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Wenn Kinder nicht essen wollen

07.03.2005
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Frühkindliche Essstörungen

Wenn Kinder nicht essen wollen

von Marion Hofmann-Aßmus, München

Fütterungs- und Essstörungen betreffen nach Schätzungen 15 bis 25 Prozent aller gesunden Säuglinge, noch häufiger sind sie bei behinderten Kindern. Meist haben Eltern und Kind einen langen Leidensweg hinter sich, bevor sie kompetente Hilfe finden.

Gute Ernährung und das Gedeihen ihrer Kinder sind ein vordringliches Anliegen aller Eltern. Fütterstörungen werden daher als extrem bedrohlich und angsteinflößend empfunden. Sie belasten auch häufig die Partnerschaft und können zum allbeherrschenden Thema in der Familie werden.

»Dennoch werden uns die Kinder viel zu spät vorgestellt«, beklagte Professor Dr. Mechthild Papouek vom Kinderzentrum München auf einem wissenschaftlichen Symposium zum Thema Ernährung in der Kindheit. Dies könnte auch daran liegen, dass für Fütterstörungen keine international anerkannten einheitlichen Definitionen und keine validierten Klassifikationen existieren. Das erschwert dem Kinderarzt die Unterscheidung zu als »normal« angesehenen Fütterproblemen, die im Säuglings- und Kleinkindalter häufig vorübergehend auftreten.

Typische Erkennungszeichen für Essstörungen sind extrem wählerisches Essverhalten oder eine Nahrungsverweigerung der Kinder über einen längeren Zeitraum. Dabei tritt dieses Verhalten auf, obwohl ein angemessenes Nahrungsangebot besteht und eine zumindest einigermaßen kompetente Betreuungsperson anwesend ist. Weitere Merkmale für die Entwicklung einer Essstörung sind fehlende Hungersignale, Ablenkbarkeit sowie rasche Ermüdung und Saugschwäche bei Säuglingen.

Eine Fütterstörung kann, muss aber nicht mit einer Gedeihstörung einhergehen. Diese ist allerdings klarer definiert: Eine Gedeihstörung liegt vor, wenn das Gewicht des Säuglings über mehrere Monate unter die 3. Perzentile fällt oder er eine starke Gewichtsabnahme im Vergleich zur vorangegangenen Untersuchung zeigt.

Gründe liegen nicht nur beim Kind

Bezogen auf die Ätiologie einer Essstörung werden organische von nicht organischen Fütterstörungen unterschieden. Bei etwa einem Viertel der betroffenen Kinder liegen laut Dr. Margret Ziegler, München, organische Ursachen vor, wozu gastrointestinale Krankheiten, chronische Erkrankungen an Herz oder Nieren, Störungen der Appetitregulation oder neuropädiatrische Entwicklungsstörungen zählen. Nicht organisch bedingte Fütterstörungen können durch aversive Erfahrungen im Mund-/Schlundbereich verursacht sein, etwa durch Langzeitbeatmung eines Frühgeborenen oder nasogastrale Sondenernährung.

Es reicht jedoch nicht aus, das diagnostische Augenmerk nur auf das Kind zu richten, denn die Gründe für die häufiger anzutreffenden nicht organischen Fütterstörungen sind meist bei der Bezugsperson, in der Regel also der Mutter zu finden. Oft ist ihre eigene Geschichte geprägt von Essstörungen, primären Bindungs- und Beziehungsstörungen, psychosozialen Belastungen oder psychodynamischen Störungen. Daher sprechen Experten heute von einer typischen »Symptomtrias«, erklärte Ziegler. Diese umfasst neben der Nahrungsverweigerung der Kinder das Überforderungssyndrom bei den Eltern und eine gestörte Fütterinteraktion.

Um diese Symptomtrias zu durchschauen und therapeutisch aufzulösen, sind allerdings ein besonderes Feingefühl und viel Erfahrung nötig. Im Kinderzentrum in München behilft sich Dr. Tamara Jacubeit dabei mit einer videogestützten Analyse. Sie filmte zum Beispiel eine Mutter mit ihrer dreijährigen Tochter: Beim Wickeln ist im Video ein sehr emotionales Verhältnis zu beobachten. Sobald die Mutter jedoch mit dem Stillen beginnt, ändert sich dieser Eindruck abrupt. Der Säugling wendet den Kopf ab und weint, die Mutter zeigt daraufhin eine so genannte »Affektisolation«, das heißt, sie wird immer starrer ­ ein an das kindliche Verhalten angepasstes Verhalten ist ihr nicht mehr möglich.

Ein Teufelskreis kommt in Gang, wenn die fehlende Feinfühligkeit der Mutter eine Abwehrreaktion des Säuglings auslöst, die wiederum die Angst der Mutter vor der Ablehnung sowie ihre Wut darüber steigert. So entsteht eine Füttersituation, die von Angst und Druck geprägt ist. Nicht selten greifen Eltern dann zum Mittel der Zwangsfütterung. Dabei leidet das Kind unter Dauerstimulation von Stresshormonen, die laut Dr. Karl-Heinz Brisch, München, trotz ausreichender Kalorienzufuhr zu Gedeihstörungen führen kann.

Zusammenarbeit mit der Familie

Ziel des interdisziplinär arbeitenden Teams am Kinderzentrum ist, das nicht funktionierende Kommunikationsmuster zwischen Mutter und Kind aufzulösen. Dafür erarbeitet es gemeinsam mit den Eltern ein Behandlungsziel, wozu auch eindeutige Essensregeln gehören, etwa regelmäßige Mahlzeiten ohne zwischenzeitliche Angebote und die Trennung von Essen und Spielen.

Sobald das Kind eine Abwehrreaktion zeigt, muss der Füttervorgang abgebrochen werden. »Denn Zwang ist der schnellste Weg zur Verweigerung«, sagte Dr. Nikolaus von Hofacker, München. Stattdessen sollte die Mutter kindliche Motivationen wie seine Neugier nutzen und das Kind bei dem aktiven Steuern seines Essens unterstützen. Falls das Kind provokativ das Essen verweigert, etwa im Brei stochert, sollte man ihm lediglich kurz die Aufmerksamkeit entziehen. Möchte es dagegen selbstständig oder mehr essen, sollten die Eltern dies belohnen. Im Behandlungszeitraum werden die Sorgen und Ängste der Eltern um das Gedeihen des Kindes an den Kinderarzt delegiert, der die Therapie engmaschig überwacht. Mütter mit eigenen traumatischen Erfahrungen erhalten daneben psychotherapeutische Hilfe.

Dieses Therapiekonzept erwies sich bereits bei vielen Familien als erfolgreich. Eine telefonische Nachfrage bei 50 Betroffenen ergab, dass aus diesen Kindern zumeist zwar keine »guten Esser« wurden, die Nahrungsaufnahme aber in den Familien nicht mehr das allbeherrschende Thema darstellte.

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