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Vitamin K1 in der Selbstmedikation

13.12.2004
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Vitamin K1 in der Selbstmedikation

von Joachim Richter, Berlin

Vitamin K hilft nicht nur, die Blutgerinnung zu regulieren, sondern spielt auch für den Knochenstoffwechsel und beim Arterioskleroseschutz zunehmend eine Rolle. Dabei ist Phytomenadion für die Selbstmedikation gut geeignet, da es selbst in hohen Dosierungen keine Nebenwirkungen hervorruft.

Bis vor wenigen Jahren war die Abgabe von Vitamin-K1-Zubereitungen zur oralen Applikation in der Apotheke wenig beratungsintensiv, da ihre Anwendungsgebiete eng umrissen waren und über Einsatz sowie Dosierung von Phytomenadion allein der Arzt entschied. So erhalten Neugeborene gegen so genannte späte Neugeborenenblutungen (zum Beispiel Hirnblutungen), wie sie bei Vitamin-K-Mangelzuständen auftreten können, in der Regel bei der Geburt präventiv 2 mg Phytomenadion oral. Diese Dosis wird zwischen dem 3. und 10. Lebenstag sowie zwischen der 4. und 6. Lebenswoche wiederholt (1). Darüber hinaus werden mit bis zu 20 mg/Tag (peroral) schwere, durch Blutungen gekennzeichnete Vitamin-K-Mangelzustände behoben, die bei normaler Ernährung allerdings kaum vorkommen. Ursache für eine derartige Unterversorgung können Resorptionsstörungen etwa bei fehlender Galle im Darm (2) oder Wechselwirkungen mit Arzneimitteln wie Salicylaten sein (1). Bei mit Antikoagulantien vom Typ der Cumarinderivate (wie Phenprocoumon, Warfarin) behandelten Patienten wird Vitamin K1 als Antidot eingesetzt, das mit einer Latenzzeit von sechs bis zwölf Stunden wirkt.

Doch die Indikationen von Vitamin K1 erweitern sich immer mehr und damit ist die Beratung des Apothekers gefragt. Seit einiger Zeit ist nämlich bekannt, dass Vitamin K, genauer K1 und K2, über seine Rolle bei der Blutgerinnung hinaus Bedeutung für den Knochenstoffwechsel hat (3). Des Weiteren spielt es eine Schlüsselrolle bei der Synthese von Matrix-Gla-Protein, einem starken Hemmstoff der Gefäßverkalkung (4). Vitamin K könnte somit bei Osteoporose und Arteriosklerose indiziert sein, erste Untersuchungen und Studienergebnisse hierzu sind ermutigend.

Vitamin K1 ist gut verträglich

Da sowohl phytomenadionhaltige nicht verschreibungspflichtige Arzneimittel als auch Nahrungsergänzungsmittel mit Vitamin K1 auf dem Markt sind und als Mittel für „gesunde Knochen” und „gesunde Gefäße” beschrieben werden, sehen sich Apotheker einer Reihe von Fragen gegenüber. Viele Kunden, vor allem aus den neuen Bundesländern, befürchten, dass die Einnahme von Phytomenadion die Bluteigenschaften negativ beeinflussen kann. Der Grund für die Sorge ist offenbar, dass in der DDR phytomenadionhaltige Arzneimittel generell verschreibungspflichtig waren. Die ärztliche Überwachung war jedoch nur bei der Anwendung bei mit Antikoagulantien behandelten Patienten berechtigt. Denn ansonsten zeichnet sich Vitamin K1 durch eine sehr gute Verträglichkeit aus. So sind auch bei massiver Überdosierung bisher keine toxischen Reaktionen bekannt (1, 5).

Während nach Großklaus die obere NOAEL-Grenze (no observed adverse effect level) bei 30 mg/Tag liegt (9), nahmen in klinischen Studien Patienten über zwei Jahre sogar täglich 45 beziehungsweise 90 mg Vitamin K2 ein, ohne dass Nebenwirkungen auftraten (6, 7). Eine Metaanalyse ergab schließlich, dass es weder für Vitamin K1 noch für Vitamin K2 eine Evidenz für eine Toxizität gibt (8).

Höhere Dosierung in Diskussion

Demgegenüber liegt der tägliche Bedarf an Vitamin K, bezogen auf die Gerinnungseigenschaften des Blutes, bei 1 bis 2 µg/kg Körpergewicht beim Erwachsenen und älteren Kind sowie bei 10 bis 20 µg/kg Körpergewicht beim Säugling (1). Diese Werte decken sich weitgehend mit den Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) sowie den RDA-Werten (Recommended (Daily) Dietary Allowance) der amerikanischen Akademie der Wissenschaften, die 70 bis 140 µg für Erwachsene und 30 bis 60 µg für Kinder vorsehen (10).

 

Körpereigenes Recycling Theoretisch müssten für die γ-Carboxylierung von Glutaminsäure, die die Präcursoren bestimmter Gerinnungsfaktoren, des Osteocalcins und des Matrix-Gla-Proteins aktiviert, bei intaktem Vitamin-K-Zyklus sehr geringe Mengen Vitamin K genügen. Zwar wird dabei Vitamin-K-Hydrochinon verbraucht, die Vitamin-K-epoxid-Reduktase recycelt jedoch das entstehende Vitamin-K-epoxid in einem tausendfach wiederholbaren Prozess wieder zum Hydrochinon.

 

Auf Grund bisheriger Forschungsergebnisse zur Vitamin-K-Wirkung auf Knochenstoffwechsel und Arteriosklerose werden heute aber auch schon weitaus höhere Dosierungen empfohlen. So lässt der Gesetzgeber bei Nahrungsergänzungsmitteln die dreifache Menge der von der DGE empfohlenen täglichen Zufuhr von 80 µg/Tag bei Erwachsenen zu. In einer „Verzehrform” dürfen somit 240 µg Vitamin K (Phyllochinon) als höchste Menge enthalten sein (11).

In neuen Veröffentlichungen raten die Autoren sogar zu der täglichen Einnahme von 1 mg, um Osteocalcin maximal zu carboxylieren (12), und auch in Standardwerken ist von einem täglichen Bedarf von einem Milligramm zu lesen (2). Als prophylaktische Tagesdosis für Arzneimittel wird ein Bereich von 1 bis 5 mg Vitamin K angegeben (9).

Ungefährliche Supplementierung

Ob und in welcher Höhe mit Vitamin-K-Präparaten supplementiert werden sollte, ist zumeist schwer einzuschätzen, außer wenn der Vitamin-K-Spiegel im Serum oder auch der Carboxylierungsgrad des zirkulierenden Osteocalcins im Labor bestimmt werden (11). Denn die tägliche Zufuhr von Vitamin K mit der Nahrung (8) allein lässt noch keine Aussage über den Bedarf zu. So sind die Resorptionsquote im Gastrointestinaltrakt sowie die metabolischen Prozesse schwer einzuschätzen (2) und es ist somit unklar, wie viel dem Körper letztlich zur Verfügung steht. Daneben kann die Einnahme von Leberenzym-induzierenden Arzneimitteln den Abbau von Vitamin K beschleunigen (1). Zwar produzieren auch Darmbakterien Vitamin K2, ihr Beitrag zur Vitaminversorgung ist in der Vergangenheit jedoch vermutlich stark überschätzt worden (8), da aus dem Dickdarm keine Vitamine resorbiert werden können.

Nach Jakob beträgt die durchschnittlich in der täglichen Nahrung enthaltene Menge an Vitamin K in den USA 300 bis 500 µg (13); nach Binkley werden oft nur 80 bis 150 µg zugeführt (11). Laut Schurgers nehmen nur 25 Prozent der Niederländer die von ihm empfohlene Menge von 375 µg Vitamin K1/Tag ein (4).

Wässrige, zur peroralen Applikation bestimmte Zubereitungen scheinen sich hinsichtlich der Verfügbarkeit des Vitamin K nicht zu unterscheiden. So konnten Präparationen mit Mischmizellen (zum Beispiel Konakion MM®) laut Untersuchungen die Wirksamkeit von Vitamin K2 nicht signifikant gegenüber anderen Zubereitungen (zum Beispiel Kanavit®) verbessern – wobei letztere bei vergleichbarer Dosierung nur etwa ein Zehntel an Kosten verursachen (14).

Klare Angaben darüber, wie viel Phytomenadion für eine ausreichende γ-Carboxylierung insgesamt erforderlich ist, existieren nicht, die Bandbreite der Tagesdosen ist mit 80 µg bis 90 mg enorm groß. Da Vitamin K1 jedoch sehr gut verträglich ist, kann man Kunden, die ihre Gefäße oder Knochen optimal versorgen und damit schützen wollen, entsprechende Supplemente empfehlen. Viele Autoren wie Binkley et al. (11) raten zu Tagesdosen von 1 mg Vitamin K1 allein oder, wie Braam et al. (15), in Kombination mit Vitamin D und Mineralsalzen. Zu berücksichtigen ist, dass die jeweiligen Untersuchungen mit Personen gemacht wurden, die keine Cumarinderivate einnahmen. Den schätzungsweise 500.000 in Deutschland mit Antikoagulentien Behandelten sollte ohne Konsultation eines Arztes die Anwendung von phytomenadionhaltigen Zubereitungen nicht empfohlen werden.

 

Gesunde Knochen Natürliche K-Vitamine sind an der Aktivierung von Osteocalcin maßgeblich beteiligt. Dieses Protein macht 10 bis 20 Prozent des gesamten Knochen-Proteins aus und enthält γ-Carboxy-L-Glutaminsäure-Reste. Diese befähigen das Osteocalcin, das im Knochen eingelagerte kristalline Hydroxylapatit zu binden, das bis zu 60 Prozent der Knochensubstanz ausmacht. Die Bildung der nötigen γ-Carboxyglutamylreste von Vitamin K abhängig.

 

Literatur

  1. Kommentar zum Europäischen Arzneibuch, Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Stuttgart, 12. Lieferung 1999, P 54/1.
  2. Mutschler, E., Arzneimittelwirkungen, 7. Auflage 1996, Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Stuttgart.
  3. Richter, J., Gesunde Knochen. Pharm. Ztg. 147 (2002) 4990.
  4. Schurgers, L. J., et al., Role of vitamin K and vitamin K-dependant proteins in vascular calcification. Z. Kardiologie 90 (2001) 57-63.
  5. Forth, Henschler, Rummel, Pharmakologie und Toxikologie, 5. Auflage, Wissenschaftsverlag 1987, S 456.
  6. Takahashi, et al., Effect of vitamin K and/or D on undercarboxylated and intact osteocalcin in osteoporotic patients with vertebral or hipfractures. Clin. Endocrinol 54 (2001) 219.
  7. Orimo, et al., Effects of menatetrenone on the bone and calcium metabolism in osteoporosis: A double-blind placebo-controlled study. J. Bone Miner Metab 16 (1998) 106.
  8. Weber, P., Vitamin K and bone health. Nutrition 17 (2001) 880-887.
  9. Großklaus, R., Die Bewertung von Nahrungsergänzungsmitteln aus der Sicht des Lebensmittel- und Bedarfsgegenständegesetzes. Ernährungs-Umschau 47 (2000) 132-141.
  10. Römpp, Chemie Lexikon, 9. Auflage, Thieme Verlag.
  11. Merkblatt des BgVV vom September 1998; vgl. auch Arzneimittelrecht/Kommentar; Deutscher Apotheker Verlag Stuttgart 2003, A 1.0 Blatt 6 (83. Erg.-Lief.).
  12. Binkley, N. C., et al., A high phylloquinone intake is required to achieve maximal osteocalcin gamma-carboxylation. Am J. Clin Nutr 76 (2002)1055-60.
  13. Jakob, F., Vitamin K und Knochenstoffwechsel. MedReport (2002) 26 Nr.5.
  14. von Kries, et al., Oral mixed micellar vitamin K for prevention of late vitamin K deficiency bleeding. Arch Dis Child Fetal Neonatal Ed (2003) 88 109-112.
  15. Braam, L. A., et al., Vitamin K1 supplementation retards bone loss in postmenopausal women between 50 and 60 years of age. Calcif Tissue Int 73 (2003) 21-26.

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