Pharmazeutische Zeitung online

Salz in unserer Haut

10.05.2004  00:00 Uhr
Körpereigener NaCl-Speicher

Salz in unserer Haut

von Christina Hohmann, Eschborn

Nach der bisherigen Lehrbuchmeinung hält der Körper bei einer erhöhten Kochsalzzufuhr Wasser zurück. Doch dies scheint nach neuen Erkenntnissen der Raumfahrtforschung nicht der Fall zu sein. Anscheinend gibt es einen körpereigenen Salzspeicher, der Natriumchlorid aufnimmt, ohne gleichzeitig Flüssigkeit im Gewebe anzusammeln.

„Astronauten leiden nach ihrer Rückkehr aus dem Weltall häufig an einer Kreislaufinstabilität, die unter anderem auf eine Reduktion des Plasmavolumens zurückgeht“, sagte Dr. Martina Heer vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Köln auf einer Pressekonferenz des Vereins Deutsche Salzindustrie e. V. in Mannheim. „Nach der gängigen Lehrbuchmeinung müsste sich diesem Effekt durch eine vermehrte Salzzufuhr während der Zeit im All vorbeugen lassen.“ Daher führten die Wissenschaftler des DLR Versuche durch, bei denen sich Probanden 24 Tage im Stoffwechsellabor aufhielten und eine standardisierte Kost mit unterschiedlichen Kochsalzmengen zu sich nahmen. In den ersten acht Tagen enthielt die Nahrung 11,5 g Kochsalz täglich, in den folgenden acht Tagen die doppelte Menge und in den letzten acht Tagen die dreifache Menge an Salz – bei gleicher Flüssigkeitszufuhr.

Die Wissenschaftler maßen die Natriumausscheidung über den Urin sowie das extrazelluläre Volumen und den Natriumgehalt im Plasma. In der ersten Testphase wiesen die Probanden eine ausgeglichene Bilanz auf: Sie schieden etwa genauso viel Natrium aus, wie sie zu sich nahmen. In der zweiten und dritten Testphase schieden sie weniger aus als sie mit der Nahrung aufnahmen. Sie lagerten also Salz ein, schlossen die Mediziner. Insgesamt hatten die Studienteilnehmer nach 24 Tagen 40 g Natrium eingelagert. „Hätten sie dies über eine Flüssigkeitsretention kompensiert, so hätte das einer Einlagerung von 12 Litern entsprochen“, so Heer. Das Körpergewicht der Probanden war jedoch ebenso unverändert wie das extrazelluläre Volumen.

Nur eine Erklärungsmöglichkeit

In einer weiteren Untersuchung bestimmten die Forscher – ebenfalls an Freiwilligen – die Natriumverluste über die Haut und über die Faeces. Diese Verluste waren jedoch so gering, dass damit der Unterschied zwischen Natriumaufnahme und -ausscheidung bei hoher Kochsalzzufuhr nicht erklärt werden kann. Die Ergebnisse ließen sich nur so deuten, dass der Organismus Salz speichern kann, ohne gleichzeitig Flüssigkeit einzulagern, sagte Heer.

Dies stimme mit verschiedenen tierexperimentellen Untersuchungen überein, die zeigen, dass Ratten unter kochsalzreicher Ernährung erhebliche Mengen an Natrium in der Haut und in den Knochen einlagern können. Dies geschieht über Glukosaminglykane, spezielle Protein-Kohlenhydrat-Verbindungen, die bei hoher Salzzufuhr vermehrt gebildet werden. Derzeit untersuchen die Kölner Forscher, ob ein ähnlicher Mechanismus auch der Natriumeinlagerung beim Menschen zu Grunde liegt. Der körpereigene Salzspeicher lässt sich laut Heer vermutlich durch die Evolution erklären. In Zeiten von Kochsalzmangel stelle er einen deutlichen Selektionsvorteil dar.

Im Hinblick auf den Bluthochdruck dürften die Daten auch klinisch relevant sein, sagte die Medizinerin. Sie könnten erklären, warum die Mehrheit der Bevölkerung auf unterschiedliche Kochsalzmengen in der Nahrung kaum mit Blutdruckschwankungen reagiert – das überflüssige Salz wird einfach „weggespeichert“. Bei einigen Ausnahmen, den „salzsensitiven“ Personen, steigt dagegen der Blutdruck bei hoher Kochsalzzufuhr an. Dies könnte durch eine vermehrte Flüssigkeitseinlagerung bei Menschen bedingt sein, denen der körpereigene Salzspeicher durch einen genetischen Defekt fehlt, vermutete Heer.

Mehr von Avoxa