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Auf die Gene zugeschnittene Diäten

29.03.2004
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Ernährungsforschung

Auf die Gene zugeschnittene Diäten

von Gerd Leidig, Freising

Die Entschlüsselung des menschlichen Genoms könnte die Zukunft unserer Ernährung entscheidend verändern. Die genaue Kenntnis der genetischen Ausstattung könnte individuelle Empfehlungen für die tägliche Ernährung ermöglichen. Dies erklärten Experten auf dem 41. Wissenschaftlichen Kongress der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE).

Allgemein gültige Ernährungsratschläge für jedermann wird es in 20 oder 30 Jahren nicht mehr geben, so die Prognose von Professor Dr. Rudi Balling, Leiter der Gesellschaft für Biotechnologische Forschung in Braunschweig. Die Genausstattung eines Menschen spiele eine entscheidende Rolle dafür, welche Lebensmittel ihm bekommen und welche nicht, sagte er auf dem DGE-Kongress, der am 11. und 12. März im Wissenschaftszentrum Weihenstephan der Technischen Universität München stattfand. Eine genetisch fundierte Ernährungsberatung könnte in Zukunft damit beginnen, dass der Berater den Klienten bittet: „Zeigen Sie mir Ihr Genexpressions-Profil, dann sage ich Ihnen, welche Diät Sie einhalten sollen.“ Entscheidend ist dabei das Zusammenspiel von ererbten Faktoren und Umwelteinflüssen. So könnte sich zum Beispiel eine genetische Veranlagung zu Nierenschäden und Bluthochdruck nur dann auswirken, wenn mit der Nahrung zu viel Salz aufgenommen wird. Und Personen mit einem genetisch bedingten Herzinfarktrisiko würde vorzugsweise eine fettarme Ernährung empfohlen.

Wenig und gut essen

Die mittlere Lebenserwartung liegt in den Industrienationen für beide Geschlechter bei über 80 Jahren. Durch eine gezielte Ernährung ließe sich die Lebensspanne noch weiter vergrößern, wie die Ergebnisse der Arbeitsgruppe um Sabine Ellinger vom Institut für Molekulare Biotechnologie der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen nahe legen. Sie untersuchte, wie sich eine fettreduzierte, hypokalorische Kost bei ausreichender Zufuhr an essenziellen Nährstoffen auf antioxidative Parameter im Vergleich zu einer normokalorischen Ernährung auswirkt. Es zeigte sich, dass die Versuchsteilnehmer unter der hypokalorischen Diät, deren Kalorienzufuhr also bis zu 25 Prozent unter dem durchschnittlichen Energiebedarf lag, weniger DNA-Schäden aufwiesen. Da die Reduktion solcher DNA-Strangbrüche das Krebsrisiko senkt, ist eine moderat hypo- bis normokalorische Ernährung bei einer ausreichenden Nährstoffversorgung zur Prävention von Karzinomen zu empfehlen.

Defizite bei Vegetariern

Der Streit um die gesündeste Kost- und Ernährungsform ist noch nicht endgültig entschieden. Allgemein gilt eine ovo-lacto-vegetarische Ernährung als besonders empfehlenswert. Für die Nährstoffrelation, also das Verhältnis von Kohlenhydraten, Fetten und Proteinen, trifft diese Aussage eindeutig zu, wie Julia Geppert bei der Vorstellung ihrer Studie zur Nähstoffversorgung von Münchner Ovo-Lacto-Vegetarierinnen zeigen konnte. Bei den Mikronährstoffen sah die Situation dagegen schlecht aus. Gemessen an den Referenzwerten der DGE war die Versorgung mit Eisen gerade mal ausreichend, während die Werte für Jod bei durchschnittlich 60 Prozent, für Folsäure bei 77 Prozent und für Vitamin D bei lediglich 30 Prozent der empfohlenen Mengen lagen. Diese Ergebnisse sind umso bemerkenswerter, als 24 Prozent der Studienteilnehmerinnen sogar Nahrungssupplemente, also Vitamin- und Mineralstoffpräparate einnahmen, und diese bei der Ernährungsanalyse mit angerechnet wurden.

Vegetarier müssen aber nicht nur auf ihre Jod- , Folsäure- und Vitamin-D-Zufuhr, sondern auch auf ihre Zahngesundheit achten. Denn sie haben ein vergleichsweise hohes Risiko für bestimmte Zahnerkrankungen. Die Arbeitsgruppe von Dr. Regina Purschwitz vom Universitätsklinikum Leipzig stellte bei Vegetariern eine größere Prävalenz von Zahnhalsdefekten und erosiven Läsionen fest. Dabei waren sowohl der Schweregrad der Läsionen als auch die Lactobazillenzahl im Speichel der Vegetarier im Vergleich zu Personen, die Fleisch essen, signifikant erhöht. Der regelmäßige Zahnarztbesuch ist für Vegetarier daher unerlässlich.

Soja, Bier und Kaffee

Spätestens seit der Neubewertung der Hormonersatztherapie bei postmenopausalen Frauen erfreuen sich Sojaprodukte, sei es als Lebensmittel oder als Bestandteil vieler Präparate aus der Apotheke, wachsender Beliebtheit bei den Verbrauchern. Schon länger ist bekannt, dass das Isoflavonoid Genistein (GEN) antioxidative Eigenschaften aufweist. Durch das Abfangen reaktiver Sauerstoffspezies reduziert der Soja-Inhaltsstoff den oxidativen Stress innerhalb der Zelle. Claudia Steiner von der Schiller-Universität in Jena konnte nachweisen, dass Genistein die Genexpression der Glutathion-S-Transferase (GST), einem wichtigen zellulären Entgiftungssystem, fördert.

Die Isoflavone, beim Soja also vor allem das Genistein, werden auch als potenzieller Schutzfaktor für arteriosklerotische Gefäßschäden diskutiert. Dagmar Fuchs vom Lehrstuhl für Ernährungsphysiologie in Freising wies nach, dass Genistein bereits in einer Konzentration von 2,5 Mikromol die Abnahme der anti-arteriosklerotischen Proteine Annexin V und Lamin A verhindert. Ab 25 Mikromol stoppte Genistein den durch oxidiertes LDL (low densitiy lipoprotein) bedingten Anstieg des an der Schaumzellbildung beteiligten Ubiquitin konjugierenden Enzyms 12. Die Schaumzellen, die für die Pathogenese der Arteriosklerose besonders wichtig sind, bilden sich aus Lipoproteinen mit niedriger Dichte durch Oxidationsprozesse und Phagozytoseaktivitäten von Makrophagen.

Rotwein galt bislang als gesündeste Alkoholvariante. Doch auch den heimischen Brauereierzeugnissen konnte Professor Dr. Erich Elstner von der TU München eine positive Seite abgewinnen: Der Genuss von Bier mit einem hohen Stammwürze- und Hopfengehalt führe zu einer erhöhten antioxidativen Kapazität des Blutplasmas unmittelbar nach dem Trinken. Die Zahl sowie die Aktivität der neutrophilen Granulozyten im Vollblut erhöhe sich, wodurch Bier immununterstützend wirke, sagte Elstner.

Auch ein weiteres beliebtes Getränk, der Kaffee, hat eine ähnliche Wirkung, wie Veronika Somoza von der Forschungsanstalt für Lebensmittelchemie in Garching berichtete. Für seinen antioxidativen und chemopräventiven Effekt ist N-Methyl-pyridinium verantwortlich. Als Indikator für die chemopräventive Aktivität dienten dabei die Enzymaktivitäten der UDP-Glucuronyltransferase (UDP-GT) und der Glutathion-S-Transferase (GST). Die Substanz verstärkt die Enzymaktivitäten um bis zu 40 Prozent und steigert die antioxidative Aktivität um mehr als die Hälfte.

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