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Durchblick im Diäten-Dschungel

07.02.2000
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-MedizinGovi-Verlag

Durchblick im Diäten-Dschungel

von Annette Immel-Sehr, Bonn

Diäten unterliegen der Mode wie Schuhe, Hemden oder Hosen. Es gibt hochwertige, teure, exotische, ansprechende und originelle Ausführungen. Viele Kunden erwarten gerade in der Apotheke eine fundierte Beratung, wenn Hochglanzmagazine einmal wieder eine revolutionäre Methode zur Gewichtsreduktion anpreisen.

Kürzlich erschien zum Beispiel die Blutgruppen-Diät. Der Name verrät es schon: Wer gesund leben will, muss den täglichen Speiseplan individuell auf die Blutgruppe abstimmen. Während sich Menschen mit der Blutgruppe A vegetarisch ernähren sollten, darf Blutgruppe 0 Fleisch essen, muss aber Milch- und Weizenprodukte meiden. Blutgruppe B verträgt außer Schalen- und Krustentieren fast alles. Am besten steht es für Personen mit Blutgruppe AB, ihnen wird Mischkost empfohlen.

Man mag schmunzeln, wenn man diese Ideen hört. Nicht immer aber ist es so leicht, eine Diät spontan, allein mit gesundem Menschenverstand zu beurteilen. Der Ideenreichtum in der Branche ist fast bewundernswert. Und an medizinisch begründeten Argumenten für die Diät-Konzepte fehlt es selten. Manche Diätvorschriften sind so ausgeklügelt und so weitausholend begründet, dass man nicht auf einen Blick erkennen kann, was dahintersteckt.

Wie erkennt man eine gute Diät?

Einige Fragen können helfen, die Qualität einer Diätvorschrift zu beurteilen. Wie sieht der Speiseplan aus? Sind Lebensmittel verboten? Wird eine gesunde Ernährungsweise eingeübt? Die Grundidee vieler Diäten ist das einseitige Verbot eines bestimmten Nahrungsmittels oder einer Nahrungsmittelgruppe. Folglich bilden dann andere Lebensmittel den Schwerpunkt der Ernährung. Je einseitiger eine Diätvorschrift ist, desto größer ist die Gefahr einer Fehlernährung, eines Mangels an bestimmten Nährstoffen oder einer Stoffwechselstörung. Ein weiterer großer Nachteil: Extreme Diäten lassen sich nur schwer durchhalten. Man wird sie leid und kann die erlaubten Lebensmittel bald nicht mehr sehen und riechen. Dagegen wächst der Heißhunger auf die verbotenen Speisen. Die Kontrolle versagt, und dann schlägt man richtig zu.

Eine gute Diät ist abwechslungsreich, schmackhaft und sättigend. Ausgewogene, energiereduzierte Mischkost gilt als langfristig erfolgreichste Ernährungsform. Konkret heißt das: reichlich Lebensmittel mit komplexen Kohlenhydraten mit hoher Sättigungswirkung wie Kartoffeln und Vollkornprodukte, viel Obst sowie rohes und gegartes Gemüse, magere Milchprodukte, fettarmes Fleisch und mageren Fisch. Verbote sind in einer Diät nicht erlaubt. Was spricht schließlich gegen Schokolade oder Wein? Frei nach Paracelsus gilt: Die Menge macht´s. Persönliche Vorlieben und Abneigungen sind gestattet. Nur wenn die Freude am Essen und Trinken bleibt, lässt sich eine Diät langfristig durchhalten.

Wie viele Kalorien sind erlaubt?

Bekanntlich kommt Übergewicht nicht über Nacht, sondern wird "mühsam" über die Jahre erworben. Blitzdiäten sind folglich geradezu unnatürlich. Wird der Körper auf radikal kalorienreduzierte Kost gesetzt, zum Beispiel 500 Kilokalorien pro Tag, reagiert er – von möglichen gesundheitlichen Komplikationen einmal abgesehen - mit dem "Spargang". Er setzt den Grundumsatz herab, um länger mit den Energiereserven auszukommen. Beendet man die Diät, bleibt der Grundumsatz zunächst auf niedrigem Niveau. Dadurch kann der Körper die zugeführte Energie nutzen, um die Fettreserven wieder aufzufüllen, zur Vorsorge für die nächste Hungerszeit. Konsequenz: Man nimmt sehr schnell wieder zu.

Stressfrei ist für den Körper nur eine moderate Reduzierung der Energiezufuhr. 1000 Kalorien pro Tag werden als Minimum angesehen, besser sind aber mehr. Schließlich muss man auch während der Diät leistungsfähig bleiben und kann sich keine Abgeschlagenheit leisten. Experten empfehlen 1500 bis sogar 2000 kcal. Mit dieser eher moderaten Drosselung der Energiezufuhr nimmt man zwar nicht so schnell ab wie mit einer Crash-Diät, dafür aber langfristig. Mehr als 0,5 bis 1 kg Körpergewicht pro Woche sollte man nicht verlieren. Nach einigen Wochen wird sich auch dieses Tempo in der Regel noch etwas verlangsamen.

Sind Sport und Bewegung vorgesehen?

Wer abnehmen will, muss mehr Energie verbrauchen als er zuführt. Andernfalls wird der Körper seine Energiereserven nicht angreifen. Effektive Gewichtsreduktion steht daher auf zwei Säulen: der Reduktion der Energiezufuhr und der Steigerung des Energieverbrauchs. Regelmäßige körperliche Bewegung – es muss ja nicht unbedingt Sport sein - verbraucht nicht nur während der Aktivitätsphase Energie, sondern erhöht auch den Grundumsatz. Ein Effekt, auf den niemand verzichten kann, der Gewicht verlieren und sein Wunschgewicht später halten möchte. Gute Diät-Konzepte erkennt man daran, dass sie nicht nur Rezeptvorschläge, sondern auch Verhaltens- und Bewegungstipps bieten.

Ist die Diät einfach umzusetzen?

Ob man eine Diät durchhalten kann, steht und fällt mit ihrer Praktikabilität. Wenn man erst einen Kochkurs belegen muss, um die Mahlzeiten zubereiten zu können, spricht das nicht für die Diät. Vor allem muss es möglich sein, auswärts zu essen: Pausenmahlzeiten am Arbeitsplatz, Kantinenessen oder Essen während einer Dienstreise. Auch eine Geburtstagsfeier und ein geselliger Abend in einer Kneipe müssen realisierbar sein. Schließlich geht der Alltag auch während der Diät weiter, und der Abnehmwillige braucht konkreten Rat, wie er mit den verschiedenen Situationen umgehen sollte. Noch ein anderer wichtiger Aspekt: Eine Reduktionskost muss nicht mehr kosten als die normale Nahrung.

Warum will man abnehmen?

Autoren einer guten Diät sollten ihre Leser wie in einer persönlichen Diätberatung kritisch nach deren Zielen und Beweggründen fragen. Denn oft sind es gar nicht die Vollschlanken, die abnehmen wollen, sondern vor allem junge Frauen, bei denen man auch auf den dritten Blick keine Spur von Übergewicht feststellen kann. Ob mager schön ist, ist Geschmackssache – ungesund ist es in jedem Fall. Es ist deshalb verantwortungslos, solche Schönheitsideale nicht zu hinterfragen. Diätprogramme, die Mannequin-Maße und Traumfiguren im Unisex-Modell als erstrebenswert darstellen, sind abzulehnen. Bei einer seriösen Diät geht es um Gesundheit und Wohlbefinden.

Auch auf ein anderes Problem sollten die Diätprogramme hinweisen: die Motivation. Wenn jemand nur deswegen fasten will, weil es die Freundin oder der Partner verlangt, kann er kaum mit Erfolg rechnen. Die Motivation wird nur selten reichen, die Lebensgewohnheiten wirklich umzustellen. Stattdessen ist der Frust vorprogrammiert und oft auch ein höheres Gewicht als vorher.

Die Ziele, die man den Diätwilligen verspricht, müssen realistisch sein. Es ist ein großer Erfolg, wenn man langsam über ein Jahr verteilt 5 bis 15 Prozent seines Ausgangsgewichts verliert. Wer noch mehr in Aussicht stellt, provoziert Enttäuschungen und zerstört die Durchhaltekraft.

Wie geht es hinterher weiter?

Man kann nicht sein ganzes Leben lang Diät halten. Irgendwann muss Schluss sein! Aber wie geht es dann weiter? Das erreichte Gewicht lässt sich nur halten, wenn man nicht wieder in alte Gewohnheiten zurückfällt. An ihrem Ende zeigt sich die wirkliche Qualität einer Diät. Ist es gelungen, eine gesunde Ernährungs- und Lebensweise so zu trainieren und zu verinnerlichen, dass man sie beibehalten will, weil man sich damit besser fühlt? Die optimale Diätform ist, kalorienmäßig leicht ausgeweitet, auch für die Zeit danach geeignet. Das Motto heißt dann auch weiterhin: bewusst essen und bewusst genießen mit viel Obst und Gemüse, ballaststoffreicher Kost, kalorienarmen Lebensmittel-Varianten, ohne Verbote, aber mit Augenmaß. Die regelmäßige Bewegung gehört ebenso dazu.

Mit Hilfe der beschriebenen Fragen gelingt es meist leicht, eine Diät zu beurteilen und sich Durchblick in der Modewelt des Abnehmens zu schaffen. So hilfreich ansprechende Diätprogramme mit motivierenden Ratschlägen auch sein mögen, es geht auch ohne. Man kann genauso zum Ziel kommen, wenn man die beschriebenen Grundprinzipien einfach direkt für sich umsetzt.

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