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Konzepte gegen die Angst

04.11.1996  00:00 Uhr

-Medizin

  Govi-Verlag

Konzepte gegen die Angst

  Angst ist in unserer Gesellschaft weit verbreitet: Rund 18 Prozent der Bevölkerung leiden an einer Angststörung. Phobien machen den größten Anteil aus. Aber auch die generalisierte Angst ist mit einer Lebenszeitprävalenz von rund 5 Prozent sehr häufig. Es handelt sich um eine Störung, die der Behandlung nur schwer zugänglich ist, die oft chronisch verläuft und zudem in den Arztpraxen oft nicht richtig diagnostiziert wird.

Neue Konzepte gegen die Angst stellten Fachärzte beim Kongreß der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychologie und Nervenheilkunde (DGPPN) in Düsseldorf vor. Danach hat die Psychopharmakotherapie einen zentralen Stellenwert. Sie muß so Dr. Dr. Reinhard J. Boerner von der Psychiatrischen Universitätsklinik München eingebettet sein in ein integratives Behandlungskonzept, das auch eine Psychotherapie, am besten eine Verhaltenstherapie, umfaßt.

Für die Behandlung akuter Angstsyndrome empfahlen die Mediziner die Gabe von schnell wirkenden Benzodiazepinen. Auf Dauer sollten diese Medikamente wegen ihres Abhängigkeitspotentials allerdings nicht gegeben werden. Für die Langzeitbehandlung rät Professor Dr. Karl Rickels, Universität von Philadelphia/USA, eher zu Buspiron. In verschiedenen klinischen Studien wurde die anxiolytische Wirksamkeit des Serotoninagonisten belegt, Gewöhnung oder gar die Entwicklung einer Abhängigkeit wurde nicht registriert.

Buspiron entfaltet seine volle Wirksamkeit allerdings erst nach einigen Wochen, so daß es sich nach Rickels nicht für die Behandlung akuter Angstzustände eignet. Anders bei der chronischen generalisierten Angst. Hier hat der Serotoninagonist augenscheinlich diverse Vorteile, da weder ein Abhängigkeitspotential noch Reboundphänomene, wie sie für Benzodiazepine typisch sind, beobachtet werden. Solche Phänomene können beim Absetzen der Benzodiazepine die ursprüngliche Symptomatik wiederaufleben lassen und so die Notwendigkeit einer weiteren Behandlung vortäuschen. Anders bei Buspiron: Die Einnahme kann beendet werden ohne Rebound. "Das erlaubt den Patienten auch 'Ferien von der Medikation', um zu testen, ob eine solche überhaupt noch nötig ist", so Rickels. Dies scheint nach einer Behandlung mit Buspiron wahrscheinlicher zu sein, als nach einer Therapie mit Benzodiazepinen. Denn die Patienten sind nach Rickels dann offensichtlich eher in der Lage, selbst Bewältigungstrategien zu erarbeiten.

Vorsichtig sollte der Arzt beim Umstellen der Patienten von einem Benzodiazepin auf Buspiron sein, denn Entzugssymptome sind praktisch unvermeidbar. Es ist ratsam, zunächst für vier Wochen mit der Buspirongabe zu beginnen und danach das Benzodiazepin langsam auszuschleichen, um so die zwangsläufig auftretenden Nebeneffekte des Wirkstoffentzugs gering zu halten.

PZ-Artikel von Christine Vetter, Düsseldorf
   

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