Pharmazeutische Zeitung online

Menschen mit Epilepsie besser verstehen

10.01.2005
Datenschutz bei der PZ

Menschen mit Epilepsie besser verstehen

von Holger Neye, Hannover

In Deutschland lebt etwa eine halbe Million Menschen mit einer Epilepsie, pro Jahr erkranken circa 30.000 neu. Damit zählt die Epilepsie nach Morbus Alzheimer und Schlaganfall zu den drei häufigsten neurologischen Erkrankungen. Das komplexe Erkrankungsbild und seine Therapieoptionen sind dennoch häufig unbekannt.

Zwei bis fünf von 100 Einwohnern in Deutschland entwickeln in ihrem Leben eine Epilepsie. Dabei zeigen sich hohe Inzidenzen vor allem in Kindesjahren und bei Personen über 65 Jahren. Die Therapie der Epilepsie richtet sich nach der Art der Epilepsie, weshalb der Diagnostik ein entscheidender Stellenwert zukommt. Differentialdiagnostisch muss die Epilepsie zudem von anderen Grunderkrankungen wie dissoziativen Anfällen oder psychiatrischen Erkrankungen wie Panikattacken unterschieden werden. Denn vasomotorische Anfälle, Synkopen kardialer Ursache, Hypersomnien und psychogene Anfälle müssten anders therapiert werden als epileptische Anfälle, berichtete Dr. Waltraud Dirks, Fachärztin für Neurologie und Psychiatrie, auf einer Veranstaltung der Gemeinschaftsinitiative Epilepsie in Hannover. Bei Gelegenheitsanfällen, die durch Schlaf- oder Alkoholentzug, Fieber oder metabolische Entgleisungen oder durch akute zerebrale Erkrankungen ausgelöst werden, sollten die Patienten die jeweiligen Noxen meiden.

Ungefähr 70 Prozent der Epilepsien sind dagegen idiopathisch, also ohne anamnestisch und diagnostisch fassbare Ursache. Symptomatische Epilepsien lassen sich auf Hirnentwicklungsstörungen, entzündliche Erkrankungen, Verletzungen oder fortschreitende Erkrankungen des Gehirns zurückführen.

Kognitive Störungen vermeiden

Das primäre Therapieziel bei der Behandlung der Epilepsie ist die Anfallsfreiheit. Dabei könne eine Monotherapie laut Untersuchungen etwa die Hälfte der Patienten von Anfällen befreien, sagte Professor Dr. Herrmann Müller-Vahl von der Neurologischen Klinik der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). Bei der Kombination mit weiteren Antiepileptika könne die Anfallsfreiheit auf circa 70 Prozent der Patienten gesteigert werden, wobei die Kombination von mehr als zwei Präparaten durchschnittlich nur einen marginalen Vorteil bringt, berichtete der Mediziner. Entsprechend den Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Neurologie sollte bei Nichtansprechen der ersten Monotherapie eine zweite Monotherapie folgen, ehe eine Kombinationstherapie eingeleitet wird.

 

Über Epilepsie informieren Die Gemeinschaftsinitiativen Epilepsien – mit Mitgliedern der Krankenkassen, der Pharmazeutischen Industrie, verschiedener Körperschaften und Verbände – wurde 1999 mit dem Ziel ins Leben gerufen, das Krankheitsbild Epilepsien der breiten Öffentlichkeit näher zu bringen. Kontaktadresse in Niedersachsen: Epilepsieberatung Niedersachsen, www.epilepsie-beratung.de.

 

Bezüglich der Anfallsfreiheit bestünden keine bedeutenden Wirksamkeitsunterschiede zwischen den einzelnen Antiepileptika und auch nicht zwischen klassischen und neuen Präparaten. Entsprechend kommt die Deutsche Gesellschaft für Neurologie in der Leitlinie „Epilepsie im Erwachsenenalter“ zu dem Schluss: „Bei fokalen Epilepsien lassen alle bisherigen Studien erkennen, dass keine deutlichen Unterschiede in der durchweg guten Wirksamkeit vorhanden sind.“

Unterschiede zwischen alten und neuen Antiepileptika zeigen sich hauptsächlich in den Nebenwirkungen. Ältere Präparate sind für ihre überwiegend hepatische Metabolisierung bekannt, wobei besonders Carbamazepin, Phenobarbital, Phenytoin und Primidon zu einer Induktion von Cytochrom P450 Typ 3A4 führen und somit etwa eine hormonelle Kontrazeption gefährden. Antidepressive und stimmungsstabilisierende Effekte werden für Lamotrigin und Gabapentin beschrieben, wohingegen die kognitiven Nebenwirkungen der Antiepileptika (Sedierung) bei den älteren Präparaten ausgeprägt sind und bei älteren Patienten zurückhaltend eingesetzt werden sollten.

Neben den Anfällen soll die Therapie das Fortschreiten der Erkrankung und die Entwicklung kognitiver Störungen oder assoziierter Psychosen möglichst verhindern. Zwar entwickeln sich 70 Prozent der epilepsiekranken Kinder und Jugendlichen mit einem IQ im normalen Bereich. Symptomatische Epilepsien können laut Dr. Hans Hartmann, Neuropädiater der MHH, jedoch von kognitiven Störungen begleitet sein. Besonders der Status epilepticus, serielle Grand-mal-Anfälle oder das so genannte CSWS-Syndrom können zum Verlust kognitiver Fähigkeiten führen.

Patienten im sozialen Abseits

Menschen mit einer Epilepsie leiden an einer Erkrankung, die mit Stigmatisierung und Ausgrenzung gepaart ist. Dies wird zum einen bei Anfällen an der (hilflosen) Reaktion der Umwelt deutlich, zum anderen aber auch durch die extreme Behütung in der Familie häufig verstärkt. Ottokar Baum, Geschäftsführer Pro Werk, Bethel, schilderte die Diagnose Epilepsie aus Sicht des Patienten und machte deutlich, dass ein an Epilepsie erkrankter Mensch zwei Identitäten habe: die Identität, so zu sein wie alle anderen, und die des Patienten beziehungsweise Behinderten. Dabei kann die Wahrnehmung der eigenen Erkrankung, insbesondere der Anfälle stark eingeschränkt sein. Menschen mit einer Epilepsie können jedoch durch medizinische, berufliche und soziale Rehabilitation in ein alltägliches Leben integriert werden. Idealerweise halten sich dabei Lebensqualität und Anfallsfreiheit nach den Wünschen des einzelnen Erkrankten die Waage.

 

Epilepsie und Schwangerschaft Im European Registry of Antiepileptic Drugs and Pregnancy – EURAP werten Wissenschaftler seit 1999 in einer Anwendungsbeobachtung Schwangerschaften unter Antiepileptikatherapie aus. Ihnen kann jede Schwangerschaft gemeldet werden, bei der die werdende Mutter zum Zeitpunkt der Konzeption Antiepileptika eingenommen hat. Bisher sind weltweit mehr als 4000 Schwangerschaften registriert. Die Fehlbildungsrate im Gesamtkollektiv liegt laut den Untersuchungen bei circa 6 Prozent. Geplant ist, bei einer Anzahl von 5000 beobachteten Schwangerschaften substanzspezifische Fehlbildungsrisiken zu ermitteln. Weitere Informationen unter www.eurap-germany.de.

 

Mehr von Avoxa