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Reizdarm lässt sich besänftigen

08.05.2000
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-MedizinGovi-Verlag

Reizdarm lässt sich besänftigen

von Elke Wolf, Wiesbaden

Die pathophysiologischen Mechanismen des Reizdarmsyndroms zu entschlüsseln, entpuppt sich als komplexes Puzzlespiel. Es gibt eine Reihe von Patientenpopulationen, bei denen eine Vielzahl von Mechanismen die unterschiedlichsten Symptome auslösen. Der Neurotransmitter Serotonin (5-Hydroxytryptamin, 5-HT) und seine Rezeptoren scheinen dabei, eine zentrale Rolle zu spielen.

Derzeit gehen Wissenschaftler davon aus, dass eine erhöhte Darmmotilität und eine gesteigerte Wahrnehmung von Schmerzreizen im Darm zumindest zum Teil für die Beschwerden verantwortlich zeichnen. Die viszerale Hypersensitivität erklärt sich aus Dehnungsstudien des Dickdarms, die zeigten, dass Reizdarmpatienten im Vergleich zu gesunden Menschen eine deutlich erniedrigte Reizschwelle haben, was abdominelle Dehnungsreize betrifft. Bei der Dehnung eines Ballons im Kolon nahmen Reizdarmpatienten Volumina bereits als unangenehm wahr, die bei Gesunden noch keinerlei Reize auslösten.

Eine erhöhte postprandiale Serotoninfreisetzung könnte dabei als ein Mechanismus unter vielen von Bedeutung sein, informierte Professor Dr. Gerald Holtmann, Universitätsklinikum Essen, auf einer Veranstaltung von Glaxo Wellcome beim Internistenkongress in Wiesbaden. "Nach einer standardisierten Mahlzeit sind die Serotoninspiegel bei Patienten mit Reizdarmsyndrom signifikant höher als bei Gesunden."

95 Prozent des im Körper vorhandenen Serotonins finden sich im Gastrointestinaltrakt. Den überwiegenden Teil halten die enterochromaffinen Zellen, die in der Darmmukosa lokalisiert sind. Durch chemische Stimuli oder Dehnungsreize geben sie Serotonin ab. Besonders 5-HT3-Rezeptoren konnten Wissenschaftler an einer Reihe von Neuronen in der Darmwand nachweisen. Ein Teil der Neurone liegen innerhalb der Darmwand und vermitteln intrinsische, also auf den Darm beschränkte unbewusste Reflexe, die die gatrointestinale Motilität und Sekretion steuern. Andere extrinsische Neurone bilden Projektionen zum Zentralen Nervensystem, wo sie die bewusste Wahrnehmung von Dehnungsreizen und abdominellem Schmerz vermitteln.

Bei Patienten mit Reizdarmsymptomatik wird nach der Hypothese der Wissenschaftler entweder vermehrt Serotonin freigesetzt, oder eine patholgisch erhöhte Empfindlichkeit gegenüber normalen Serotoninspiegeln führt zu einer Überstimulation der 5-HT3-Rezeptoren. So schießt die Wahrnehmung abdomineller Schmerzreize in die Höhe, die Darmmukosa sezerniert vermehrt Schleim, und der Darm wird zu mehr Bewegung angetrieben.

Im Umkehrschluss bedeutet das, dass die Hemmung von Serotonin Reizdarm-Betroffenen Linderung verschaffen könnte. Alosetron, ein 5-HT3-Rezeptorantagonist, hat auch in einer placebokontrollierten Studie mit 647 Patientinnen seine Wirksamkeit bewiesen. Die Teilnehmerinnen der Verumgruppe (2 mal täglich 1 mg Alosetron), die hauptsächlich unter Schmerzen und Diarrhoe litten, verspürten bereits in der ersten Behandlungswoche eine Linderung ihrer Schmerzen. Ab der zweiten Therapiewoche waren die Ergebnisse signifikant. Auch Stuhlgang, Stuhlkonsistenz und -frequenz besserten sich signifikant. Die positiven Effekte hielten während der dreimonatigen Behandlungsdauer an. Wurde Alosetron abgesetzt, kehrten die Symptome auf das Ausgangsniveau zurück.

Alosetron (Lotronex™) ist der erste Arzneistoff, der speziell für die Therapie des Reizdarmsyndroms entwickelt wurde. Seit einigen Wochen ist er in den USA für Patientinnen mit Reizdarmsyndrom auf dem Markt. Die Zulassung für Europa erwartet das Herstellerunternehmen für Anfang 2001.

Reizdarm in Zahlen

Die Prävalenz wird mit 9 bis 25 Prozent angegeben. Frauen sind zwei- bis dreimal häufiger betroffen als Männer. Rund 25 Prozent der Patienten verlieren während fünf Jahren ihre Beschwerden. Der größte Teil der Personen mit Reizdarmsymptomen benötigt keine ärztliche Hilfe. Nur etwa ein Viertel der Betroffenen sucht einen Arzt auf. Die Störung ist die von Gastroenterologen in den USA am häufigsten diagnostizierte Magen-Darm-Krankheit.

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