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Medizin

03.03.1997  00:00 Uhr

-Medizin

Govi-Verlag

Strategien bei spastischen Störungen

Leidet ein Patient unter spastischen Bewegungsstörungen, ist der Muskeltonus erhöht. Eine Behandlung mit Antispastika kann aber problematisch sein, da oft gleichzeitig andere Muskelgruppen erschlafft sind. Wann medikamentöse Therapie und wann Krankengymnastik sinnvoll sind, war Gegenstand eines Pressegesprächs, das von der Firma Sanofi Winthrop in Berlin initiiert wurde.

Sind beim passiven Bewegen oder Dehnen eines Muskels ein Widerstand oder eine Steifigkeit zu spüren, dann ist das ein charakteristisches Zeichen für eine Spastik. Ursachen der motorischen Störungen, so erklärte Professor Dr. Reiner Benecke von der Klinik für Neurologie in Rostock, sind Schädigungen im zentralen Nervensystem.

Das Spektrum der Bewegungsstörungen reicht von leichten Einschränkungen bestimmter Bewegungsabläufe bis hin zu völliger Bettlägerigkeit. Es sei daher außerordentlich wichtig, für jeden Patienten individuelle Behandlungsziele zu formulieren, betonten Dr. Margit Cordero-d'A, niedergelassene Neurologin und Psychologin aus Melle, und Professor Dr. Karl-Heinz Mauritz, Direktor der Rehabilitationsklinik für Neurologie und Orthopädie der Freien Universität Berlin.

Entscheidend für die richtige Therapie ist die Frage, inwieweit neben den Spastiken auch schlaffe Lähmungen (Paresen) festzustellen sind. Professor Dr. Michael Schwarz von der Neurologischen Klinik der Technischen Hochschule in Aachen erläuterte: Paresen seien eine Domäne der Krankengymnastik, wohingegen die Plussymptomatik, also die spastische Tonuserhöhung, auch mit Medikamenten behandelt werden könne. Die Übergänge sind fließend, und das Ausmaß der jeweiligen Therapieform muß von Fall zu Fall entschieden werden. Würden beispielsweise die Spastiken eines stark paretischen Patienten mit Medikamenten behandelt, fehlte ihm möglicherweise der nötige Resttonus, um sich auf den Beinen zu halten. Bei sehr schweren Spasmen kann es aber nötig sein, trotz starker Paresen zunächst Medikamente einzusetzen, um der krankengymnastischen Betreuung den Weg zu ebnen.

Ist eine medikamentöse Therapie indiziert, seien immer Tizanidin und Baclofen Mittel der ersten Wahl, erklärte Benecke. Wirkstoffe der zweiten Wahl bei leichten bis mittelschweren Spastiken sind Tetrazepam, Tolperison, Memantine und Dantrolen. Bei schweren Spastiken werden Baclofen oder Tizanidin bis zur Höchstdosis gegeben. Etabliert ist auch die Dauerapplikation von Baclofen über implantierte Pumpsysteme direkt in den Rückenmarkskanal. Botulinustoxin vom Typ A wird bei schweren Spastiken direkt in den Muskel injiziert. Diese Anwendung ist dann sinnvoll, wenn die gezielte Relaxation einzelner Muskeln erwünscht ist.

Die Medikamente müssen in jedem Fall einschleichend, langsam und individuell dosiert werden. Benecke empfahl, die Dosis alle vier Tage zu steigern. Die Tagesdosis von Tizanidin liegt zwischen 12 und 36 mg, Baclofen wird zwischen 15 und 100 mg eingesetzt. Die wichtigsten Nebenwirkungen sind Mundtrockenheit, Sedierung, gastrointestinale Beschwerden und möglicherweise Halluzinationen. Bei Tizanidin ist eine mögliche Blutdrucksenkung zu beachten. Standard ist die Monotherapie. Doch sei jedes Medikament mit jedem kombinierbar, so Schwarz. Er vermutet eine additive Wirkung, da die Wirkung der Antispastika an verschiedenen Transmittersystemen und Membraneigenschaften der Nervenzellen ansetzt.

PZ-Artikel von Stephanie Czajka, Berlin

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