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Diabetes als gefährliche Folgeerscheinung

06.10.2003  00:00 Uhr
Organtransplantation

Diabetes als gefährliche Folgeerscheinung

von Christina Hohmann, Eschborn

Patienten nach Organtransplantation sterben meist an kardiovaskulären Ereignissen wie Schlaganfall oder Herzinfarkt. Denn häufig entwickeln die Betroffenen nach der Transplantation Diabetes, Hyperlipidämie oder Bluthochdruck. Komplikationen mit dem verpflanzten Organ sind seltener die Todesursache.

Die am häufigsten transplantierten Organe sind Nieren. In Deutschland werden jedes Jahr mehr als 2200 Nieren verpflanzt und das mit großem Erfolg: 90 Prozent der Patienten überleben das erste Jahr nach dem Eingriff. Die Nachsorge liegt dagegen noch im Argen, denn die Langzeitüberlebensrate hat sich in den vergangenen Jahren kaum verändert. Sie liegt immer noch auf dem Niveau der 80er-Jahre, berichtete Professor Dr. Hermann Haller von der Medizinischen Hochschule in Hannover laut Presseunterlagen auf einer von Novartis unterstützten Veranstaltung. Besonders kardiovaskuläre Erkrankungen stellen ein großes Problem dar. Insgesamt 55 bis 60 Prozent der Nierentransplantierten sterben an Schlaganfall oder Herzinfarkt.

Eine häufige Folgeerscheinung von Organtransplantationen ist Diabetes mellitus, der erhebliche Auswirkungen auf die Lebensqualität und Lebensdauer der Patienten hat. Verschiedene Studien zeigen, dass bei zuckerkranken Patienten deutlich häufiger Komplikationen mit dem Transplantat auftreten als bei nicht zuckerkranken Transplantierten. So ist das Risiko für ein Organversagen um 63 Prozent erhöht und das Risiko, an einer kardiovaskulären Krankheit zu sterben, sogar um 87 Prozent. Trotz dieser Daten werde Diabetes noch immer in seiner Bedeutung für die Langzeitprognose der Patienten unterschätzt, schreibt Haller weiter. Regelmäßige Blutzuckerkontrollen fänden nicht statt.

Folgen der Immunsuppression

Eine Metaanalyse von fast 20 Studien und 27 Berichten ergab, dass zwischen 2 und 53 Prozent der Patienten nach einer Nierentransplantation Diabetes mellitus entwickeln. Drei Hauptfaktoren spielen dabei eine wichtige Rolle: das hohe Patientenalter, die ethnische Zugehörigkeit und die Art der immunsuppressiven Therapie. Gegenüber Weißen hatten Patienten mit anderer Hautfarbe ein um Faktor 3,3 erhöhtes Diabetes-Risiko. Die größte Rolle spielt den Untersuchungen zufolge die Immuntherapie. Vor allem eine Behandlung mit hoch dosierten Glucocorticoiden, wie sie früher üblich war, führt zu der Stoffwechselstörung. Aber auch Ciclosporin und die neueren Calcineurin-Inhibitoren wie Tacrolimus wirken diabetogen, wobei dieser Nebeneffekt bei Tacrolimus stärker ausgeprägt zu sein scheint. Die nach Transplantationen neu auftretende Stoffwechselstörung ähnelt dem Diabetes Typ 2. Sie setzt schleichend ein – Betroffene können über Jahre eine Glucoseintoleranz aufweisen, bis erste Symptome auftreten. Die Stoffwechselstörung ist aber reversibel, zum Teil bildet sie sich von selbst zurück, aber auch eine Veränderung des Therapieregimes kann die Stoffwechsellage verbessern.

Neben Diabetes treten bei Patienten nach einer Nierentransplantation auch weitere Risikofaktoren auf: Zwischen 50 und 80 Prozent leiden an Hyperlipidämie und etwa 80 Prozent an Bluthochdruck. Diese Störungen erhöhen nicht nur das Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen, sondern schädigen auch das transplantierte Organ. So liegt die Verlustrate von Transplantaten bei Patienten mit arterieller Hypertonie doppelt so hoch wie bei Transplantierten ohne Bluthochdruck. Ursache sowohl für Hypertonie als auch für Fettstoffwechselstörungen ist neben allgemeinen Risikofaktoren wie Übergewicht und Ernährung auch die immunsuppressive Therapie.

Auf Grund der dramatischen Folgen von Diabetes, Bluthochdruck und Hyperlipidämie auf das Langzeitüberleben der Patienten sind spezielle Nachsorgestrategien nötig. Vor allem sollte der Blutzucker der Patienten regelmäßig kontrolliert werden. Außerdem sollten die Betroffenen nach der Transplantation eine Schulung erhalten und verstärkt zur Gewichtsreduktion, gesunder Ernährung und mehr Sport angehalten werden. Die kardiovaskulären Risikofaktoren sind besonders streng medikamentös zu behandeln. Der Blutdruck sollte unter 130/85 mmHg liegen und der Wert für das LDL-Cholesterol nicht mehr als 130 mg/dl betragen. Auch der Blutzucker ist optimal einzustellen, um Folgeschäden zu vermeiden. Lässt sich die Stoffwechsellage nicht durch Ernährungsumstellung und Gewichtsreduktion in den Griff bekommen, können auch entsprechende Medikamente, vor allem Insulinsensitizer, eingesetzt werden.

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