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Medizin

18.03.2002  00:00 Uhr
LYME-BORRELIOSE

Ein Chamäleon unter den Infektionskrankheiten

von Christiane Berg, Hamburg 

"Fehlinformationen und Informationsdefizite" von Ärzten bei der Diagnose der Lyme-Borreliose beklagten Spezialisten und Patienten Mitte März auf einer Veranstaltung der Bayer Vital GmbH. Die durch Zecken der Gattung Ixodes (in hiesigen Breitengraden Ixodes ricinus) übertragene bakterielle Infektionskrankheit werde häufig als Rheuma oder Fibromyalgie fehldiagnostiziert und somit unzureichend therapiert.

Dabei lässt sich die von Bakterien verursachte Lyme-Borreliose kausal mit Antibiotika wie Amoxicillin oder Doxycyclin behandeln; die Prognose ist umso günstiger, je früher die Antibiose einsetzt. Die Diagnose der Lyme-Borreliose basiert neben einer genauen Anamnese auf dem spezifischen Antikörpernachweis, der die Zusammenarbeit mit erfahrenen Laboratorien erforderlich machen kann, betonte Professor Dr. Helmut Eiffert, Göttingen.

Typisch ist die Wanderröte

Der Bakteriologe sprach von "chamäleonartigen Manifestationen" der tückischen Erkrankung. Leitsymptom im Frühstadium sei neben unspezifischen Allgemeinsymptomen wie Kopf- und Gliederschmerzen oder Fieber das als "Wanderröte" bezeichnete Erythema migrans, ein meist von der Bissstelle zentrifugal fortschreitendes Erythem. Es tritt bei 80 Prozent der Infizierten auf und sollte unbedingt ernst genommen werden.

Werden die Patienten nicht rechtzeitig oder ausreichend antibiotisch behandelt, könne sich noch nach Jahren an Armen und Beinen, Händen und Füßen eine chronisch-atrophische Akrodermatitis ("Bratapfelhaut") entwickeln. Darüber hinaus kann es zu schweren, auch wandernden Gelenkbeschwerden mit Schwellungen zum Beispiel der Ellenbogen und der Knie, zu Herzrhytmusstörungen, aber auch Fazialisparesen mit Lähmungen der mimischen Gesichtsmuskulatur oder unvollständigem Lidschluss kommen, so Eiffert. Als Spätmanifestationen nannte er darüber hinaus periphere Neuropathie, Enzephalopathie, Meningoenzephalitis und Enzephalomyelitis.

Repellents schützen

Zu Verwechslungen und Missverständnissen käme es gelegentlich im Zusammenhang mit der Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME), einer viralen Infektionskrankheit, die ebenfalls von Zecken übertragen wird. Mit circa 250 klinischen Manifestationen pro Jahr träte diese allerdings sehr viel seltener auf als die Lyme-Borreliose mit jährlich etwa 60.000 Neuinfektionen. Auch sei die FSME auf gut umschriebene Regionen vornehmlich in Süddeutschland beschränkt.

Die effektivste Prophylaxe der Lyme-Borreliose besteht in der Anwendung zeckenabweisender Repellentien sowie gegebenenfalls im Absuchen der Haut und sofortiger Entfernung der Parasiten, so Eiffert. Die prophylaktische Gabe von Antibiotika nach Zeckenstich sei nicht indiziert, da nur jede dritte Zecke mit dem Erreger Borrelia burgdorferi infiziert und die Antibiose mit zum Teil erheblichen Nebenwirkungen behaftet sei.

Die erste Epidemie der Lyme-Borreliose wurde Anfang der siebziger Jahre in Old-Lyme, einer kleinen Ortschaft in Connecticut an der Nordostküse der USA beobachtet - daher ihr Name. Damals erkrankten 51 Bewohner, überwiegend Kinder, an einer atypischen Form der Arthritis. Mit Borrelien infizierte Zecken gibt es inzwischen überall, ihr Auftreten ist nicht regional begrenzt. Saison für die Blutsauger ist in Deutschland von März bis Oktober. Der Nachweis neuer Reservoirtiere, die früher nicht als solche bekannt waren, erklärt das Vorkommen infektiöser Zecken auch in innerstädtischen Bereichen, erläuterte Professor Dr. Franz-Rainer Matuschka, Berlin. Gefährdet seien Jogger, Spaziergänger und Hundehalter selbst in den "grünen Lungen" der Ballungszentren. Der Parasitologe beklagte, dass trotz der weiten Verbreitung und zahlreicher Neuinfektionen auch in den gemäßigten Zonen Europas die Lyme-Borreliose häufig unerkannt bleibt.. Top

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