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Neue Technologien zu selten eingesetzt

24.11.2003
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Interventionelle Radiologie

Neue Technologien zu selten eingesetzt

von Patrick Hollstein, Berlin

Minimalinvasive Operationsmethoden ersetzen immer öfter umfangreiche chirurgische Eingriffe. Auf diese Weise lässt sich nicht nur das Komplikationsrisiko für den Patienten senken, häufig eröffnen die neuartigen Techniken überhaupt erst die Perspektive auf eine adäquate Behandlung. Voraussetzung sind bildgebende Verfahren, die dem Operateur die Kontrolle über seine Arbeit ermöglichen.

Seit einigen Jahren werden bildgebende Verfahren nicht mehr nur zur Diagnose, sondern auch für die Behandlung von Krankheiten eingesetzt. Neue technische Errungenschaften in der Radiologie und anderen Disziplinen ermöglichen es heute, mit geringen Schmerzen und Unannehmlichkeiten für den Patienten eine Reihe schwerwiegender Erkrankungen erfolgreich zu behandeln. In Deutschland seien die neuen Methoden jedoch vielfach unbekannt oder würden bei kurzfristiger Kosten-Nutzen-Rechnung ungünstig beurteilt, stellten Wissenschaftler auf einem Treffen der Deutschen Röntgengesellschaft (DRG) kürzlich in Berlin fest.

Dabei reichen die Einsatzmöglichkeiten der so genannten interventionellen Radiologie von der Erweiterung verengter Gefäße aus dem Gefäßlumen heraus bis hin zum Auffüllen brüchig gewordener Wirbelkörper mit Zement. Auch bei Krebserkrankungen kommen die neuen Technologien zum Einsatz, und selbst Hirnblutungen lassen sich damit verhindern.

Platinspiralen gegen Hirngefäßen

Ein Großteil aller Hirnblutungen entsteht durch Aussackungen in den Hirngefäßen, so genannte Aneurysmen. Diese kommen bei etwa 3 Prozent der Bevölkerung vor, bleiben aber meist symptomlos. Kommt es zur Ruptur und zur Blutung, stirbt ein Drittel der betroffenen Patienten. Bei einem weiteren Drittel treten Rezidive oder eine bleibende Behinderung auf. Die klassische Behandlung von Aneurysmen besteht in einer neurochirurgischen Operation, bei der nach Öffnen des Schädels die Gefäßausbuchtung von der Blutzirkulation abgeklemmt wird. Die Gefahr für bleibende Schäden und die Wahrscheinlichkeit, dass der Patient den Eingriff nicht überlebt, sind dabei hoch.

Laut Expertenmeinung könnten jedoch 80 Prozent aller Aneurysma-Patienten mit einer seit 1991 eingesetzten minimalinvasiven Methode behandelt werden. Bei dem GDC (Gugliemli Detachable Coils) genannten Prinzip werden über einen 0,6 Millimeter dünnen Mikrokatheder, der von der Leiste aus bis in den Kopf und in das Zentrum des Aneurysmas gesteuert wird, hauchdünne und extrem weiche Platinspiralen in der Ausbuchtung abgesetzt. Bei Bedarf wird vor dem Eingang des Aneurysmas ein Stent platziert, um ein Abdriften der Spiralen zu verhindern. Neuere Spiralen aus einem quellbaren Material verankern sich selbst in der Gefäßwand. Nach dem Eingriff wird der Katheter entfernt; zurück bleibt eine winzige Narbe. Eine in Großbritannien koordinierte Studie zum Vergleich der klassischen Operationsmethode und dem GDC-Verfahren mit 2100 Patienten musste vorzeitig abgebrochen werden, da der Vorteil der Coiling-Technik evident war.

Lokale Verödung bösartiger Tumoren

In der Krebstherapie kommen minimalinvasive Verfahren zum Beispiel bei Myomen und Lebermetastasen zum Einsatz. Letztere treten bei vielen Krebsarten in einem sehr frühen Stadium der Tumorausbreitung auf. Bei mehr als zwei Dritteln der Patienten ist eine Operation nicht möglich. Seit einiger Zeit haben Wissenschaftler jedoch verschiedene lokale Therapien entwickelt, bei denen der Tumor entweder chemoembolisiert, vereist oder verkocht wird.

Das derzeit am weitesten verbreitete Verfahren ist die örtliche Hitzeverkochung (hypertherme Ablation), zu der die Radiofrequenzablation (RFA) gehört. Hierbei wird eine Sonde – computertomographisch oder kernspintomographisch überwacht – in den Tumor eingeführt. Durch einen hochfrequenten Wechselstrom wird dieser dann von innen „verkocht“. Das geschädigte Gewebe vernarbt anschließend und wird abgebaut. Die Methode kann auch bei anatomisch ungünstigen Verhältnissen durchgeführt werden und lässt sich wiederholen. Der Tumor sollte aber nicht größer als 3,5 Zentimeter sein, und insgesamt sollten nicht mehr als fünf Metastasen vorliegen. Eine Narkotisierung des Patienten ist meist nicht notwendig. Das Verfahren wird auch zur Behandlung bestimmter Knochentumoren, Lungenmetastasen sowie zur Therapie von Nierenkrebs anstelle einer Operation eingesetzt.

Myome aushungern

Myome, gutartige Geschwülste der glatten Muskelfasern der Gebärmutter, treten als häufigste Tumore der weiblichen Geschlechtsorgane bei bis zu 30 Prozent aller Frauen im gebärfähigen Alter auf. Auf Grund ihrer Lage und Größe (von Tennisball- bis Kindskopfgröße) verursachen sie Blutungen, gefolgt von Blutarmut und allgemeiner Schwäche, sowie Völlegefühl und Harndrang. Da die Myomektomie, also das operative Entfernen des Knotens aus der Gebärmutter, oft auf Grund der Zahl und Größe der Myome nicht möglich ist, wird vielen betroffenen Frauen im fortgeschrittenen Alter angeraten, die Gebärmutter entfernen zu lassen. Die Myomembolisation als neues wirksames Verfahren bietet den Patientinnen jedoch eine nichtoperative Alternative, bei der die Myome lokal verödet werden. Eine Operation mit Schnitt und Vollnarkose sowie langem Krankenhausaufenthalt entfällt. Stattdessen wird ein dünner Katheder in die Schlagader des Beines eingeführt und unter Röntgenkontrolle bis in die Schlagader der Gebärmutter und weiter bis zu den das Myom versorgenden Blutgefäßen geführt. Kleine Plastikpartikel werden nun in die Blutgefäße gespritzt, so dass diese embolisiert und von der Blutzufuhr abgeschnitten werden. Das Myom wird „ausgehungert“ und schrumpft bereits nach kurzer Zeit.

Die Therapie ist bei bis zu 90 Prozent der Behandlungen erfolgreich, gelegentlich verschwindet das Myom vollständig. Komplikationen und Nebenwirkungen sind deutlich geringer als bei einer Operation. Mehr als 50.000 Myomembolisationen wurden seit 1995 weltweit durchgeführt. In Deutschland ist die Methode immer noch wenig bekannt und wird den Patientinnen zu selten angeboten. Top

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