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Impfempfehlungen in Deutschland

22.10.2001
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Impfempfehlungen in Deutschland

von Ulrike Wagner, Geisenheim

In welchem Alter soll ein Kind welche Vakzine erhalten? Wie häufig muss die Impfung aufgefrischt werden? Antworten liefert die Ständige Impfkommission am Robert-Koch-Institut (STIKO) in Berlin. Wie deren Impfempfehlungen zustande kommen, erklärte STIKO-Vorsitzender Professor Dr. Heinz-Josef Schmitt.

Epidemiologische Grundlage des Impfens ist die Basisreproduktionsrate R0. Sie gibt an, wie viele empfängliche Personen von einem Menschen, der die Erreger verbreitet, durchschnittlich angesteckt werden. So bedeutet R0=4, dass ein Infizierter im Durchschnitt vier weitere Personen ansteckt. Erst für R0-Werte kleiner als eins erwarten die Experten die Elimination (in einem Gebiet) oder die Eradikation (weltweit) eines Erregers.

Aus R0 kann man berechnen, welche Durchimpfungsraten erzielt werden müssen, wenn man den Erreger landes- oder weltweit ausrotten möchte. So beträgt R0 bei Masern zum Beispiel 15 bis 17, und der Erreger sorgt in einer völlig ungeimpften Bevölkerung alle zwei Jahre für Epidemien. Die notwendige Durchimpfungsrate, um Masernviren den Garaus zu machen, liegt bei 92 bis 95 Prozent. Für die Mehrzahl der Krankheiten, für die eine Impfung zur Verfügung steht, liegt die notwendige Impfrate zwischen 85 und 95 Prozent. "Die Details des Impfplanes sind relativ unwichtig im Vergleich zu einer möglichst frühzeitigen und möglichst vollständigen Durchimpfungsrate", stellte Schmitt klar. In Deutschland würden zum Beispiel noch immer viele Kinder zu spät gegen Keuchhusten geimpft. Besonders in den ersten Lebensmonaten komme es häufig zu schweren Komplikationen, weshalb die Pertussis-Impfung in Kombination mit anderen Impfstoffen bereits nach drei, vier und fünf Monaten erfolgen sollte.

Die STIKO muss ihre Empfehlungen wissenschaftlich begründen. Der epidemiologische Nutzen muss gegen mögliche Risiken abgewogen werden. Dadurch kann es zum Beispiel vorkommen, dass ein Impfstoff sowohl ausgezeichnet wirksam als auch nebenwirkungsarm ist, er aber dennoch nicht von der STIKO empfohlen wird, weil die zusätzliche Impfung den Impfplan komplett durcheinander bringen würde. Dies ist zudem ein Grund für den bevorzugten Einsatz von Kombinationsimpfstoffen. So wurde die Empfehlung für die inaktivierte Polio-Vakzine (IPV) zum Beispiel erst ausgesprochen, nachdem ein Kombinationsimpfstoff auf dem Markt war. Als zusätzliche Injektion hätte die IPV-Impfung zur Folge gehabt, dass die Masern-Impfung nicht oder zu spät gegeben wird. Dadurch wären wahrscheinlich mehr Kinder durch Masern gestorben.

Die Mitglieder der STIKO werden von der Bundesministerin für Gesundheit für eine Dauer von drei Jahren berufen. Die Experten für die verschiedenen Gebiete des Impfens kommen in der Regel zweimal im Jahr zusammen. Die Mitgliedschaft in der Kommission ist ehrenamtlich. Nach dem Infektionsschutzgesetz soll die Kommission Empfehlungen abgeben, die den Einzelnen und die Gemeinschaft vor übertragbaren Krankheiten schützen. Solche Empfehlungen betreffen Impfstoffe, aber auch andere Maßnahmen des Infektionsschutzes, etwa die prophylaktische Gabe von Antibiotika in besonderen Situationen.

Die Empfehlungen der STIKO dienen den Bundesländern als Vorlage, um öffentliche Impfempfehlungen auszusprechen. Im Sinne der Gemeinschaft sind diese für alle ihre Mitglieder von Vorteil. Da die Gemeinschaft ihre einzelnen Mitglieder zum Impfen auffordert, gewährt sie eine Rente, falls Komplikationen auftreten. Einen Staatsimpfstoff, wie er zum Beispiel in den Niederlanden hergestellt und verwendet wird, soll es in Deutschland nicht geben. Alle hier zu Lande verwendeten Impfstoffe werden vom Weltmarkt bezogen.

Die Kosten für Impfungen tragen die Krankenkassen als freiwillige Leistung. Je nach Indikation kommen aber auch der Arbeitgeber, der Öffentliche Gesundheitsdienst und der Impfling selbst als Kostenträger in Frage. Neu im Infektionsschutzgesetz ist die Bestimmung, dass die Kosten für eine von der STIKO empfohlene Impfung den Kassen per Rechtsverordnung übertragen werden können.

Das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) in Langen ist in Deutschland für die Zulassung und Überwachung der Impfstoffe zuständig. Jede einzelne Charge einer Vakzine wird hier überprüft.

 

Deutschland ist Entwicklungsland

"Was das Impfen betrifft, ist Deutschland ein Entwicklungsland", sagte Schmitt. Die Krankenkassen geben pro Jahr insgesamt 260 Milliarden DM aus, aber nur 0,9 Milliarden für Impfstoffe. Die "leeren Kassen der Kassen" sieht Schmitt als Chance, dass mehr Geld in die Prävention von Krankheiten durch Impfungen investiert wird. Allerdings würden Impfziele in Deutschland nicht definiert, kritisierte er. Hier seien die Politiker gefragt, sie müssten nationale Impfziele mit Daten angeben. Die Impfprogramme würden in Deutschland von der Politik nicht unterstützt und Kinderinteressen ignoriert, sagte er weiter. Und auch mit der Epidemiologie sei es hier zu Lande nicht weit her. So beschäftigten zum Beispiel die US-amerikanischen Centers for Disease Control (CDC) etwa 4000 Mitarbeiter - ausgestattet mit einem Milliarden-Etat - die sich mit Epidemiologie beschäftigen. Und in Deutschland? "Die entsprechende Arbeitsgruppe am Robert-Koch-Institut passt auf ein Gruppenfoto", sagte Schmitt. Dort beschäftigen sich zwölf Mitarbeiter mit epidemiologischen Fragestellungen. Zudem sei die Honorierung der Ärzte für Impfungen und die entsprechende Beratung in Deutschland nicht zufriedenstellend geregelt. Für die halbe Stunde Beratung, die mit der Applikation eines Sechsfachimpfstoffes einhergehen sollte, erhält der Arzt zumindest in den nördlichen Bundesländern 10 DM.

 

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