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Apoptosehemmung für mehr Lebensqualität

15.11.1999  00:00 Uhr

-MedizinGovi-Verlag

MISTEL

Apoptosehemmung für mehr Lebensqualität

von Daniel Rücker, Nonnweiler

Vor etwa achtzig Jahren riet Rudolf Steiner erstmals Ärzten, Krebskranke mit Mistelextrakt zu behandeln. Ein wissenschaftlich eindeutiger Wirksamkeitsnachweis für die Therapie fehlt bis heute. Mistelextrakte teilen das Schicksal zahlreicher Substanzen, die für die Krebstherapie entwickelt wurden: In vitro zerstören sie Tumoren, im Mäuseversuch wecken sie Hoffnungen, in der klinischen Anwendung erfüllen sie die Erwartungen nicht. Zu einer Bestandsaufnahme trafen sich Mediziner und Pharmazeuten, Biologen und Anthroposophen am 13. November in Nonnweiler.

Durch In-vitro-Versuche konnten Wissenschaftler die Frage nach der Wirkung von Mistelextrakt und seiner einzelnen Komponenten zumindest teilweise beantworten. Wie der Saarbrücker Pharmakognost Professor Dr. Hans Becker erklärte, fördern Mistellektine den zellulären Selbstmord, die Apoptose. Außerdem wirken sie zytotoxisch und immunstimulierend. Die zweite wichtige Gruppe der Mistelinhaltsstoffe, die Viscotoxine, wirkt ebenfalls zytotoxisch. Polysaccharide haben dagegen immunstimulierende Effekte.

Die Mistellektine (ML) I, II und III entfalten ihre apoptotische Wirkung auf einem ungewöhnlichen Weg. Wie der Krebsforscher Dr. Arndt Büssing von der Universität Witten Herdecke erklärte, vermitteln die Substanzen das Suizidsignal nicht über den konventionellen Todesrezeptor CD 95, sondern hemmen die zytosolische Proteinbiosynthese und aktivieren dadurch den mitochondrialen Apoptoseweg. Die Hemmung der Proteinbiosynthese ist auch für die zytotoxische Wirkung der Mistellektine verantwortlich. Im Unterschied zur Apoptose endet dieser Mechanismus im nekrotischen Zelltod.

Ebenfalls im Reagenzglas belegt ist die Immunstimullation durch Mistelextrakt und die Mistellektine I bis III. Die Substanzen stimulieren in erster Linie B-Zellen. In der Folge werden NK-Zellen, Makrophagen, Eosinophile und T-Zellen aktiviert.

Am Beispiel der Immunmodulation zeigt sich das Dilemma, in dem die Mistelforscher stecken. Denn bislang ist unklar, ob eine unspezifische Immuntherapie überhaupt helfen kann. Dr. Michael Pfreundschuh gab zu bedenken, dass nur die wenigsten Antigene auf der Oberfläche einer Krebszelle tumorspezifisch seien. Ein genereller Angriff der Immunzellen würde sich deshalb entweder auch gegen normale Zellen richten oder eine Toleranz gegen den Tumor induzieren. Bestenfalls zur Unterstützung einer gezielten Immunantwort gegen Tumorantigene sei eine unspezifische Stimulation des Immunsystems sinnvoll.

Welchen therapeutischen Nutzen die apoptotische Wirkung von Mistellektinen hat, ist ebenfalls fragwürdig. Zwar bewirkt die intratumorale Injektion des Extraktes oder einzelner Mistellektinfraktionen im Tierversuch eine deutliche Regression des Tumors. Ob diese Erkenntnis auf die Behandlung Krebskranker übertragen werden kann, ist zumindest stark umstritten. Möglicherweise würde die Injektion kurzfristig apoptotische Prozesse im Gewebe auslösen. Dies allein beweise nicht den klinischen Nutzen für den Kranken, sagte Dr. Gerwin Kaiser. Anderer Meinung ist der Berliner Mediziner Harald Matthes, der von guten Langzeitergebnissen bei der intratumoralen Applikation spricht.

Angesichts des langen Zeitraumes, in dem Mistelpräparate in der Krebstherapie eingesetzt werden, überrascht der Mangel an validen klinischen Daten. Die in Nonnweiler vorgestellten Ergebnisse bezogen sich im Wesentlichen auf Pilotstudien und Einzelfallbeobachtungen. Klinische Studien, die wissenschaftliche Standards erfüllen, fehlen bislang.

Dabei sind die wenigen Daten recht ermutigend. So berichtete Dr. Harald Matthes, Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe in Berlin, von einer Patientin mit hepatozellulärem Karzinom (HCC), bei der sich nach regelmäßiger subcutaner Injektion innerhalb von mehr als zehn Jahren ein Tumor mit 20 cm Durchmesser vollständig zurückgebildet hat. Ebenfalls ein positives Resultat ergab eine Pilotstudie mit fünf HCC Patienten, denen ein- bis dreimal pro Woche 100 bis 2500 mg Helixor® intratumoral injiziert wurde, so Matthes. Bei allen Patienten verkleinerte sich der Tumor. Ein sechster Patient mit fibrolamellärer HCC profitierte nicht von der Therapie.

Wenig positiv verlief eine Untersuchung mit Kolorektalkarzinom-Patienten, von der Matthes berichtete. Auch hier war die Zahl mit sechs Probanden gering. Zwar schrumpften die Tumoren bei der Hälfte um mehr als 25 Prozent. Dies hat klinisch jedoch kaum Auswirkungen.

Ein weiteres Feld, das zur Zeit untersucht wird, ist die Freisetzung von b-Endorphinen nach komplementärer Gabe von Mistellektinen und eine damit assoziierte Steigerung der Lebensqualität Krebskranker. Auch hier gibt es erste positive Ergebnisse mit kleinen Patientenkollektiven. Einige Arzneimittelhersteller, die eine reguläre Zulassung für ihr Mistelpräparat anstreben, setzen unter anderem auf die Steigerung der Lebensqualität in der komplementären Krebstherapie.

Ärzte beklagen den Mangel an verlässlichen klinischen Daten. So kritisierte Gerwin Kaiser, dass in den vergangenen Jahren die Zahl der Fragen zur Misteltherapie eher größer als kleiner geworden sei. Unzweifelhaft seien die Wirkungen von Mistelextrakt und –lektinen. Wenige Erkenntnisse gebe es dagegen über die Wirksamkeit. Die einzelnen Erfolgsberichte könnten ebenso gut auf Spontanremissionen beruhen. Kaiser, der der Misteltherapie eine gute Chance als komplementäre Behandlung einräumt, drängte auf Studien, die der Misteltherapie auf ein rationales Fundament helfen.

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