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Kein Grund zur Entwarnung

03.12.2001
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WELT-AIDS-TAG

Kein Grund zur Entwarnung

von Ulrike Wagner, Eschborn/dpa

Am vergangenen Samstag engagierten sich in Deutschland wieder viele Menschen im Kampf gegen Aids. Ausgerüstet mit Sammeldosen verteilten sie rote Schleifen und Kondome gegen das Vergessen. Denn Entwarnung ist nicht angesagt, weder in Deutschland und schon gar nicht weltweit. "Aids ist nicht erledigt", betonte auch Reinhard Kurth, Präsident des Robert-Koch-Instituts (RKI). In Deutschland befürchten Experten künftig mehr Neuinfektionen, weil viele Menschen sich nicht mehr vor der Übertragung schützen. In Europa sieht sich vor allem die Ukraine einem rasch wachsenden Problem ausgesetzt. Und in Afrika ist eine ganze Generation bedroht.

Im Zentrum der diesjährigen Aktionen unter dem Motto "I care... do you?" (Aids geht mich an - dich auch?) standen erneut junge Männer. "Denn jeder vierte Mensch mit HIV oder Aids ist ein junger Mann unter 25 Jahren, und fast überall finden sich unter den HIV-Infizierten und Aids-Toten mehr Männer als Frauen", schreibt die Deutsche Aids-Hilfe. Oft haben die Männer die Entscheidungsgewalt sowohl über ihr eigenes Schicksal, als auch über das der Partner/innen und Kinder.

Dabei seien Männer auch selbst Opfer, geprägt durch Gesellschaft und Kultur, in der sie aufwachsen. Wer als wagemutiger Draufgänger erzogen wird, der weder Schwäche noch Schmerz kennt, nimmt nicht nur auf sich selbst, sondern auch auf andere kaum Rücksicht. Diesen gefährlichen Bildern von Männlichkeit will UNAIDS entgegenwirken.

Weltweit sind etwa 40 Millionen Menschen mit HIV infiziert, rund 3 Millionen starben im vergangenen Jahr an der Immunschwäche. "In jeder Stunde eines jeden Tages werden fast 600 Menschen infiziert. Und in jeder Stunde sterben mehr als 60 Kinder an dem Virus", beschreibt UN-Generalsekretär Kofi Annan die Situation.

Epidemie in der Ukraine

Ein Brennpunkt in Europa ist die Ukraine. Bis zu einem Prozent der Bevölkerung sind dort mit HIV infiziert. Gemeldet sind inzwischen 72.000 Infizierte, allerdings sei dies nur die Spitze des Eisbergs, sagt Dr. Peter Piot von UNAIDS. Drei Viertel der Betroffenen haben sich über kontaminiertes Fixerbesteck infiziert, aber auch der Anteil der sexuell übertragenen Infektionen steige an. "In der Ukraine breitet sich die Epidemie schneller aus als irgendwo sonst auf der ganzen Welt", so Piot. Dabei sind junge Menschen am stärksten bedroht. In einigen Regionen war jeder zweite Infizierte jünger als 20 Jahre.

Verantwortlich für diese Entwicklung ist laut UNAIDS unter anderem die hohe Arbeitslosigkeit in der Ukraine, die fehlende soziale Absicherung sowie nicht gezahlte Gehälter. Die weit verbreitete Unsicherheit ist ein optimaler Nährboden für Prostitution und Drogenmissbrauch.

Die Regierung des Landes sieht der Entwicklung jedoch nicht tatenlos zu. So beginnt zum Beispiel die Zahl der Mutter-Kind-Transmissionen zu sinken, weil die infizierten Mütter leichter Zugang zur Therapie haben. Zudem werden die Soldaten inzwischen in Schulungen auf HIV aufmerksam gemacht. Ihnen wird erklärt, wie sie sich vor einer Infektion mit dem Immunschwäche-Virus und anderen sexuell übertragbaren Erkrankungen schützen können. Für Prostituierte und andere Risikogruppen sind Regierungsprogramme angelaufen. Der Präsident der Ukraine hat das Jahr 2002 offiziell zum Jahr gegen Aids deklariert und damit auch den politischen Willen ausgedrückt, die Epidemie zurückzudrängen. Die Vereinten Nationen werden nach eigenen Angaben die Bemühungen der Ukraine unterstützen.

Das Pharmaunternehmen Boehringer Ingelheim hat die Ukraine nach eigenen Angaben Ende November in die Liste der Empfängerländer des Viramune®-Spendenprogramms aufgenommen. Die Firma hatte sich im Jahr 2000 bereit erklärt, den Wirkstoff Nevirapin zur Prävention der Mutter-Kind-Übertragung des HIV-1-Virus fünf Jahre kostenlos an Entwicklungsländer zu liefern. Bisher geschieht dies in 18 verschiedenen Ländern.

Waisen in Russland

Aber nicht nur die Ukraine ist betroffen. In ganz Osteuropa breitet sich das HI-Virus außerordentlich schnell aus. So sind in Russland inzwischen mehr als 75.000 Menschen infiziert, innerhalb der letzten drei Jahre stieg die Zahl auf das 15fache. Das melden UNAIDS und die Weltgesundheitsorganisation WHO in einem gemeinsamen Bericht. Die tatsächlichen Zahlen liegen wahrscheinlich weit über den registrierten.

HIV-infizierte Kinder werden in Russland oft von ihren Müttern einfach ihrem Schicksal überlassen. Oft wachsen sie in Krankenhäusern heran, wo sich niemand um sie kümmern kann. Noch nicht einmal die Waisenheime nehmen sie auf, aus Angst vor Ansteckung, schreibt die russische Journalistin Mascha Gessen in der Zeitschrift "Itogi". Etwa 5000 Kinder wurden in diesem Jahr in der früheren Sowjetunion von HIV-positiven Frauen zur Welt gebracht, schätzt UNAIDS. Ein Viertel der Neugeborenen ist HIV-positiv.

Dabei kann heutzutage die Ansteckung im Mutterleib oft verhindert werden. In Russland mache aber das medizinische Personal bei der Vorbeugung nicht mit, schreibt Gessen. Eher würden HIV-positive Schwangere zur Abtreibung gezwungen. Ärzte weigerten sich, Geburtshilfe zu leisten. "Sie denken, dass Aids-infizierte Frauen überhaupt nicht gebären sollten."

Auch das russische Gesundheitsministerium sieht wenig Sinn in der so genannten "vertikalen Vorbeugung". "90 Prozent der schwangeren Aids-infizierten Frauen sind Drogenkonsumentinnen, denen in erster Linie die Beschaffung weiterer Narkotika wichtig ist, nicht das Wohl ihrer zukünftigen Kinder", sagte der Abteilungsleiter für Aids-Prophylaxe im Ministerium, Alexander Goliussow.

Die Deutschen sind unvorsichtig

In Deutschland erwartet das RKI für das Jahr 2001 etwa 2000 neue HIV-Infektionen. Bei etwa 700 HIV-positiven entwickelte sich die Infektion in diesem Jahr zu Aids. Die Zahl der HIV-Neudiagnosen und der Aidserkrankungen lasse zwar keine dramatischen Veränderungen erkennen, aber die Zunahme der sexuell übertragbaren Infektionen in vielen westlichen Industriestaaten und bestimmten Regionen Deutschlands steht für ein verändertes sexuelles Risikoverhalten. Präventionsmaßnahmen wie die Aids-Beratungsstellen oder Informationsveranstaltungen leiden unter dem Abbau von Personal und finanzieller Ressourcen, warnt das RKI. In Nordamerika, Australien und Teilen Europas steigt die Rate der Neuinfektionen bereits wieder an.

In Deutschland machen homosexuelle Männer mit 38 Prozent auch weiterhin die größte Gruppe bei den Neuinfizierten aus. Zweitgrößte Gruppe sind Menschen aus Ländern, wo HIV weit verbreitet ist. 17 Prozent haben ihre HIV-Infektion durch heterosexuelle Kontakte erworben, stammen jedoch nicht aus einem Hochprävalenzland, sondern sind mehrheitlich Deutsche. In Deutschland leben derzeit insgesamt rund 38 000 Menschen mit HIV oder Aids.

Südafrikaner ignorieren Aids

In Afrika hält die rasche Verbreitung des HI-Virus indessen kontinuierlich an: 2001 haben sich 3,4 Millionen Menschen neu infiziert, 2,3 Millionen starben. In Swaziland, Botswana und einigen Gebieten Südafrikas sind mehr als 30 Prozent der Schwangeren HIV-positiv. In einigen Ländern Westafrikas wie Nigeria, wo die Zahl der Infizierten bislang niedrig war, sind inzwischen mehr als 5 Prozent der Bevölkerung HIV-positiv.

Südafrikas Jugendliche haben einen geradezu tödlichen neuen Schutzmechanismus gegen die Aids-Epidemie entdeckt: Sie verneinen sie einfach. "Wir haben herausgefunden, dass sich die Jüngeren stärker des Aids-Risikos bewusst sind als die 18-Jährigen", sagt Professor Dr. Richard Mkandawire von der Venda-Universität in Thohoyandou. Er hat gemeinsam mit anderen Forschern eine neue Studie vorgelegt. Demnach zeigt vor allem die sexuell aktive Altersgruppe der 18- bis 30-Jährigen die Tendenz, die tödliche Gefahr schlicht und einfach zu verleugnen. Je nach Region gingen 47 bis 61 Prozent der befragten jungen Südafrikaner davon aus, dass Aids nicht auf dem Vormarsch sei. 8 Prozent waren sogar der Ansicht, dass es Aids gar nicht gibt. Die Auffassung der Jugendlichen steht in krassem Gegensatz zu den Aids-Statistiken der UN, die im Vorfeld des Welt-Aids-Tages veröffentlicht wurden. Danach liegt die durchschnittliche Lebenserwartung in Südafrika bei 47 Jahren, ohne Aids würde sie 66 Jahre betragen, berichtet UNAIDS.

 

Impfstoff gegen Aids Die Aids-Impfstoffentwicklung hat bereits wichtige Etappenziele erreicht. Das berichtete die Deutsche Aids-Stiftung anlässlich des Welt-Aids-Tages. Die erste Komponente einer Mehrfachimpfung, getestet in Oxford und Nairobi, gilt seit diesem Herbst als verträglich. Forscher bereiten derzeit gefördert von der International Aids Vaccine Initiative (IAVI) die nächsten Erprobungsphasen vor.

Für die Ärmsten der Welt sei eine sichere und wirksame Impfung die einzige mittelfristig realistische Chance auf Schutz vor einer HIV-Infektion, sagte Ulrich Hiede vom Vorstand der Deutschen Aids-Stiftung. Mehr als zwanzig deutsche Firmen und Forschungseinrichtungen sind an der Aids-Impfstoff-Entwicklung beteiligt. So habe die Universität Regensburg in langjähriger Forschungsarbeit einen Impfstoff entwickelt, der in Europa und China erprobt werden soll. Hergestellt wird er von den Impfstoffwerken Dessau-Tornau. "Damit Deutschland eine führende Position einnehmen kann, sind allerdings zusätzliche finanzielle Mittel dringend erforderlich", sagte Norbert Brockmeyer, Präsident der Deutschen Aids-Gesellschaft.

Brockmeyer und Heide betonten ihre Zuversicht, dass mittelfristig Impfstoffe erfolgreich eingesetzt werden können. Gleichzeitig sei die Aufklärung der Bevölkerung weiterhin notwendig. "Impfstoffe sind unsere größte Chance zur globalen Eindämmung der Epidemie - Vorbeugung ist zurzeit aber der einzige Schutz vor der Infektion." Um die Erprobung von Impfstoffen zu beschleunigen und nicht industriellen Entwicklern zu öffnen, wir derzeit von der Europäischen Union eine "Clinical Trials Platform" (ECTP) aufgebaut.

 

Die Legion der in Armut orientierungslos aufwachsenden Aids-Waisen dürfte die bereits hohe Kriminalitätsrate im Lande mittelfristig kaum sinken lassen. Auch der verbreitete Aberglaube, dass Sex mit Jungfrauen von Aids heile, wirkt verheerend: Die außergewöhnlich hohe Zahl der Vergewaltigungsfälle im Land bekommt eine neue Dimension durch das immer jüngere Alter der missbrauchten Kinder. Südafrikas Regierung, die bisher unter Leitung von Präsident Thabo Mbeki bei der Aids-Politik eine mitunter diffus-konfuse Haltung eingenommen hatte, reagiert auf die Herausforderung eher zögerlich.

Zu zögerlich, fanden deutsche Kirchen-Vertreter, die die schleppende flächendeckende Versorgung mit Medikamenten kritisierten. Seit vergangenem Montag muss sich die Regierung deswegen auch vor Gericht verantworten. Der Verbund von Aids-Hilfsorganisationen TAC (Treatment Action Campaign) klagt auf uneingeschränkte Freigabe des Medikaments Nevirapin für die Behandlung von HIV-infizierten schwangeren Frauen. Nevirapin soll Babys vor einer Übertragung des Virus schützen. Obwohl auch Südafrika von Boehringer Ingelheim für fünf Jahre die kostenlose Belieferung des Medikaments angeboten bekam, hat die Regierung den flächendeckenden Einsatz vorerst verboten.

In Asien steigt ebenfalls die Zahl der Infizierten, auch wenn einige kleinere asiatische Länder große Anstrengungen bei der Prävention unternehmen. Allein in China, wo die Zahl der HIV-Positiven Ende 2000 auf 600.000 geschätzt wurde, ist inzwischen wahrscheinlich 1 Million Menschen betroffen. Nach langem Schweigen widmet sich jetzt auch die chinesische Regierung dem Problem. In einigen Ländern des Mittleren Ostens, die bislang weitgehend frei von HIV waren, breitet sich das Virus nun unter Risikogruppen rasch aus.

Allerdings sind auch Erfolge zu vermelden. So wurde in Uganda und Kambodscha die Inzidenz von Aids reduziert. Und auch in Polen konnte die Verbreitung durch allgegenwärtige Kampagnen gegen den Austausch von Kanülen und für den Gebrauch von Kondomen gestoppt werden - ein beachtenswerter Schritt für ein von der katholischen Kirche geprägtes Land.

Um die Epidemie weltweit zu begrenzen, hat UN-Generalsekretär Kofi Annan einen Fonds ins Leben gerufen, der möglichst noch vor Ende des Jahres eingerichtet werden soll. Die Bundesregierung habe 150 Millionen Euro zugesagt. Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD) hat die deutschen Unternehmen aufgerufen, sich wie andere internationale Firmen an dem weltweiten Aids-Fonds zu beteiligen. Die Europäische Kommission hat zum Welt-Aids-Tag verstärkte Anstrengungen für preiswerte Medikamente versprochen.

 

VFA und Kirche gemeinsam gegen AidsStephanie Czajka, Berlin Gemeinsam haben sich der Verband forschender Arzneimittelhersteller (VFA) und die Gemeinsame Konferenz Kirche und Entwicklung (GKKE) für verstärkte Anstrengungen bei der Bekämpfung von Aids in Entwicklungsländern ausgesprochen. Dr. Stephan Reimers, Vorsitzender der GKKE, und Cornelia Yzer, Hauptgeschäftsführerin des VFA, stellten vergangene Woche in Berlin ein von beiden Organisationen erarbeitetes Strategiepapier vor.

Kirchen und pharmazeutische Unternehmen hatten bereits 1992 ein erstes Positionspapier zur "Arzneimittelversorgung in der Dritten Welt" verabschiedet. Zur Bewältigung der HIV-Krise mangele es weniger an Wissen als an "politischem Willen zur Verantwortung, an Koordination und Kohärenz der Maßnahmen wie auch an den erforderlichen Ressourcen" heißt es in dem jetzt verfassten Strategiepapier. Ferner heißt es dort: "Die forschenden Arzneimittelhersteller unterstützen das Prinzip differenzierter Preisbildung für Medikamente" und die Kirchen "bekennen sich zu ihrer Aufgabe, die kirchlichen Partner im Süden ... darin zu unterstützen, das Netz des Schweigens in ihren Gesellschaften zu durchbrechen".

Der komplette Text des gemeinsamen Papiers "Kirchen und forschende Arzneimittelhersteller: Grundlagen für konzertierte Maßnahmen gegen die HIV/Aids-Pandemie" ist abrufbar unter www.justitia-et-pax.de oder unter www.vfa.de.

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