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Fax oder E-Mail direkt aus dem Herzen

03.10.2005  00:00 Uhr
Telekardiologie

Fax oder E-Mail direkt aus dem Herzen

von Christiane Berg, Hamburg

Herzschrittmacher- und Defibrillatorpatienten können heute weltweit verreisen und doch in ständigem Kontakt mit ihrem Arzt stehen ­ die moderne Telekardiologie macht es möglich. Aktive Implantate übermitteln diagnostische und technische Daten an eine geschützte Internetseite des behandelnden Arztes.

Die in den Schrittmacher beziehungsweise Defibrillator eingebaute Antenne sendet relevante Biosignale über den kardiovaskulären Zustand des Patienten sowie technische Parameter zur Funktionsfähigkeit des Implantats an einen Cardio-Messenger, ein handyähnliches Gerät, das zum Beispiel am Gürtel getragen werden oder auf dem Nachttisch stehen kann. Dieser Messenger wiederum übermittelt die Daten an ein Service-Center, in dem sie aufbereitet und in Form eines Cardio-Reports an den betreuenden Arzt weitergeleitet werden.

Über außergewöhnliche Ereignisse und technische Probleme wie zum Beispiel Elektroden-Dislokation beziehungsweise Veränderungen im Krankheitsbild wie Arrhythmie, Anstieg der Herzfrequenz oder Vorhofflimmern wird der Arzt umgehend per Fax, SMS oder E-Mail informiert.

So kann der Mediziner, auch wenn der Patient auf Reisen ist, jederzeit die medikamentöse Therapie optimieren oder andere Maßnahmen ergreifen. »Die Mobilität und Flexibilität des Patienten bleiben erhalten«, sagte Privatdozent Dr. Stefan Sack vom Westdeutschen Herzzentrum in Essen auf einer Veranstaltung der Biotronik GmbH. Die Modifizierung des Therapieregimes oder Anpassung von Dosierungen sei gegebenenfalls aus der Ferne auch telefonisch möglich. Außerdem spare die Technik erheblich Zeit und Kosten, da sie die Rehospitalisierungsrate verringert sowie überflüssige Routineuntersuchungen und Nachsorgeuntersuchungen unnötig macht. Da das Home-Monitoring-System wirtschaftlich sehr effizient ist, wäre es durchaus sinnvoll, wenn die Gesetzlichen Krankenversicherungen die Kosten übernähmen, sagte der Kardiologe.

Automatische Fernüberwachung

Sack schilderte unter anderem den Fall einer 72-jährigen Patientin, die 2003 einen Schrittmacher mit Home-Monitoring-Funktion erhielt. Bei der Patientin seien im Jahr 2000 atriale Tachykardien aufgezeichnet worden, die asymptomatisch verliefen. Rezidive seien seitdem nicht aufgetreten. Bei stabilem Sinusrhythmus sei vor der Implantation Marcumar® abgesetzt worden, das nicht nur die Blutgerinnung hemmt, sondern bei Vorhofflimmerpatienten auch das Schlaganfallrisiko reduziert. Bei der Ein-Monats-Nachsorge fielen keine Besonderheiten auf. Die Patientin war im Sinusrhythmus. Vier Wochen später habe die Internetseite des behandelnden Arztes intermittierendes Vorhofflimmern angezeigt, berichtete der Kardiologe. Die Patientin wurde einbestellt, die medikamentöse Therapie habe zeitnah optimiert werden können. Die technische Machbarkeit und Sicherheit der Datenübertragung mit Telekardiologie sei 2002 in einer europäischen Studie nachgewiesen worden, betonte Sack.

Weltweit hätten bislang mehr als 25.000 Patienten (Europa: 64 Prozent) Implantate erhalten, die über die Funktion des Home-Monitorings verfügen, so Dr. Hans-Jürgen Wildau, Berlin. Dafür müssten die Patienten in einem Gebiet mit Mobilfunkabdeckung leben. Beim Home-Monitoring-System handele es sich keinesfalls um ein Notfallinformationssystem, betonte Wildau. Bei Beschwerden oder Herzattacken müsse der Patient den Notarzt rufen. In Deutschland erhalten jährlich circa 100.000 Patienten einen Herzschrittmacher, einen implantierbaren Cardioverter-Defribrillator oder ein Herzinsuffizienz-Therapiesystem für die kardiale Resynchronisationstherapie. Seit kurzem ist es auch möglich, mithilfe der neuen Technologie automatisch EKGs aus dem Implantat zum Arzt zu übermitteln.

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