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Das flüssige giftige Silber

07.03.2005
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Quecksilber

Das flüssige giftige Silber

von Fritz Schweinsberg, Reutlingen

Quecksilber zählt nicht zu den essenziellen Spurenelementen. Dennoch kommt der Mensch häufig mit dem einzigen bei Raumtemperatur flüssigen Metall in Kontakt ­ sei es über Amalgamfüllungen oder den Genuss von Fisch.

Quecksilber (Hg) ist ein silberweißes Metall mit hoher Oberflächenspannung, das eine ausgeprägte Neigung hat, mit anderen Metallen Legierungen, Amalgame, zu bilden. Neben der metallischen Form kommt anorganisches Hg zum Beispiel als Sublimat, HgCl2, vor. Daneben gibt es zahlreiche organische Hg-Verbindungen, die sich fast ausschließlich von Hg2+ ableiten, die wichtigste von ihnen ist Methyl-Hg.

Beim Einatmen von Quecksilberdampf wird das giftige Metall gut resorbiert und im Organismus verteilt, wobei es sowohl die Blut-Hirn- als auch die Plazentaschranke passieren kann. Nach enzymatischer Oxidation zu Hg2+ wirkt es über Reaktionen mit Thiolstrukturen vor allem neuro-, nephro- und reproduktionstoxisch und ist ein starker Enzyminhibitor. In erster Linie bei beruflicher Exposition mit Hg-Dampf traten auch chronische Erkrankungen auf, wobei Tremor, Reizbarkeit und Schlaflosigkeit die dominierenden Symptome sind.

Organisch gebundenes Hg, hauptsächlich in Form von Methyl-Hg, wird inhalativ, aber auch oral gut resorbiert und überwindet ebenfalls die Blut-Hirn- und Plazentaschranke. Es wirkt vor allem neuro- und reproduktionstoxisch. Zu Vergiftungen ist es bislang vor allem gekommen, nachdem die Betroffenen stark kontaminierten Fisch gegessen (Minamata-Krankheit) oder irrtümlich mit Hg-Verbindungen gebeiztes Saatgut zur Herstellung von Brot verwendet hatten (Irak).

Chronische Intoxikationen mit Quecksilber und seinen Verbindungen sind heute in den Industrienationen allerdings selten. Das gilt nicht für eine Reihe von Ländern der Dritten Welt, in denen immer noch große Mengen von metallischem Hg zur Goldgewinnung eingesetzt werden.

Mit Quecksilber in Berührung

Vor allem wegen seiner hohen Toxizität wird Quecksilber in den letzten Jahrzehnten immer weniger verwendet. Zudem konnten verschiedene Maßnahmen zur Arbeitssicherheit wie in der Chloralkalielektrolyse die Emissionen von Hg-Dampf am Arbeitsplatz senken. Fieberthermometer mit dem giftigen Metall sowie wässerige Hg-Sublimatlösungen als Desinfektionsmittel sind in Deutschland mittlerweile selten. Nur noch wenige Hg-haltige Arzneimittel, wie Merbromin oder Quecksilber(II)oxidcyanid, werden gelegentlich zur Wundbehandlung und Wunddesinfektion sowie zur Gerätedesinfektion eingesetzt. Thiomersal kann als Konservierungsmittel in Impfstoffen und Augentropfen dienen und auch homöopathische Präparate können Hg-haltig sein.

In Osteuropa, Asien sowie Mittel- und Südamerika ist Quecksilber jedoch noch häufiger in Rezepturen zu finden. So weisen einige Einwanderer aus diesen Ländern eine hohe Hg-Belastung auf, da sie etwa kosmetische Rezepturen zur Hautaufhellung (»graue Salbe«) oder Quecksilber für religiöse Zwecke (»herbal balls«) verwendet haben. Darüber hinaus wird immer wieder über akzidentelle Expositionen mit metallischem Hg aus Altlasten vor allem bei Kindern berichtet.

In erster Linie rufen hier zu Lande aber das Legen, Tragen und Entfernen von Amalgamfüllungen in der Zahnheilkunde oder ein hoher Fischkonsum umweltmedizinisch relevante Hg-Belastungen hervor. Denn je nach Herkunft, Spezies (Raubfische) und Alter können Fische in unterschiedlichem Ausmaß mit Methyl-Hg kontaminiert sein. Der letzte Umwelt-Survey von 1998 ergab, dass die durchschnittliche Hg-Belastung durch Amalgamfüllungen und Fischkonsum im gleichen Bereich liegt.

Belastung feststellen

Mit dem Human-Biomonitoring stehen valide spurenanalytische Methoden zur Verfügung, um eine Belastung mit Hg quantitativ zu erfassen. Sowohl anorganisches Quecksilber, etwa aus Amalgamfüllungen nach inhalativer Resorption von Hg-Dampf, als auch organisches Quecksilber nach oraler Aufnahme von Methyl-Hg aus kontaminiertem Fisch können so im Blut bestimmt werden. Mit einer solchen Blutuntersuchung wird die aktuelle Belastung mit Gesamt-Hg erfasst. Im Urin kann selektiv eine Belastung mit anorganischem Quecksilber analysiert werden, sofern zuvor nicht Chelatbildner wie DMPS zu dessen Mobilisation eingenommen wurden und das Ergebnis verfälschen. Die Untersuchung von Haaren kann dagegen organisches Hg anzeigen. Die auch von Apotheken angebotene Haarmineralanalyse zur Feststellung der individuellen Versorgung mit Spurenelementen und Mineralstoffen ist hier jedoch ungeeignet, da für sie weder validierte Analyseverfahren existieren, noch eine externe Qualitätskontrolle angeboten wird. Auch Speichel ist kein empfehlenswertes Untersuchungsmaterial, um eine Hg-Belastung durch Amalgamfüllungen zu bestimmen. Denn hier wird jenes anorganische Quecksilber gemessen, das zwar verschluckt, aber nahezu nicht resorbiert wird (Kasten).

 

Rat bei akuter Vergiftung Das Verschlucken des Metalls ruft keine Vergiftungserscheinungen hervor, da der Organismus es nur zu etwa 0,01 Prozent aus dem Darm resorbieren kann. Quecksilberdämpfe und alle löslichen Quecksilberverbindungen zählen jedoch zu den stärksten anorganischen Giften. Über die Lunge werden rund 80 Prozent des Hg-Dampfs resorbiert, die organischen Hg-Verbindungen Methyl- und Dimethyl-Hg werden sogar oral zu über 90 Prozent aufgenommen.

Bei einer akuten Vergiftung mit Sublimat oder Quecksilbercyanid leiden die Betroffenen vor allem unter starken Verätzungen der Schleimhäute, das heißt einer Gastroenteritis, Erbrechen, heftigem Brennen im Rachen. Zudem kommt es zur Nierenschädigung mit Oligurie oder Anurie. Für eine schnelle Hilfe eignet sich Milch, zudem sollte versucht werden, mit 40 bis 60 g Aktivkohle oder einer Magenspülung die Resorption zu verhindern.

Aufgenommene anorganische, nicht jedoch organische Hg-Verbindungen können mit der Injektion der Chelatbildner DMPS oder DMSA entgiftet werden, solange die Nierenausscheidung noch wenig gestört ist.

 

Zur Beurteilung einer Belastung hat die Kommission »Human-Biomonitoring« (HBM) des Umweltbundesamtes Referenzwerte abgeleitet, die als das 95. Perzentil einer repräsentativen Stichprobe der deutschen Allgemeinbevölkerung definiert sind. Sie erlauben jedoch keine gesundheitliche Bewertung. Der Referenzwert für Kinder und Erwachsene ohne Amalgamfüllungen liegt bei 1,4 µg/l Urin und für Erwachsene (Kinder) mit einem Fischkonsum bis zu dreimal im Monat bei 2,0 µg/l (1,5 µg/l) Blut. Der HBM-II-Wert, bei dessen Überschreitung definitionsgemäß eine gesundheitliche Beeinträchtigung möglich ist, liegt bei Kindern und Erwachsenen im Urin bei 25 µg/l und im Blut bei 15 µg/l. Dabei unterschreiten Amalgamträger den HBM-II-Wert für Quecksilber im Urin in der Regel um den Faktor 10. Häufiger Konsum von mit Methyl-Hg kontaminiertem Fisch kann hingegen zu einer Überschreitung des HBM-II-Wertes im Blut führen.

In tierexperimentellen und epidemiologischen Studien haben Wissenschaftler adverse Effekte untersucht, die durch langzeitige niedrige Hg-Exposition entstehen können. Dabei wiesen sie bei einer kleinen Gruppe von Amalgamträgern unter anderem eine Typ-IV-Immunreaktion sowie orale lichenoide Reaktionen nach. Die klassischen Symptome einer chronischen Hg-Exposition konnten sie dagegen nicht beobachten. Überdies gibt es für die Auslösung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder neurodegenerativen Erkrankungen wie Alzheimer oder Multipler Sklerose keine eindeutigen Belege. Die Entfernung von Amalgamfüllungen ist bei Erkrankten daher nicht indiziert.

In der neueren Literatur sind zudem Untersuchungen zu finden, die sich mit der Hg-Exposition nach Fischkonsum während der Schwangerschaft beschäftigen (Faröer- und Seychellen-Studie). Dabei fanden die Autoren heraus, dass der sich entwickelnde Fötus circa zehnmal empfindlicher reagiert als die Mutter. Einen aus früheren Untersuchungen postulierten Schwellenwert konnten sie dabei nicht erkennen.

Tipps zur Sicherheit

Ob der Wohnbereich etwa nach dem Bruch eines Fieberthermometers mit metallischem Quecksilber kontaminiert ist, kann mit der Untersuchung einer Staub- oder Luftprobe überprüft werden. Sichtbare Hg-Kügelchen sollte man in ein gut verschließbares Plastikgefäß überführen und die kontaminierte Fläche mit einem Granulat (Mercurisorb® oder Hydrargex®) oder mit Schwefelpulver behandeln. In keinem Fall sollte das Quecksilber jedoch mit einem Staubsauger aufgesaugt werden, da dies die Bildung der toxischen Dämpfe schürt.

Die Hg-Belastung durch Amalgamfüllungen können Zahnärzte erheblich senken, wenn sie die erhärtete Füllung wie vorgeschrieben polieren. Mit der Entwicklung alternativer Füllmaterialien, aber auch dem durch die Kariesprophylaxe verbesserten Zahnstatus sind Amalgamfüllungen jedoch deutlich seltener geworden.

Zwar können Fische, vor allem alte Raubfische, mit Methyl-Hg kontaminiert sein; den Fischkonsum deshalb einzuschränken, ist jedoch nicht generell zu empfehlen. Schließlich liefern Fische auch essenzielle Fettsäuren, Jod und Selen. Bei Bedenken, etwa während der Schwangerschaft, kann der Quecksilberspiegel im Blut bestimmt werden. Eine Ausleitung von Quecksilber ist nur angezeigt, wenn hohe und dauerhafte Belastungen bestehen und die Hg-Konzentrationen in Blut und/oder Urin über dem HBM-II-Wert liegen. Top

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