Pharmazeutische Zeitung online

Tumorbanken statt Mülltonne

02.06.2003  00:00 Uhr

Tumorbanken statt Mülltonne

von Ulrike Wagner, Heidelberg

Wird einem Patienten ein Krebsgeschwür entfernt, wandert das Gewebe in Deutschland noch meist in die Abfalltonne. Dabei enthält es wichtige Informationen über die Entstehung des Tumors. In Österreich werden solche Gewebeproben bereits seit 18 Jahren gesammelt, erklärte Professor Dr. Kurt Zatloukal vom Institut für Pathologie der Universität Graz Ende Mai während einer Pressekonferenz am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg.

Das Tumorgewebe eines Patienten enthält alle Informationen über genetische und andere Veränderungen, die zur Erkrankung geführt haben. Mit modernen molekularbiologischen und biochemischen Methoden sind Forscher inzwischen in der Lage, diese Informationen zu entschlüsseln. Sie erhoffen sich damit einerseits, neue Zielstrukturen für Medikamente zu entdecken, andererseits könnten die Erkenntnisse die Diagnostik verbessern. Für die Industrie sind diese Informationen unerlässlich. Der Zugang zu erkranktem humanem Gewebe ist jedoch ein limitierender Faktor für die medizinische Genomforschung.

Denn die Gewebe werden auch heute noch meist verworfen, wenn die nötigen medizinischen Untersuchungen abgeschlossen sind. Es sei denn, das Krankenhaus, in dem der Eingriff stattfand, ist an eine Forschungseinheit angegliedert, die das Gewebe für ihre wissenschaftlichen Fragestellungen verwendet. Ansonsten schien bislang der Aufwand zur systematischen Archivierung des Materials zu groß, und die Proben gingen unwiederbringlich verloren.

In Österreich stellte sich die Situation für eine Archivierung der Proben etwas einfacher dar als in Deutschland. Denn dort ist ein einziges Institut für die pathologischen Untersuchungen von Gewebeproben zuständig. Den Zusatzaufwand beim Sammeln und bei der Dokumentation konnten die Wissenschaftler zunächst nur mithilfe einer Industriekooperation leisten. Inzwischen ist die Gewebebank Teil des Österreichischen Genomforschungsprojekts, erklärte Zatloukal. Die Sammlung umfasst 2,5 Millionen in Paraffin eingebettete und 28 000 in flüssigem Stickstoff gelagerte Proben. Die Gewebebank wird in Kooperation mit den Krankenhäusern in ganz Österreich ständig erweitert und vervollständigt. Die beteiligten Wissenschaftler achten dabei besonders auf die Qualität der Proben und erfassen zusätzlich detaillierte Angaben aus der Patientengeschichte, krankheitsrelevante Laborparameter sowie Daten über Behandlung und Verlauf der Erkrankung. Außerdem werden Blutproben zu verschiedenen Krankheitsstadien von Patienten gesammelt.

Anonymität und Zugriffsrechte

Spezielle Maßnahmen sollen die Anonymität der Patienten garantieren, die zuvor ihre Zustimmung zu der Einlagerung des Gewebes gegeben haben. Dabei sei es wichtig, die Betroffenen wirklich umfassend zu informieren, und nicht auszuschließen, dass die aus ihrem Gewebe gewonnenen Informationen auch industriell genutzt werden. Schließlich sei es letztlich an der Industrie, neue Diagnostikmethoden und Medikamente zu entwickeln. Zugriff auf das Gewebe hat jedoch in erster Linie der Patient selbst, falls zum Beispiel Jahre nach der Ersterkrankung neue Marker bestimmt werden müssen, deren Untersuchung bei Gewebeentnahme noch gar nicht möglich war. Außerdem werde allen anderen an der Einlagerung beteiligten, zum Beispiel dem Pathologen und dem Chirurgen, der bevorzugte Zugriff auf das Material eingeräumt, erklärte Zatloukal. Trotzdem versuche man die Gewebebank so offen wie möglich zu handhaben.

Ein ähnliches Projekt existiert in Deutschland noch nicht. Allerdings gebe es Initiativen zum Aufbau einer zentralen Gewebebank, erklärte Professor Dr. Peter Lichter vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ). Daran seien sowohl führende Pathologen als auch der Verein zur Förderung der Humangenomforschung beteiligt.

Ursachen dafür, dass eine Tumorgewebebank in Deutschland noch nicht etabliert ist, seien Politik und das Verhalten der Wissenschaftler in den 80er-Jahren, so Dr. Peter Lange, Ministerialrat im Bundesministerium für Bildung und Forschung, Bonn, und Vorsitzender des Kuratoriums des DKFZ. Bereits damals wurde der Ruf einzelner Universitäten nach Tumorbanken laut. Das Ministerium habe diese bereitwillig finanziell gefördert. Nach Emeritierung des betreffenden Professors wurde in dem Institut jedoch meist „der Stecker für die Kühltruhe gezogen“, sagte er.

Dieses Problem wolle man heute mit einem umfassenderen Konzept umgehen. Die geplante Tumorbank solle als zentrale Institution ins Nationale Genomforschungsnetz integriert werden. Eine feste und verbindliche Struktur solle dabei mehr Stabilität als in der Vergangenheit bieten. Damit mehr Patienten sich bereit erklären, ihr Gewebe einlagern zu lassen, sei in Deutschland allerdings noch Überzeugungsarbeit nötig, sagte Lange. Aber auch die Krankenhausärzte, für die die Aufklärung des Patienten zusätzlichen zeitlichen Aufwand bedeute, müssten gut informiert und vom Sinn und Zweck des Vorhabens überzeugt werden, erklärte Zatloukal.

© 2003 GOVI-Verlag
E-Mail: redaktion@govi.de

Mehr von Avoxa