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Die Pandemie breitet sich aus

10.07.2000
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-MedizinGovi-VerlagWELTAIDSKONFERENZ

Die Pandemie breitet sich aus

dpa/PZ-Artikel

Mit der deutlichen Forderung, Medikamente und künftige Impfstoffe auch ärmeren Ländern zugänglich zu machen, hat am Sonntag die 13. Weltaidskonferenz in Durban begonnen. Rund 10.000 Teilnehmer aus aller Welt sind zu dem fünftägigen Treffen unter dem Motto "Break the Silence" (Das Schweigen brechen) nach Südafrika gereist. Themen sind eine bessere Aufklärung, Impfstoffentwicklung und der Zugang zu Therapien in armen Ländern.

Die grassierende Aids-Pandemie wird vor allem im südlichen Afrika die Lebenserwartung um bis zu 30 Jahre verringern. Vor diesem Hintergrund war die Eröffnungsrede des südafrikanischen Präsidenten Thabo Mbeki für viele Teilnehmer eine Enttäuschung. Sie hatten von ihm klare Worte zum Zusammenhang von HIV und der grassierenden Aidsepidemie in Afrika erwartet.

Die Tragödie, die sich zurzeit in vielen afrikanischen Ländern abspiele, habe nicht in erster Linie den Aidserreger zur Ursache, sagte er stattdessen. "Der größte Killer der Welt und die häufigste Ursache für Krankheit und Leiden rund um den Erdball ist extreme Armut", zitierte Mbeki einen Bericht der Weltgesundheitsorganisation WHO. Der südafrikanische Präsident war in die Kritik geraten, weil er Thesen der so genannten Aids-Dissidenten aufgegriffen hatte, wonach Rauschgifte und Aids-Medikamente die Krankheit auslösen und sie durch Mangelernährung gefördert wird.

Mehr als 5.000 Wissenschaftler bekräftigten daraufhin in einer vorab veröffentlichten "Durban-Erklärung", dass allein das HI-Virus die Immunschwächekrankheit ausbrechen lässt (siehe auch PZ 27, Seite 65). Die Experten befürchten, dass Mbekis Äußerungen unzählige Menschenleben kosten wird, weil sie sich nun nicht mehr vor einer Übertragung des HI-Virus schützen. Mbeki kündigte vor Tausenden im Stadion von Durban an, ein von ihm einberufenes Expertengremium, zu dem auch Vertreter der Dissidenten-These gehören, werde bis zum Jahresende einen gemeinsamen Report vorlegen. Dass die Verbreitung des Virus auf Versäumnisse der Regierungen zurückzuführen ist, zeigt die Situation in Uganda. Dort konnte die Ausbreitung von HIV durch effektive Aufklärung deutlich reduziert werden.

Vorausgesetzt, es gibt keine durchschlagenden Therapie- oder Präventionserfolge, werden in Botswana, Namibia, Swasiland und Simbabwe die Menschen im Jahr 2010 durchschnittlich im Alter von etwa 30 Jahren sterben. Das entspreche in etwa der dortigen Lebenserwartung zu Beginn des 20. Jahrhunderts, berichtete die US-Agentur für Internationale Entwicklung USAID am Montag auf der Konferenz in Durban.

Schon von 2003 an werde die Bevölkerung in Botswana, Simbabwe und Südafrika schrumpfen - ohne Aids würde sie jährlich um bis zu 2,3 Prozent wachsen. In diesen drei Ländern und in Namibia werden der Statistik zufolge in einem Jahrzehnt mehr Kinder an Aids sterben als an allen anderen Ursachen zusammen. Rund ein Drittel aller Babys von HIV-infizierten Müttern werden sich durch die Geburt oder Muttermilch anstecken. Schon jetzt sei in Simbabwe Aids für den Tod von 70 Prozent der Kinder verantwortlich, die vor dem fünften Geburtstag sterben, berichtet USAID.

Über die Effektivität von Vorbeugungsmaßnahmen und antiviralen Medikamenten sei genug bekannt, so Roy Anderson vom Zentrum für Epidemiologie von Infektionskrankheiten der Universität Oxford (Großbritannien). Nun sei vor allem ein starker politischer Wille erforderlich, um diese Erkenntnisse in den betroffenen Ländern umzusetzen.

"Es geht darum, einfache Dinge gut zu tun", sagte Anderson. In den westlichen Ländern gelte der Standard, dass eine Therapie mindestens 90-prozentige Wirksamkeit zeigen müsse, bevor sie zugelassen wird. "Dieses Paradigma müssen wir schnellstens ändern." Auch eine 50 bis 60-prozentige Wirksamkeit, etwa bei einem Impfstoff, helfe dabei, die galoppierende Ausbreitung der Seuche einzudämmen. Südafrikas Gesundheitsministerin Manto Tshabalala-Msimang wies die Kritik erneut zurück und verwies auf das laufende HIV/Aids- Präventionsprogramm, das vor allem auf Safer Sex setzt.

Den Druck auf Regierung und Pharmakonzerne erhöhte auch Edwin Cameron, Richter am High Court von Südafrika und selbst HIV-positiv. «Ich stehe hier nur deshalb vor Ihnen, weil ich für mein Leben bezahlen kann», sagte Cameron mit Blick auf die teure Therapie. «Es ist beschämend für unser Land, dass hier noch kein solches Programm für alle eingeführt wurde», so Cameron unter dem brandenden Applaus von fast 8.000 Zuhörern. Die Medikamente der großen Pharmafirmen seien weiterhin zu teuer, weltweite Patentregelungen erstickten eigene Produktionsversuche im Ansatz.

Das Pharmaunternehmen Merck kündigte an, zusammen mit der Bill & Melinda Gates-Stiftung und der Republik Botswana in dem besonders stark betroffenen Staat eine neue HIV-Initiative zu gründen. 50 Millionen Dollar über fünf Jahre würden bereitgestellt, um das grundlegende Gesundheitssystem in Botswana auszubauen, so ein Firmenvertreter. "Wir begrüßen diese privat-öffentliche Partnerschaft", sagte Botswanas Gesundheitsministerin Joy Phumaphi. "Wir brauchen beides: Infrastrukturelle Hilfe ebenso wie Zugang zu billigen Medikamenten."

Im Vorfeld der Konferenz hatte Boehringer Ingelheim angekündigt, das Medikament Viramune® (Nevirapin), das die HIV-Übertragung von Mutter zu Kind reduziert, Entwicklungsländern fünf Jahre lang umsonst zur Verfügung zu stellen. Bei den Gesundheitsministern des südlichen Afrikas wurde dieses Angebot Medienberichten zufolge mit Zurückhaltung aufgenommen, da die Offerte zuvor nicht mit ihnen abgesprochen worden war. Ebenso wie die Internationale Aids Gesellschaft begrüßte David Alnwick, Chef der Gesundheitssektion des weltweiten Kinderhilfswerks Unicef, das Angebot des Pharmaherstellers. Zunächst müsste die Wirksamkeit des neuen Präparats, das das bisher gängige Mittel AZT ersetzen könne, jedoch auch von Wissenschaftlern der Weltgesundheitsorganisation WHO bestätigt werden, sagte Alnwick.

Von Anfang an war Aids in Afrika nicht vorrangig das Problem der Homosexuellen. In Südafrika sind mehr als die Hälfte der insgesamt 4,2 Millionen HIV-Infizierten Frauen - in Deutschland sind es nur etwa ein Fünftel. Angesichts der galoppierenden Ausdehnung der Seuche und der wachsenden Zahl von hilfsbedürftigen Aids-Waisen ist Prävention für Frauen im südlichen Afrika damit wichtiger denn je. Den Schutz vor HIV und Aids selbst leisten, lautet dabei die Devise. Hier setzt das Projekt Frauen-Kondom an, das von WHO und UNAIDS weltweit unterstützt wird - als Ergänzung zum Männer-Kondom. Erste Zwischenergebnissen einer Studie in Südafrika zeigten, dass bis zu einem Fünftel der über 5.000 Frauen das Kondom nach einem ersten Test erneut auswählten. Es sieht aus wie ein großes Präservativ und wird ähnlich einem Diaphragma auf den Muttermund gesetzt.

Eine Studie der Universität von Kalifornien (San Francisco), die in Durban präsentiert wurde, belegte, dass die Bereitstellung von Frauen-Kondomen für Frauen im ländlichen Südafrika eine im Schutz vor Ansteckung hochwirksame und auch kosteneffektive Methode ist. Eine weitere Möglichkeit zum Schutz vor Ansteckung könnten für Frauen so genannte Mikrobizide sein, die zurzeit getestet werden.

Doch allen Mitteln zum Trotz, bleibt das Aufbrechen traditioneller Strukturen für viele Frauen, vor allem auf dem Land, sehr schwierig. Zu viele Männer wollen "das Bonbon nicht mit dem Papier essen", wie es heißt.

34 Millionen Menschen sind derzeit weltweit mit dem HI-Virus infiziert, 24 Millionen leben im südlichen Afrika. Am stärksten betroffen sind Botswana mit 36 Prozent und Simbabwe mit 25 Prozent infizierten Erwachsenen. An dritter Stelle dieser traurigen Statistik mit derzeit 20 Prozent infizierten Erwachsenen steht Südafrika. Hier wurde die Gefahr lange Zeit unterschätzt. Bis heute wird schwangeren Frauen eine ZDV-Prophylaxe verweigert. Im südlichen Afrika leben auch 85 Prozent der 13 Millionen Aids-Waisen.

In Europa sind die Infektionsraten zwar leicht rückläufig, in den USA wurde dagegen erst kürzlich ein leichter Anstieg beobachtet, berichtet Bristol-Myers Squibb aus Durban. "Die Erkrankung wird nicht mehr als tödlicher Gefahr angesehen und Safer Sex nicht mehr konsequent praktiziert", erklärte Anderson. Die zunehmende Zahl an HIV-Infizierten mit hoher Lebenserwartung stellt laut Anderson eine Gefahr dar, die nicht unterschätzt werden darf. Einen ähnlich starken Anstieg der Aids-Prävalenz wie in Afrika erwartet der Epidemiologe in Indien, wo entsprechende Präventionsmaßnahmen nicht rechtzeitig eingeleitet worden seien. China habe dagegen noch die Chance, eine Katastrophe ähnlich wie in Afrika und in Indien zu verhindern.

Verglichen mit Afrika sehe die Lage in Deutschland noch günstig aus, sagte Gesundheitsministerin Andrea Fischer auf einer Pressekonferenz in Berlin. Derzeit leben in Deutschland etwa 37.ooo infizierte Menschen, von denen 5000 an Aids erkrankt seien. Etwa 17.000 Menschen seien seit Beginn der Epidemie Anfang der 80er Jahre gestorben. Die Ansteckung erfolge im Gegensatz zu der Situation in Afrika meist über homosexuelle Kontakte, aber auch die Zahl der durch heterosexuelle Kontakte übertragenen Infektionen nehme langsam zu.

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