Pharmazeutische Zeitung online

Cochlea-Implantat als Alternative

15.11.1999
Datenschutz bei der PZ

-MedizinGovi-Verlag

SCHWERHÖRIGKEIT

Cochlea-Implantat als Alternative

von Gertrude Mevissen, Eschborn

80.000 Menschen in Deutschland sind schwerhörig. Ob gehörlos von Geburt an, ertaubt als Folge einer schweren Erkrankung oder schwerhörig im Alter, oft scheint ein Hörgerät der einzige Weg zurück in die Welt der Stimmen und Geräusche zu sein. Schwerhörigen Menschen kann jedoch mit einem Cochlea-Implantat geholfen werden, mit dem sie Geräusche unterscheiden und meistens auch Sprache sehr normal verstehen können, meldet die Firma Med-El, Innsbruck. 4000 Gehörlose tragen in Deutschland bereits ein Cochlea-Implantat.

Das menschliche Gehör kann in äußeres Ohr (äußerer Gehörgang, Ohrmuschel), Mittelohr (Paukenhöhle, Trommelfell) und Innenohr (Schnecke, Hörnerv) unterteilt werden. Äußeres Ohr und Mittelohr dienen der Schallverstärkung und Schallleitung. Akustische Schwingungen führen zu Luftdruckschwankungen im Gehörgang. Diese übertragen sich auf das Trommelfell, das daraufhin im Takt des akustischen Reizes vibriert und dabei den Gehörknöchelchen-Komplex aus Hammer, Amboss und Steigbügel auslenkt. Über Hebelmechanismen pflanzt sich dieses mechanische Signal auf das "ovale Fenster" fort. Dabei handelt es sich um eine elastische Membran am Eingang zur Schnecke (Cochlea), deren Schwingung wiederum zur Bewegung der Innenohrflüssigkeit führt. Die circa 25.000 Sinneszellen im Inneren der Schnecke, die so genannten Haarzellen, werden durch die Bewegung der Innenohrflüssigkeit ausgelenkt und zu elektrischen Impulsen angeregt. Über den Hörnerv gelangen diese Impulse in bestimmte Areale der Großhirnrinde, wo sie als letzte Instanz im Unternehmen Hören als akustische Information decodiert und assoziativ interpretiert werden.

Schwerhörigkeit ist nicht gleich Schwerhörigkeit

Einige schwerhörige Patienten können akustische Signale zumindest eingeschränkt wahrnehmen - ihnen kann mit Hörgeräten geholfen werden. Sind jedoch die Haarzellen im Innenohr vollständig zerstört, ist eine Umwandlung der Schwingungen in Aktionspotentiale nicht mehr möglich. Diese Kinder und Erwachsenen leiden dann unter hochgradigem oder absolutem Hörverlust. Solange der Hörnerv noch funktioniert, kann ein Cochlea-Implantat (CI) hier helfen. Eine Stimulationselektrode wird dazu in die Cochlea des Innenohrs eingeführt und übernimmt dort über mehrere Reizkontakte die Funktion der defekten Haarzellen.

Ein Mikrofon, das die Patienten wie ein Hörgerät hinter dem Ohr tragen, nimmt die verschiedenen Schallschwingungen auf und wandelt sie in elektrische Signale um. Diese werden zu einem Sprachprozessor geleitet, den der Betroffene wie ein Walkman mit sich trägt oder in einer Hörgerät-ähnlichen Version hinter seinem Ohr befestigt. Der Sprachprozessor kodiert die elektrischen Signale in ein Pulsmuster, das über ein Kabel zum Sender hinter dem Ohr und von dort aus in verschlüsselter Form weiter zum implantierten Empfänger transportiert wird. Der Empfänger entschlüsselt das Signal und leitet das Pulsmuster zur Stimulationselektrode, die die Haarzellen in der Cochlea ersetzt. Die von dieser Elektrode abgegebenen elektrischen Pulse aktivieren den Hörnerv an unterschiedlichen Stellen innerhalb der Cochlea. Solange der Hörnerv noch funktionstüchtig ist, übermittelt er das elektrische Signal daraufhin ins Gehirn, das den Reiz als akustisches Ereignis interpretiert.

Nutzen und Grenzen eines Cochlea-Implantats

Trotz medizinischer Voruntersuchungen lässt sich nicht mit absoluter Gewißheit vorhersagen, wie sich Sprache und Sprachverständnis eines Patienten nach der Implantation entwickeln werden. Viele Patienten mit Cochlea-Implantaten erreichen jedoch relativ schnell ein gutes, die meisten sogar ein offenes Sprachverständnis (ohne Lippenablesen). Selbst telefonieren ist für viele kein Problem mehr, und auch Umgebungsgeräusche, wie beispielsweise Autohupen oder Sirenen, können Implantat-Träger differenziert wahrnehmen. Falls ein Hörgerät keine ausreichende Hilfe bietet, sollte möglichst früh operiert werden, da frühimplantierte Kinder bessere Hörerfolge erzielen. Hören eröffnet ihnen wichtige Sozialkontakte, die für ihre Entwicklung sowie für ihre Schul- und Berufsausbildung wichtig sind.

Ein wenig mehr Lärm, Getrommel, und Aufklärung jenseits der Stille mag deshalb hoffentlich den Gehörlosen, sei es durch die Familie, den Arzt oder den Apotheker zu Ohren kommen - um Möglichkeiten als auch Grenzen eines Cochlea-Implantats aufzuzeigen und verständlich zu machen.

Top

© 1999 GOVI-Verlag
E-Mail: redaktion@govi.de

Mehr von Avoxa