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Vergessene Erfolge und hartnäckige Gerüchte

22.10.2001  00:00 Uhr
IMPFUNGEN

Vergessene Erfolge und hartnäckige Gerüchte

von Ulrike Wagner, Geisenheim

Deutschland hat einen traurigen Exportschlager: Masernviren. Noch immer lassen viele Eltern ihre Kinder nicht gegen die vermeintliche Kinderkrankheit impfen, die bei Komplikationen zum Tod führen kann. Dabei "gehören Schutzimpfungen zu den effektivsten Maßnahmen der Medizin. Kein anderes Mittel ist in der Lage, in vergleichbarem Umfang Gesundheit zu garantieren", betonte Professor Dr. Heinz-Josef Schmitt vom Zentrum für Präventive Pädiatrie der Universitäts-Kinderklinik, Mainz, und Vorsitzender der Ständigen Impfkommission am Robert-Koch-Institut (STIKO).

"Deutschland hat mit die sichersten, am besten geprüften und überwachten Impfstoffe weltweit. Impfstofftypische Nebenwirkungen mit bleibenden Schäden sind für diese Impfstoffe nicht bekannt", sagte er. Trotzdem tauchen immer wieder Berichte über scheinbare Impfkomplikationen auf.

So soll die Keuchhusten-Impfung zum Beispiel Hirnschäden oder plötzlichen Kindstod verursachen, die Impfung gegen Hepatitis B das Risiko für multiple Sklerose erhöhen, die Masern-Impfung wird mit Enzephalitiden in Zusammenhang gebracht, und Impfen soll bei Kindern Autismus ausgelöst haben. Alle diese Berichte beruhen auf einem zeitlichen Zusammentreffen von Impfung und Erkrankung, erklärte Schmitt. Studien mit Kontrollgruppen hätten gezeigt, dass es bei diesen Vorkommnissen keinen ursächlichen Zusammenhang zwischen Impfung und der betreffenden Krankheit gibt.

Alte Impfstoffe hatten tatsächlich oft schwerwiegende Nebenwirkungen. So kam es nach Pockenimpfung bei einigen Geimpften zu Enzephalitiden. Die Pocken gelten jedoch inzwischen als ausgerottet, und der Impfstoff wird nicht mehr verwendet. Dass trotzdem immer wieder Meldungen von Impfkomplikationen in die Medien geraten, liege oft an den Wissenschaftlern selbst. "Eine vermutete Impfstoff-Nebenwirkung ist schwerwiegend genug, damit Forschungsgelder fließen", sagte Schmitt. Die Ergebnisse dieser Forschungen gelangen dann meist nicht mehr in die Öffentlichkeit, bedauerte er.

Statistik allein reicht nicht

Zudem müsse jedes unerwünschte Ereignis, das zeitlich einer Medikamentengabe folgt, gemeldet werden. Wissenschaftler beobachteten viele Ereignisse und formulierten viele Thesen, aber aus dem reinen Zusammentreffen zweier Ereignisse - zum Beispiel Impfung und Krankheit - kann noch lange nicht auf Ursächlichkeit geschlossen werden, stellte Schmitt klar. Um dies sicher nachzuweisen, müsse in einer Fall-Kontrollstudie untersucht werden, ob das unerwünschte Ereignis tatsächlich häufiger bei Geimpften als bei Ungeimpften auftritt. Außerdem muss das Geschehen biologisch plausibel zu erklären sein. Rein statistisch sei zum Beispiel nach einer Impfung gegen Hepatitis A das Risiko für eine Schwangerschaft um den Faktor 10 erhöht. Tatsächlich sei dafür eher die Urlaubsreise selbst verantwortlich - die Hepatitis-A-Impfung ist eine Reiseimpfung.

In den Köpfen der Menschen halte sich jedoch hartnäckig die einmal geäußerte Hypothese der Impfnebenwirkungen, bedauerte Schmitt. Der Schaden sei erheblich, der damit und durch die kleine Gruppe der echten Impfgegner, die mit denselben Koinzidenzen argumentieren, angerichtet wird.

Häufig vergessen würden dabei die Impferfolge. Durch Impfungen werden Antibiotika seltener eingesetzt. Gäbe es keine Impfungen, hätten bereits viel mehr Erreger Resistenzen entwickelt. Geimpfte sind oft auch vor Sekundärerkrankungen geschützt. So verhindert eine Impfung gegen Hämophilus influenzae (Hib) Pneumonien und die Influenza-Impfung zum Beispiel Herzinfarkte und Mittelohrentzündungen. Gute Durchimpfungsraten schützen auch Schwangere, Patienten mit Krebs oder HIV-Infektion sowie Unterernährte und Arme vor Infektionen.

Zu den Impfnebenwirkungen, die tatsächlich auch heute zu beobachten sind, zählen Schmerz, Schwellung und Rötung an der Impfstelle sowie Fieber. Wesentlich seltener - nach einer kanadischen Studie bei einem von 300.000 Impflingen - kann es zur anaphylaktischen Reaktion kommen. Der impfende Arzt muss sich daher mit den Symptomen und den entsprechenden Maßnahmen auskennen, sagte Schmitt. Impfstoff-spezifisch kann es bei einer von 30.000 Impfungen gegen Mumps zu einer Thrombopenie kommen, die jedoch nicht lebensbedrohlich verläuft. Bei Rötelimpfungen habe man akute Arthropathien beobachtet, die jedoch nicht dramatisch sind und nach der Impfung wieder verschwinden. Abszess, Blutungen und Verletzungen seien auf falsche Impftechnik zurückzuführen und als Kunstfehler einzuordnen.

 

Schadensersatz "Impfung verursachte Polio - Arzt zahlt Schadensersatz" ist die Überschrift einer Meldung, die diese Woche durch die Medien geisterte. Eine Ärztin hatte 1995 einem Mann, der nach St. Petersburg reisen wollte, eine Polio-Impfung empfohlen. Kurze Zeit nach der Impfung erkrankte der Kläger an einer Impfpoliomyelitis. Nach Meinung des Oberlandesgerichts Hamm hatte die Ärztin den Mann nicht ausreichend über die Impfrisiken aufgeklärt.

Der Kläger hatte eine Schluckimpfung mit dem Lebendimpfstoff (OPV) erhalten. Dabei traten im Durchschnitt bei einem von 500.000 Geimpften diese Impfkomplikationen auf. Da es seit 1992 zu keinen natürlichen Polio-Infektionen gekommen war, pro Jahr durch den oralen Impfstoff jedoch ein bis zwei Menschen an einer durch den Impfstoff ausgelösten Poliomyelitis erkrankten, empfiehlt die Ständige Impfkommission am Robert-Koch-Institut (STIKO) seit 1998 ausschließlich den Einsatz des inaktivierten Polio-Impfstoffs (IPV), der injiziert werden muss. Die Schluckimpfung darf heute nicht mehr gegeben werden, auch wenn nur durch das Schluckimpf-Programm der Erreger so stark zurückgedrängt wurde. Zum Vergleich: 1952 erkrankten in Deutschland noch 21.000 Menschen an Kinderlähmung.

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