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Patienten wollen ihre Selbstständigkeit nicht an der Kliniktür abgeben

16.09.2002
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Interview

Patienten wollen ihre Selbstständigkeit nicht an der Kliniktür abgeben

von Barbara Riess, Freiburg

Informierte Patienten werden besser behandelt – daher kämpft die Frauenselbsthilfe nach Krebs e. V. für eine Stärkung der Patientenkompetenz sowie die Anerkennung und Umsetzung der Patientenrechte. Außerdem setzt sich der Verband für mehr Qualität in Früherkennung, Therapie und Nachsorge von Krebserkrankungen ein. Über das Engagement des Verbandes vor allem für Brustkrebs-Patientinnen sprach die PZ mit Hilde Schulte, Sprecherin des Bundesvorstandes der Frauenselbsthilfe nach Krebs e. V.

PZ: Die Frauenselbsthilfe nach Krebs ist eine der ältesten und aktivsten Frauenselbsthilfegruppen. Wofür kämpfen Sie und mit welchem Erfolg?

Schulte: Unser Verband wurde 1976 von betroffenen Frauen gegründet, um die selbst erfahrene, ungenügende Versorgung von brustamputierten Frauen zu verbessern und die Krankheit Krebs aus der Tabuzone zu heben. Dafür kämpfen wir auch heute noch, obwohl manches erreicht ist.

PZ: Das Motto Ihrer diesjährigen Bundestagung lautete: Motivation und Kompetenz. Wozu möchten Sie die Frauen motivieren?

Schulte: Wir wollen Frauen motivieren, ihre Rechte im Arzt-Patienten-Verhältnis, im Krankenhaus oder in Reha-Einrichtungen, aber auch hinsichtlich der Erstattungsfähigkeit von Leistungen wahrzunehmen und selbstbestimmt umzusetzen. Die Deutsche Gesundheitsministerkonferenz hat die Notwendigkeit einer Stärkung der individuellen Patientenrechte völlig zu Recht erkannt. Viele Rechte, zum Beispiel das auf Einsichtnahme in die Krankenunterlagen, sind nur unübersichtlich geregelt und in der Öffentlichkeit weitgehend unbekannt. Nicht umsonst steht in diesem Jahr die Woche „Europa gegen den Krebs“ unter dem Motto „Patientenrechte“.

PZ: Warum nehmen so wenige Frauen die Möglichkeit der Früherkennungsuntersuchung wahr?

Schulte: Das hat mehrere Gründe: Zunächst einmal ist Krebs noch immer stigmatisiert, ein Tabuthema. Hinzu kommt, dass in unserer Gesellschaft nur zählt, wer jung, dynamisch, schön und gesund ist. Alt und krank ist nicht gefragt. Das hat zur Folge, dass gerade Frauen zwischen 50 und 70 Jahren, die zur Risikogruppe gehören, ihre Angst vor der lebensbedrohenden Erkrankung Krebs lieber verdrängen, als zur Früherkennungsuntersuchung zu gehen. Dabei haben sie bei rechtzeitiger Diagnose gute Heilungschancen.

PZ: Ist im Zeitalter der Fünf-Minuten-Medizin und der Fallpauschale das Vertrauen der Patientinnen in ärztliche Beratungsspielräume und vielleicht überhaupt in die -kompetenz der Mediziner erschüttert?

Schulte: Diesen Eindruck habe ich. Und darin liegt ein weiterer Grund für die geringe Teilnahme an der Früherkennung. Bei der Behandlung von Brustkrebs ist Vertrauen verloren gegangen. Die Versorgungsqualität ist so unterschiedlich, dass der Glaube an eine Therapie entsprechend dem internationalen Standard schwinden muss. Auch die Diagnosis Related Groups (DRGs), auch Fallpauschale genannt, kann ich mir ohne nachteilige Auswirkungen auf die onkologische Versorgung nicht vorstellen.

PZ: Wie können sich Frauen selbst kompetent machen?

Schulte: Frauen müssen sich informieren. Sie müssen wissen, was eine gute und was eine schlechte Behandlung ist und welcher Arzt und welches Krankenhaus eine gute oder schlechte Leistung bietet. Sie müssen wissen, was sie von ihrem Arzt erwarten und beanspruchen dürfen und müssen dies einfordern. Wer besser informiert ist, kann besser handeln und wird letztlich auch besser behandelt. Frauen müssen mit Sachverstand und Verantwortung ihren Gesundungsprozess aktiv mit gestalten. Das gilt natürlich nicht nur für Frauen, sondern auch für Männer.

PZ: Reicht die Einführung von Disease-Management-Programmen aus, um das Arzt-Patienten-Gespräch formal zu stärken? Oder ist hier ein grundsätzliches Umdenken erforderlich?

Schulte: Ein Umdenken ist sogar dringend nötig und wäre auch ohne Einschreiten der Politik und gesetzlicher Regelungen möglich. Es gibt heute noch die Situation, dass Patientinnen die Diagnose in unwürdiger Weise hören müssen, zum Beispiel nackt in der Umkleidekabine, durch den Vorhang getrennt und vor den Ohren fremder Menschen. In der Ausbildung der Mediziner kommt die kommunikative Kompetenz zu kurz. Die Disease-Management-Programme räumen dem Arzt-Patienten-Gespräch, der Information und Einbeziehung der Patientin während des gesamten Behandlungsverlaufs große Bedeutung ein. Wie kann diese Vorgabe erfüllt werden, wenn Ärzte nicht dazu befähigt werden und in der Ausbildung nicht ein Fach wie zum Beispiel Gesprächsführung vorgesehen ist?

PZ: Welche Modelleinrichtungen gibt es in Deutschland, in denen die Förderung der Patientenkompetenz zum medizinischen Konzept gehört?

Schulte: Aus meiner persönlichen Erfahrung heraus und aus zahlreichen Berichten Betroffener nimmt die Klinik für Tumorbiologie in Freiburg eine besondere Stellung ein und realisiert das, was in Amerika diesbezüglich schon stärker umgesetzt wird. Mögliche Therapieoptionen werden dargelegt, Patienten werden in die Therapieentscheidung miteinbezogen, und die Lebensqualität aus Sicht der Patienten wird als wichtiges Bewertungskriterium berücksichtigt. Patientinnen brauchen partnerschaftliche Unterstützung und wollen nicht Selbstständigkeit und Intimsphäre an der Eingangstür abgeben. Aber auch andere Institutionen, zum Beispiel einige Reha-Einrichtungen, haben eine gute psychosoziale Abteilung und stärken auch in Teilbereichen die Patientenkompetenz.

PZ: Wie muss sich der medizinische Alltag ändern, damit aus Fällen wieder Patienten werden?

Schulte: Wenn der Arzt den Patienten als Menschen in seiner Ganzheit, mit seinen Gefühlen und Ängsten wahrnimmt, wird sich unsere medizinischer Alltag verbessern. Patientenkompetenz einzubeziehen bringt nicht, wie oft befürchtet, den Praxisablauf durcheinander, sondern bedeutet die Erweiterung medizinischen Handelns.

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