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Kleinwuchs als normale Spielbreite der Natur

18.06.2001
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SELBSTHILFEGRUPPEN

Kleinwuchs als normale Spielbreite der Natur

von Christiane Berg, Hamburg

Briefkästen, Lichtschalter, Telefonzellen, Klingeln, öffentliche Schalter, Verkehrsmittel und Geldautomaten: Kleinwüchsige Männer und Frauen stoßen im Alltag auf viele Hindernisse. In Deutschland sind 100.000 Menschen betroffen, die als Erwachsene 70 bis 140 cm groß werden. Man geht von mehr als 400 Ursachen aus, das Phänomen Kleinwuchs tritt in 100 Erscheinungsformen auf. Circa 8 bis 10 Prozent der Wachstumsstörungen sind mit Wachstumshormonen behandelbar.

"Im Grunde ist nicht die kleine Körpergröße das Problem der Betroffenen und ihrer Familien, sondern die Unfähigkeit der Gesellschaft mit Abweichungen von der Norm umzugehen", so Karl-Heinz Klingebiel, Geschäftsführer des "Bundesverbandes Kleinwüchsiger Menschen und ihrer Familien" -BKMF, Bremen. Die Selbsthilfegruppe wurde 1988 ins Leben gerufen und zählt heute 2800 Mitglieder, die in elf Landesverbänden organisiert sind.

Viele Sorgen, Ängste und Nöte wären überflüssig, wenn es der Umwelt gelänge, großen oder kleinen Körperwuchs als "normale Spielbreite" der Natur zu akzeptieren, sagt der Vater des heute 21-jährigen Milan, bei dem kurz nach der Geburt eine Achondroplasie als häufigste Ursache des Kleinwuchses diagnostiziert wurde.

Psychosozialer Kleinwuchs

Der Pädagoge, der gemeinsam mit seiner Frau zu den BMKF-Gründungsmitgliedern zählt, nennt als weitere Formen den familiären, den hormonellen, den intrauterinen oder den sekundären Kleinwuchs, die konstitutionelle Entwicklungsverzögerung, Skelettdysplasien, Chromosomenstörungen, das Silver-Russell und das Ulrich-Turner-Syndrom.

Als Randerscheinung hebt er den psychosozialen Kleinwuchs hervor. Wie Oskar in der "Blechtrommel" von Günter Grass, der als kleiner Junge beschloss, nicht mehr zu wachsen, gebe es Kinder, die unter erheblichen psychosozialen Belastungen zum Beispiel auf Grund massiv gestörter Familienstrukturen leiden und daher keine Reserven für das normale Heranwachsen haben.

Der psychosoziale Kleinwuchs geht mit einer Störung der Wachstumshormonsekretion einher. "Gelingt es, diese Kinder von dem psychischen Druck zu befreien, kann sich die Wachstumshormonsekretion komplett normalisieren und ein spontanes Aufholwachstum zur Folge haben", betont das 192 cm große "Familienoberhaupt". "Es ist besonders wichtig, allen kleinwüchsigen Kindern zu vermitteln, dass sie gewünscht und nicht nur angenommen sind."

Improvisationstalent und Gelassenheit

Überhaupt, so Klingebiel, der vormals im Jugendamt Bremen tätig war, sei es von großer Bedeutung, dass Eltern kleinwüchsiger Kinder deren Interessen offensiv vertreten. Gerade Kleinwüchsige werden häufig nicht ihrem Alter, sondern ihrer Körpergröße gemäß behandelt. So käme es leider auch heute noch vor, dass kleinwüchsige Schulanfänger trotz normaler Intelligenz große Schwierigkeiten bei der Einschulung zu bewältigen haben.

Schwerwiegender als der Kleinwuchs ist die Wunde in der Seele, die entstehen kann, wenn die Umwelt dem Kind vermittelt 'So wie ich bin, bin ich nicht okay', betont Klingebiel. Es bedürfe eines besonderen Maßes an Zuwendung, Improvisationstalent und Gelassenheit, um diesen Kindern das nötige Selbstbewusstsein mit auf den Weg zu geben. Seine Erfahrung zeige, dass es gelingen kann. "Mit dem sicheren Rückhalt in der Familie und einer guten Einstellung wachsen kleinwüchsige Kinder zu wahren Persönlichkeiten heran."

Ganz wichtig für die Betroffenen sei der Austausch mit anderen, der durch die Mitgliedschaft im Bundesverband kleinwüchsiger Menschen erleichtert wird. Kleinwüchsige Kinder finden Kraft und Zuversicht für Unternehmungen wie Tauchen, Tanzen, Ski- und Kanufahren in der Jugendgruppe des Verbandes. Auch Eltern, die die Konfrontation mit der Diagnose Kleinwuchs oft als Fall in ein tiefes, schwarzes Loch beschreiben, erhalten Unterstützung im Umgang mit der "kleinen Größe".

Kleinwuchsgerechtes Wohnumfeld

Der Verband hat große Erfahrung in der Vermittlung sozialer Hilfen und Informationen, die im täglichen Leben nützlich sind. So kann zum Beispiel die Bescheinigung für die kostenlose Beschaffung eines zweiten Satzes von Schulbüchern hilfreich sein, damit ein kleinwüchsiges Kind die schweren Bücher nicht jeden Tag zur Schule und nach Hause tragen muss. Hilfe finden Betroffene und ihre Familien unter anderem auch bei der Gestaltung eines kleinwuchsgerechten Wohnumfeldes mit dem Ziel, allen Bedürfnissen gerecht zu werden. Denn selbst Inhalte des Kühlschrankes sind für Kleinwüchsige oftmals nicht erreichbar, und der Backofen kann zur Gefahr werden, da beim Entnehmen der heißen Speisen in Kopfhöhe das Risiko der Verbrennung besteht.

Der BKMF, Hillmannplatz 6, 28195 Bremen, Telefon (04 21) 50 21 22 pflegt die enge Zusammenarbeit mit Ärzten zur Verbesserung der Diagnostik und Stärkung der medizinischen Betreuung. Dieses schlägt sich in zahlreichen Veröffentlichungen nieder. Oberstes Ziel des Verbandes jedoch ist die psychosoziale Stärkung kleinwüchsiger Menschen und deren gesellschaftliche Integration durch den Abbau von Vorurteilen. Dabei kann er sich auf Richard von Weizsäcker berufen, der gesagt hat: "Es gibt keine Normen für das Menschsein. Manche Menschen sind blind oder taub, andere haben Lernschwierigkeiten, eine geistige oder körperliche Behinderung - aber es gibt Menschen ohne Humor, ewige Pessimisten, unsoziale oder sogar gewalttätige Männer und Frauen. Dass Behinderung nur als Verschiedenheit aufgefasst wird, das ist das Ziel, um das es gehen muss. Es ist normal, verschieden zu sein."

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