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Erfolgversprechende Therapieansätze bei AIDS

25.11.1996  00:00 Uhr

-Medizin

  Govi-Verlag

Erfolgversprechende Therapieansätze bei AIDS

  Das HI-Virus ist unbeirrt auf dem Vormarsch: 22 Millionen Menschen sind weltweit nach WHO-Schätzungen bereits infiziert, bis zum Jahr 2000 rechnet man mit 40 Millionen. Über die Hälfte der AIDS-Kranken leben in Afrika, aber auch in Asien gibt es mit über 800 000 Neuinfektionen jährlich einen zunehmenden Trend. In Europa geht man momentan von einer halben Million Infizierter aus - Tendenz auch hier steigend.

Von einer Erkrankung der Homosexuellen und Drogenabhängigen könne man schon lange nicht mehr sprechen, erklärte Dr. Ulrike Dietrich vom Georg-Speyer-Haus in Frankfurt. Immer mehr HIV-Infektionen werden heterosexuell übertragen, weltweit sind es bereits 70 Prozent. Hinzu komme die permanent zunehmende Variabilität des Virus, so Dietrich im Oktober beim Interpharm-Fortbildungskongreß in Leipzig. Mittlerweile seien es nicht mehr "nur" die beiden Erreger HIV-1 und -2 mit ihren verschiedenen Subtypen, inzwischen habe man auch Rekombinanten gefunden, die genetisches Material von beiden enthalten. Aufgrund der hohen Fehlerquote der viralen Reverse-Transkriptase bei der Replikation des Virus sei schon innerhalb eines Patienten eine Erregervariabilität um rund 5 Prozent zu beobachten, so Dietrich weiter. Innerhalb eines Subtyps liege diese Zahl bei 10 bis 20 Prozent, zwischen verschiedenen Subtypen bei über 30 Prozent. Die Entwicklung eines wirksamen Impfstoffs werde immer unwahrscheinlicher.

Lichtblicke in der Therapie

Trotzdem gibt es auch Anlaß zur Hoffnung, jedenfalls was die Behandlung angeht. So wisse man, daß nicht nur die Lymphozyten, sondern auch die langlebigen Makrophagen Zielzellen für das HI-Virus sind. Weiterhin sei es vor kurzem gelungen, den Zusammenhang zwischen der Viruslast eines Infizierten und seinem Erkrankungsrisiko aufzuzeigen - laut Professor Dr. Helga Rübsamen-Waigmann ein wesentlicher Schritt: "Je mehr Viruspartikel, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, das Vollbild AIDS zu entwickeln." Man habe damit ein klar definiertes Therapieziel: Senkung der Viruslast unter die Nachweisgrenze.

Zumindest in Ansätzen gelingt das heute bereits durch die kombinierte Anwendung von Arzneistoffen, die die viralen Enzyme Reverse Transkriptase (RT) oder Protease hemmen. Den größten Erfolg verspricht derzeit die Dreifach (Triple)-Kombination von zwei RT-Inhibitoren (AZT und 3TC) und einem Protease-Inhibitor (Indinavir), so die AIDS-Forscherin. "Das heißt aber nicht, daß kein Virus mehr da ist. Kein Anstieg der Viruslast bedeute lediglich, daß keine Virusvermehrung mehr stattfindet und "ohne Vermehrung keine Mutationen". Zusätzlich werde mit Zytokinen (Interleukin 2) behandelt, da sich durch Stabilisierung des Immunstatus der Erfolg der AZT/3TC/Indinavir-Kombination zum Teil verbessern lasse. Complianceprobleme seien bei vielen Patienten programmiert. Resultat: Resistenzentwicklungen und Unwirksamkeit. Ziel sei es daher, neue, besser verträgliche Substanzen und neue, langwirksame Darreichungsformen zu entwickeln.

Gentherapie bereits in Erprobung

Ein weiterer, "attraktiver Ansatz bei AIDS" ist für Rübsamen-Waigmann die Gentherapie. Es sei denkbar, die Knochenmarksstammzellen gegen das Virus resistent zu machen. Versuche, die Zellen, von Patienten zu entnehmen, in vitro mit Resistenzgenen zu versehen und ihnen wieder zu implantieren, laufen in den USA bereits. Nachteilig seien allerdings die sehr hohen Kosten dieses Ansatzes: Pro Anwendung, die voraussichtlich in regelmäßigen Abständen (alle paar Jahre) wiederholt werden muß, werden 100000 bis 200000 DM veranschlagt. Zum Vergleich: Die jährlichen Kosten pro Patient für die AZT/3TC/Indinavir-Kombination liegen um 20000 DM.

PZ-Artikel von Bettina Schwarz, Leipzig        

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