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Medizin

28.10.1996  00:00 Uhr

-Medizin

  Govi-Verlag

Durchbruch in der Transplantationsmedizin ?

  Trotz großer Fortschritte bei der Übertragung von Organen ist eine Transplantation noch immer kein Routineeingriff. Die Suche nach einem geeigneten Spender und das Verhindern der Organabstoßung nach dem Eingriff stellen die Ärzte vor große Probleme. Eine neue Studie, bei der die immunologischen Grundlagen der Abstoßung von Fremdgeweben untersucht wurden, gibt Anlaß zu der Hoffnung, daß in Zukunft mit Hilfe eines gentherapeutischen Eingriffes diese Probleme gelöst werden.

Für eine erfolgreiche Transplantation ist es notwendig, daß Spender und Empfänger möglichst ähnliche MHC-Moleküle (major histocompatibility complex) besitzen. Die MHC-Moleküle befinden sich auf der Oberfläche aller Zellen und sind der „Fingerabdruck" des betreffenden Gewebes. Wird ein fremdes Organ in den Körper eingebracht, so erkennen es die Immunzellen mit Hilfe der MHC-Moleküle und stoßen es ab. Bislang müssen Patienten nach einer Transplantation Immunsuppressiva wie Ciclosporin, Tacrolimus oder Glucocorticoide einnehmen, um die Abstoßung zu verhindern. Allerdings werden die Patienten dadurch für opportunistische Infektionen sehr anfällig.

Seit langem ist bekannt, daß das Hodengewebe eine Sonderstellung einnimmt, da es bei einer Transplantation nicht abgestoßen wird. Bellgrau und seine Mitarbeiter untersuchten die molekulare Grundlage dafür. Sie transplantierten Hodengewebe einer Maus unter die Nierenkapsel einer anderen Maus. Hodengewebe von normalen Mäusen wurde wie erwartet nicht abgestoßen. Übertrugen sie jedoch Gewebe von einer Maus, die ein mutiertes CD95-Ligandenmolekül (CD95 L) auf der Zelloberfläche trug, wurde das Transplantat abgestoßen. Das CD95 L-Molekül (auch Fas oder Apo-I-Ligand genannt) ist ein Protein, das eine wichtige Rolle bei der Regulation von Imunantworten spielt. Es kann in Zellen, die den CD95-Rezeptor tragen, den programmierten Zelltod auslösen.

Die T-Zellen, die hauptsächlich für die Abstoßung von Geweben zuständig sind, besitzen im aktivierten Zustand auf ihrer Oberfläche CD95-Rezeptormoleküle. Die Wechselwirkungen zwischen CD95 und seinem Liganden vernichtet gezielt die aktivierten T-Zellen und verhindert so auch überschießende Autoimmunantworten. Weitere Experimente zeigten, daß Hodentransplantate in Mäusen ohne CD95-Rezeptor wie normales Gewebe abgestoßen werden. In anderen Organen wie Leber, Lunge oder Lymphknoten konnte der Ligand nicht nachgewiesen werden.

Die Ergebnisse lassen darauf schließen, daß die CD95-Liganden-Rezeptorinteraktion eine sehr wichtige Rolle bei der Abstoßung von körperfremden Geweben spielt. Es wird dadurch die Perspektive eröffnet, in Zukunft mit Hilfe der Gentherapie CD95-Ligandenmoleküle in zu transplantierende Organe einzuführen und so die Abstoßung zu verhindern. In diesem Fall wäre die möglichst genaue Übereinstimmung der MHC-Moleküle und die Gabe immunsuppressiver Medikamente überflüssig.

PZ-Artikel von Bettina Wick, Freiburg    

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