Pharmazeutische Zeitung online

Tabakreinheitsgebot gefordert

04.04.2005  00:00 Uhr
Rauchen

Tabakreinheitsgebot gefordert

von Karen Aust, Berlin

Seit Jahren weiß die Tabakindustrie um die Gesundheitsschäden von Zigaretten. Um das Abhängigkeitspotenzial ihrer Produkte zu steigern und um neue Verbrauchergruppen gewinnen zu können, erhöht sie laut DKFZ jedoch wissentlich die Schädlichkeit ihrer Produkte.

Mit den jüngsten Publikationen des deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) gelangen erstmals Dokumente an die deutsche Öffentlichkeit, die belegen, wie gezielt die Tabakindustrie bereits seit Jahrzehnten ihre Produkte manipuliert, Manipulationen leugnet und die Gesundheitsgefahren trotz besseren Wissens verharmlost. Nach den Worten von Dr. Martina Pötschke-Langer vom DKFZ Heidelberg verfolgen die Zigarettenhersteller den Zweck, die Abhängigkeit der Verbraucher von ihren Produkten möglichst schnell mit nur wenigen Zigaretten zu erreichen und deren Sucht dauerhaft aufrechtzuerhalten.

Durch Zusatzstoffe, die mehr als 10 Prozent des Gesamtgewichts einer Zigarette ausmachen können, werde versucht, die schmerzhafte Inhalation des normalerweise herben Tabaks abzumildern, sagte die Medizinerin auf einer Pressekonferenz in Berlin. Damit möchte die Tabakindustrie zum einen den Erwachsenenmarkt stabilisieren, zum anderen solle das Rauchen für Kinder und Jugendliche attraktiver werden, um markentreue langjährige Konsumenten binden zu können.

So wird etwa Menthol, das bereits in geringen Mengen bei der Inhalation anästhesierend wirkt, nicht nur ausgewiesenen Mentholzigaretten zugesetzt. Die tiefere und länger anhaltende Inhalation ermöglicht dann eine vermehrte Rauch- und Nikotinaufnahme. Kakaozusätze erzeugen zusammen mit Zucker einen milderen Tabakgeschmack. Durch Theobromin weiten sich Bronchien und Blutgefäße, auch hier mit der Folge einer verbesserten Nikotinaufnahme. Zusätze wie Ammoniak, Harnstoff und Ammoniumverbindungen in Filter und Tabakmischung erhöhen den Anteil des besser bioverfügbaren freien Nikotins im Rauch. Da die standardisierten ISO-Messmethoden nur das Gesamtnikotin bestimmen, wird der Verbraucher mit den auf jeder Zigarette ausgewiesenen ISO-Werten laut Pötschke-Langer über die eigentliche Höhe des aufgenommenen Nikotins getäuscht. Die Präparation des Zigarettenpapiers mit Natriumcarbonat, -citrat oder -acetat für einen langsameren Schwelprozess und die Perforation von Zigarettenfiltern seien ebenfalls gängige Methoden, um die Nikotinaufnahme zu erhöhen.

Zusatzstoffe, die in der Lebensmittelindustrie zum Einsatz kommen, dürfen ohne Einschränkungen auch zur Herstellung von Tabakerzeugnissen verwendet werden. »Dabei unterliegen dieselben Zusatzstoffe im Rauchtabak den hohen Temperaturen der Glutzone von 600 bis 900 Grad Celsius«, gibt Professor Dr. Heinz-Walter Thielmann zu bedenken. Bei der Verbrennung von Zucker in der Zigarette entsteht laut dem DKFZ-Experten krebserzeugendes Acetaldehyd, Glycerol liefert stark kanzerogene Epoxide und durch Wachs- und Fettzusätze steigt der Anteil polycyclischer Kohlenwasserstoffe an. Bisher wurden im Tabakrauch 4000 verschiedene Substanzen nachgewiesen, unter ihnen zahlreiche giftige und mehr als 40 krebserzeugende Stoffe.

Die schwerwiegenden Folgen des Zigarettenkonsums, selbst des Passivrauchens, sind seit langem en détail bekannt. Das gesundheitspolitische Ziel, den Raucher zur Aufgabe seines Lasters zu bewegen, konnte trotz Aufklärung und zahlreicher Appelle noch nicht erreicht werden. Aus diesem Grund und zum Schutz von Kindern und Jugendlichen fordert das DKFZ ein Tabakreinheitsgebot. Top

© 2005 GOVI-Verlag
E-Mail: redaktion@govi.de

Mehr von Avoxa