Pharmazeutische Zeitung online

Magenkrebs ist ansteckend

03.10.2005  00:00 Uhr
Medizin-Nobelpreis

Magenkrebs ist ansteckend

von Christina Hohmann, Eschborn

Die diesjährigen Gewinner des Medizin-Nobelpreises erhalten die Auszeichnung für die überraschende Entdeckung, dass Gastritis sowie Ulcerationen von Magen und Zwölffingerdarm im Grunde eine Infektionskrankheit sind: Ursache ist das Bakterium Helicobacter pylori.

Die beiden Australier Robin Warren und Barry Marshall teilen sich den diesjährigen Nobelpreis für Medizin. Der Pathologe Warren entdeckte Anfang der 80er-Jahre kleine, gebogene Bakterien im unteren Teil des Magens, dem Antrum, bei etwa der Hälfte der Patienten, von denen Biopsien genommen wurden. Er stellte fest, dass die Magenschleimhaut im Bereich der Besiedlung entzündet war. Marshall interessierte sich für diese Entdeckung und initiierte zusammen mit Warren eine Studie, in der sie das Biopsiematerial von 100 Patienten untersuchten. Marshall gelang es schließlich, ein bis dahin unbekanntes Bakterium zu isolieren: Helicobacter pylori. Die Forscher stellten fest, dass nahezu alle Patienten mit Gastritis, Magen- oder Duodenumulcera mit diesem Erreger infiziert waren und schlossen daraus, dass Helicobacter die Ursache für diese Erkrankungen ist.

In weiteren Studien zeigten die beiden Forscher, dass sich durch eine Eradikation des Keims die Ulcuserkrankung vollständig heilen lässt. »Dank dieser bahnbrechenden Entdeckung von Marshall und Warren sind Ulcera nicht länger eine chronische, häufig zu Behinderungen führende Erkrankung, sondern eine durch eine kurze Behandlung mit Antibiotika und Protonenpumpen-Inhibitoren heilbare Krankheit«, schreibt das Nobel-Komitee am Karolinska-Institut in Stockholm in einer Pressemitteilung.

Die Entdeckung der beiden Australier ist vor allem deshalb so bedeutend, weil Helicobacter pylori so weit verbreitet ist. Etwa die Hälfte der Weltbevölkerung ist mit dem gram-negativen, spiralförmigen Bakterium infiziert. In Industrieländern ist die Durchseuchung niedriger als in Entwicklungsländern, wo fast die gesamte Bevölkerung den Keim trägt. In Deutschland sind etwa 20 bis 40 Prozent infiziert. Die Infektion wird in der Regel in frühester Kindheit erworben und bleibt ein Leben lang erhalten. Meist sind die Infektionen asymptomatisch, doch etwa 10 bis 15 Prozent der Infizierten entwickeln Ulcera im Magen oder Zwölffingerdarm.

Früher galten vor allem Stress und ungesunde Lebensführung als Ursachen für diese Magenleiden. Heute wissen die Mediziner, dass der Erreger für 90 Prozent der Zwölffingerdarmgeschwüre und für 80 Prozent der Magenschleimhautentzündungen verantwortlich ist. In den schlimmsten Fällen kann sich auch Magenkrebs entwickeln. In Deutschland erkranken jährlich etwa 20.000 Menschen an bösartigen Magentumoren, die meist zum Tode führen. Top

© 2005 GOVI-Verlag
E-Mail: redaktion@govi.de

Mehr von Avoxa