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Lipidrichtwerte hängen von den Genen ab

07.04.1997  00:00 Uhr

-Medizin

  Govi-Verlag

Lipidrichtwerte hängen von den Genen ab

  Es gilt als erwiesen, daß zu hohe Cholesterolwerte ein Risiko für die Entwicklung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen darstellen. Was aber ist zu hoch? Die Wissenschaft hat sich von einem festen Schwellenwert verabschiedet, von Patient zu Patient gelten nun je nach individuellem Risikoprofil andere Richtwerte. Auch genetisch bedingte Störungen fließen in eine Risikoabschätzung mit ein. Die Suche nach diesen Genveränderungen bahnt sich langsam ihren Weg in die ärztliche Praxis.

230 mg/dl Gesamtcholesterol können für den einen Menschen noch normal, für den anderen schon behandlungsbedürftig sein, erklärte Dr. Herbert Schuster, Oberarzt am Max-Delbrück-Zentrum in Berlin-Buch. Gesunde Patienten sollten mit ihren LDL-Cholesterol-Werten unter 160 mg/dl bleiben, Hypertoniker, Raucher, Diabetiker oder Patienten mit familiärer Vorbelastung sollten dagegen Werte zwischen 115 und 135 mg/dl erreichen. Für Patienten, die herz-kreislauf-krank sind, gelten sogar Zielwerte unter100 mg/dl LDL-Cholesterol.

Diabetes oder Hypertonie können relativ leicht diagnostiziert werden, nach defekten Genen wurde bisher nicht konsequent gesucht. Am Max-Delbrück-Zentrum wurde daher eine Abteilung eingerichtet, die Patienten mit erhöhten Lipidwerten einer gezielten Familienanamnese und molekulargenetischen Tests unterzieht. In Kooperation mit dem Patienten, seinen Verwandten und den jeweiligen Hausärzten werden Lipidwerte, Bypassoperationen oder frühere Herzinfarkte ermittelt und verschlüsselt am Computer in einen Stammbaum gegeben.

DNA-Analyse hilft bei Diagnose

Eine DNA-Analyse klärt noch verbleibende Zweifel. Sie erleichtert zudem Differentialdiagnose und -therapie, da sie Auskunft darüber gibt, an welcher Stelle im Fettstoffwechsel die Störung vorliegt. Wird beispielsweise ein LDL-Rezeptordefekt diagnostiziert, ist eine cholesterolarme Diät nutzlos. Sind an der Ausbildung der Hyperlipidämie mehrere Gene beteiligt, sprechen die Patienten gut auf fettarme Kost an.

Inzwischen sind ungefähr 15 Gene bekannt, deren Mutationen erhöhte Cholesterol- oder Triglyceridspiegel auslösen können. Diese defekten Gene werden mit einer Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent vererbt, und da sie meistens dominant sind, erkrankt in den betroffenen Familien ungefähr die Hälfte der Familienmitglieder. Im Alter von 40 Jahren leiden 18 Prozent der Angehörigen einer betroffenen Familie an koronarer Herzkrankheit, in nicht belasteten Familien liegt der Anteil dagegen bei zwei Prozent. Bei den 50jährigen beträgt das Verhältnis 30 zu 5 und bei den 60jährigen 12 zu 52 Prozent.

Ist ein Gentest positiv, gehört der Patient mit Sicherheit zur Risikogruppe und muß entsprechend behandelt werden. Umgekehrt schließen allerdings negative Ergebnisse eine Erkrankung nicht hundertprozentig aus: Allein für das LDL-Rezeptor-Gen sind weltweit ungefähr 250 Mutationen bekannt, sie treten jedoch in den einzelnen Regionen der Erde unterschiedlich gehäuft auf. In Deutschland werden daher im Durchschnitt nur 20 Mutationen untersucht. Der Träger einer hier seltenen DNA-Veränderung schlüpft damit durch die Maschen.

PZ-Artikel von Stephanie Czajka, Berlin        

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