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Autofahren bei Nacht erfordert gutes Sehen

16.12.1996  00:00 Uhr

-Medizin

  Govi-Verlag

Autofahren bei Nacht erfordert gutes Sehen

  Auffahrunfälle sind typische Verkehrsunfälle bei Dunkelheit. Der Grund liegt häufig in einem reduzierten Dämmerungssehen, das der Stäbchenapparat in der Netzhaut des Auges vermittelt. Im Gegensatz dazu sorgen die Zapfen-Sinneszellen für das photoptische Farb- und Tagessehen.

In der Dämmerung, nachts oder auch in einem Tunnel vergrößert sich nicht nur die Pupille des Auges, um mehr Licht einzufangen, sondern das Zapfensehen tritt zugunsten des Stäbchensehens in den Hintergrund. Damit werden viel geringere Leuchtdichten, aber kaum noch Farben wahrgenommen. Für den Autofahrer bedeutet dies, daß er bei gutem Dämmerungssehen Kontraste, zum Beispiel vorausfahrende Autos oder Fußgänger, auf größere Entfernung wahrnehmen kann.

Als Maßstab für die Sehfähigkeit bei Dunkelheit gilt der Kontrast, der gerade noch erkannt wird. Dies erläuterte Professor Dr. Dr. Benedikt Hebenstreit vom verkehrswissenschaftlichen Forschungszentrum des TÜV Bayern bei einer Pressekonferenz der Basotherm GmbH, Biberach, in München. Optimal ist das Erkennen einer Helligkeitsdifferenz von 1:2, voll ausreichend ein Kontrastsehen von 1:2,7. Wird die Kontraststufe von 1:4,87 nicht mehr erkannt, ist das Unfallrisiko des Kraftfahrers unverhältnismäßig hoch.

In einer TÜV-Studie mit über 2500 PKW-Fahrern konnten 11,8 Prozent der Probanden, nach vorausgehender Blendung sogar 18 Prozent diesen Kontrast nur noch mangelhaft erkennen. Bei den über Fünfzigjährigen lag der Prozentsatz bei 30 und 51. Fast die Hälfte der Fahrer empfindet das Fahren bei Nacht als unangenehm und vermeidet es möglichst. 14 Prozent waren in den beiden Jahren vor der Untersuchung in einen nächtlichen Unfall verwickelt (nur Unfälle ohne Alkohol); dies sind dreimal mehr als bei den normalsichtigen Fahrern, erklärte Hebenstreit.

Die Adaptation, also die Anpassung des Auges an verschiedene Leuchtdichten, dauert um so länger, je größer die Helligkeitsunterschiede sind. Aber auch Krankheiten wie Grauer und Grüner Star oder diabetische Gefäßveränderungen der Netzhaut können die Adaptation stören. Eine echte Nachtblindheit ist angeboren oder Folge einer Mangelernährung, vor allem von Vitamin A. Eine positive Wirkung auf das Nachtsehen sollen Anthocyan-Farbstoffe haben. So konnte die Readaptationszeit des Auges nach Blendung in einer Studie mit 50 Probanden um 17 Prozent verkürzt werden, berichtete Dr. Hans Brandl vom Flugmedizinischen Institut der Luftwaffe in Fürstenfeldbruck bei München. Im Durchschnitt - bei einer erheblichen Variationsbreite - verkürzte sich die Wiedererkennungszeit drei Stunden nach Einnahme von 400 mg Anthocyanen (Difrarel) um 0,65 Sekunden. In dieser Zeit legt ein Auto bei 100 km/h bereits 17 Meter zurück.

PZ-Artikel von Brigitte M. Gensthaler, München
       

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