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Krank durch Parodontitis

02.09.2002
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Weltstillwoche

Krank durch Parodontitis

von Christiane Berg, Berlin

Immer mehr Studien belegen, dass die Parodontitis als bakteriell bedingte Entzündung des Zahnhalteapparates Risikofaktor für die Entstehung von Allgemeinerkrankungen ist.

Neuere epidemiologische Untersuchungen haben gezeigt, dass es bei Schwangeren mit einer unbehandelten Zahnbetterkrankung siebenmal häufiger zu spontanen Frühgeburten mit Untergewicht des Neugeborenen kommt als bei Frauen ohne Parodontitis, sagte Professor Dr. Michael J. Noack, Köln, während eines Pressegesprächs der Bundeszahnärztekammer am 23. August.

Erste Indizien deuten außerdem darauf hin, dass Zusammenhänge nicht nur zwischen Parodontitis und chronisch obstruktiven Atemwegserkrankungen, sondern auch zwischen entzündlichen Prozessen in der Mundhöhle und Osteoporose beziehungsweise Pneumonien oder einer infektiösen Endokarditis bestehen. Eine Parodontitis erschwert zudem Diabetikern die Kontrolle des Blutzuckerspiegels. Gleichzeitig leiden diese unter stärkeren Ausprägungen der gefährlichen Zahnbetterkrankung, die zur Taschenbildung sowie nach und nach zum parodontalen Knochenverlust führt. Wird die Parodontitis erfolgreich behandelt, kann das zu einer Senkung des Blutzuckerspiegels führen.

Infarkt durch Zahnbettentzündung

Verlaufsstudien konnten die Beziehung zwischen Parodontalerkrankungen und der koronaren Herzkrankheit beziehungsweise Herzinfarkt zwischenzeitlich beweisen, führte Noack weiter aus. Bei Herzkranken entdeckten Wissenschaftler in Gefäßverschlüssen, so genannten Atheromen, typische Mikroorganismen, die sonst ausschließlich in entzündeten Zahnfleischtaschen vorkommen und dort für den Gewebeabbau verantwortlich sind. Noack verwies auf jüngste epidemiologische Studien aus den USA, die den Nachweis erbringen, dass das Herzinfarktrisiko mit zunehmendem Zahnfleischverlust steigt. Er hob hervor, dass eine dosisabhängige Arteriosklerose im Tierversuch durch eine experimentelle Bakteriämie mit oralen Streptokokken provoziert werden kann.

Professionelle Zahnreinigung

Der Zahnfleischsaum nimmt bei Patienten, die noch keine Zähne verloren haben, eine Fläche von circa acht mal neun Quadratzentimetern ein. „Bei Paradontalerkankten ist diese Wundfläche mit mehr Mikroorganismen besetzt, als es Menschen auf der Erde gibt“, umschrieb Noack das krankmachende Szenario. Über Ankurbelung der Entzündungskaskade könne die damit einhergehende Bakteriämie im menschlichen Körper zu Schäden führen, deren Folgen bislang noch nicht abzusehen sind.

Der Referent forderte, der Mundhöhle und insbesondere dem Zahnhalteapparat als Infektionspforte mehr Beachtung zu schenken. Noack: „Es ist erstaunlich, wie viele Jahre wir geglaubt haben, dass der Mund isoliert vom Rest des Körpers funktionieren soll. Diesem Irrglauben muss ein Ende gesetzt werden.“

Noack warnte vor der präventiven Extraktion von Zähnen zur Verminderung des systemischen Risikos. Dafür seien Evidenz und medizinische Indikation nicht gegeben. Dem Erhalt der Zähne und somit auch der Gesundheit des gesamten Organismus könne jedoch neben der häuslichen Mundhygiene unter Verwendung von Fluoridzahnpasten mit bakteriziden Komponenten wie Triclosan die bedarfsorientierte professionelle Zahnreinigung (PZR) dienen.

Keine Kassenleistung

Von einem sehr „hohen präventiven Potenzial“ der PZR sprach auch der Vizepräsident der Bundeszahnärztekammer, Dr. Dietmar Oesterreich. Er betonte, dass etwa 80 Prozent der Erwachsenen unter Entzündungen leiden, die sich durch Rötungen, Schwellungen und blutendes Zahnfleisch bei schon leichtester Berührung bemerkbar machen. Diese Gingivitis sollte unbedingt als Warnzeichen gewertet werden. Von einer Parodontitis, einer schweren Zahnbetterkrankung mit oftmals problematischen Verlaufsformen sind rund 14 Prozent der 35- bis 44-jährigen Männer und Frauen sowie 24,4 Prozent der 65- bis 74-jährigen Senioren betroffen. Gerade angesichts der demographischen Entwicklung sei die verstärkte Zuwendung zur konsequenten Vorbeugung erforderlich.

Die PZR ist in Ländern wie den USA, Skandinavien, Schweiz, England und Australien als individualprophylaktischer Baustein weitestgehend bekannt und gehört dort seit Jahren zum täglichen Praxisalltag, während sie sich in der Bundesrepublik flächendeckend bislang noch nicht durchsetzen konnte und von der Bevölkerung kaum genutzt wird. Die Kosten werden von den gesetzlichen Krankenkassen nicht übernommen. Zahnärzte bieten die professionelle Zahnreinigung als private Einzelleistung an.

Die PZR dauert in der Regel 30 bis 45 Minuten. Ihr Preis bewegt sich zwischen 50 und 100 Euro. Je nach individuellem Erkrankungsrisiko kann sie mehrmals jährlich erforderlich sein. Die Bundeszahnärztekammer hat den September zum Monat der Zahngesundheit erklärt. Die PZR wird wie im vergangenen Jahr im Mittelpunkt der Aktionen stehen.

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