Pharmazeutische Zeitung online

Der Odenwald ist FSME-Risikogebiet

27.03.2000
Datenschutz bei der PZ

-MedizinGovi-Verlag

Der Odenwald ist FSME-Risikogebiet

von Christina Thulke, Frankfurt am Main

Der Odenwald ist von den zuständigen Behörden zum Risikogebiet für die Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) erklärt worden. Personen, die in diese Region einreisen, in ihm leben und ein Zeckenbiss-Risiko haben, sollten sich einer aktiven Immunisierung unterziehen, empfahlen Vertreter der örtlichen Gesundheitsbehörden, des Hessischen Sozialministeriums und des Bundesinstituts für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin (BgVV) auf einer Pressekonferenz in Frankfurt am Main.

Von 1991 bis 1999 sind im Odenwald insgesamt 76 Menschen an FSME erkrankt. "42 Erkrankungen erwiesen sich als autochthon, also sicher im Odenwald erworben", so Dr. Jochen Süss vom BgVV. Im Mai 1999 wurden daraufhin 1000 Zecken in den betroffenen Gebieten des Odenwaldes gesammelt und mit molekularbiologischen Methoden auf ihre Virusdurchseuchung getestet. 0,42 Prozent der untersuchten Zecken waren mit FSME-Viren infiziert. Zum Vergleich: Im klassischen Zecken-Endemie-Gebiet Schwarzwald wurden in den Jahren von 1997 bis 1999 Werte von 0,2 bis 3,4 Prozent ermittelt.

Die zuständigen Behörden empfehlen dann eine FSME-Impfung, wenn in einer Region in mehreren aufeinander folgenden Jahren mindestens zwei Personen pro Jahr erkranken. Die Empfehlung wird nur dann ausgesprochen, wenn das Risiko für eine Erkrankung höher zu bewerten ist als das Risiko einer Impfung. Gefährdet sind nicht immune Personen, die Gebiete mit infektiösen Zecken betreten, besonders Jäger, Forstarbeiter, Wanderer, Pilzsammler und Spaziergänger, auch wenn sie sich nur kurz im Wald aufhalten. "Die meisten Menschen scheinen sich in ihrer Freizeit mit den Viren zu infizieren, da ein Großteil der beruflich exponierten Personen in Deutschland gegen FSME geimpft sind", sagte Dr. Gerhard Dobler von der Bayerischen Gesellschaft für Immun-, Tropenmedizin und Impfwesen.

In Hessen gibt es bislang keine weiteren Risikogebiete. Vereinzelt sind jedoch Erkrankungen in der Umgebung von Marburg aufgetreten. Dies deute darauf hin, dass sich das Endemiegebiet von Südosten nach Mittelhessen ausbreitet, sagte Dr. Felix Rosenow von der Phillipps-Universität Marburg. In Deutschland sind bisher hauptsächlich Baden-Württemberg und Bayern betroffen.

Die Frühsommer-Meningoenzephalitis ist eine durch Zecken übertragene Arbovirose. Erreger ist ein Flavivirus, das mit einem westlichen und einem östlichen Subtyp auftritt. Da Zecken vor allem bei Temperaturen über zehn Grad Celsius und hoher Luftfeuchtigkeit aktiv sind, häufen sich die Erkrankungen in Frühsommer und -herbst. Meistens verläuft die FSME in zwei Schüben: Nach 5- bis 14-tägiger Inkubationszeit treten Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen auf. In 10 bis 50 Prozent der Fälle kommt es nach einem beschwerdefreien Intervall von zwei bis fünf Tagen zu einem erneuten Temperaturanstieg bis zu 40 Grad Celsius und zu Symptomen einer Meningitis, Meningoenzephalitis oder Meningoenzephalomyelitis. Sind Gehirn und Rückenmark betroffen, ist die Wahrscheinlichkeit für zurückbleibende Schäden groß. Bleibende Symptome sind zum Beispiel Bewusstseinstrübungen, Ataxien und Paresen. 0,7 bis 2 Prozent der Erkrankten, die sich mit dem westlichen Subvirus infiziert haben, sterben an der Infektion. Etwa jede 100. Zecke trägt in Deutschland das FSME-Virus.

Bisher gibt es keine ursächliche Therapie der Erkrankung, die bisher einzige Möglichkeit der Prophylaxe ist die FSME-Impfung als Schnellimmunisierung mit drei Impfungen innerhalb von 21 Tagen oder nach dem Langzeitschema, mit drei Impfung über einen Zeitraum von zwölf Monaten. Eine Immunglobulinprophylaxe nach einem Zeckenstich schützt deutlich weniger effizient als die aktive Immunisierung. Laut STIKO liegt die Schutzrate bei 60 Prozent. Eine passive Immunisierung kommt für Kinder unter 14 Jahren und bei den Personen nicht in Frage, bei denen die Infektion schon länger als 96 Stunden zurückliegen könnte. In diesen Fällen kam es teilweise zu schweren Verläufen einer FSME, die in zeitlichem Zusammenhang mit der passiven Immunisierung standen. Die Zulassung der Immunglobulinpräparate zur postexpositionellen Prophylaxe bei Kindern und Jugendlichen bis zu einem Alter von 14 Jahren ruht daher vorläufig.

Top

© 2000 GOVI-Verlag
E-Mail: redaktion@govi.de

Mehr von Avoxa