-α (TNF-α). In Folgeversuchen konnten die Forscher zeigen, dass unter allen Blutzellen lediglich die γ/δ-T-Zellen auf Alkylamin-Verbindungen ansprechen.

Um herauszufinden, wie Tee die Immunantwort beim Menschen beeinflusst, tranken Probanden entweder täglich fünf Tassen Tee oder die gleiche Menge Kaffee. Kaffee enthält im Gegensatz zu schwarzem Tee keine Alkylamin-Antigene. Bereits zwei Wochen nach Beginn der Studie bildeten die Antigen-stimulierten Leukozyten der Tee-trinkenden Probanden deutlich mehr Entzündungsmediatoren. Bei Kaffeetrinkern blieb diese Reaktion aus.

Auf Grund dieser Ergebnisse vermuten die Forscher, dass die im Tee enthaltenen Alkylamin-Antigene das Immunsystem scharf machen und den Körper gegen Infektionen wappnen. Die Tatsache, dass die γ/δ-T-Zellen diese Immunreaktion vermitteln, ist besonders interessant. Dies impliziere, dass die primitiven Immunzellen sich an bestimmte Antigene erinnern können, also ein immunologisches Gedächtnis besitzen, erläutert Bukowski. Top

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